"Liberace"-Biopic Der Sugardaddy und sein Boytoy
"Liberace"-Biopic: Der Sugardaddy und sein Boytoy
Foto: DCMDieser Mann ist die pure Pracht. Eine Fee mit Föhnfrisur, ein zehnfingriger Zauberer mit einmaligem Talent für Piano und Entertainment. Die Best-Ager-Damen im Publikum seufzen wollüstig, wenn er über die Bühne gockelt, aber auch der 16-jährige Scott Thorson ist verzaubert. Später schleicht er sich mit einem Freund, der den Künstler persönlich kennt, Backstage. Und dort schnackelt es gewaltig zwischen dem Boytoy in spe und Liberace, dem 57-jährigen "Mr. Showmanship".
Was danach passierte, erzählte Thorson in seinem Buch "Behind the Candelabra" (Hinter dem Kronleuchter), das er 1988 veröffentlichte, ein Jahr nachdem Liberace an den Folgen von Aids gestorben war. Fünf Jahre hatte die Beziehung gehalten, es folgten ein mehrjähriges Verfahren wegen Alimentezahlungen, die Liberace seinem ehemaligen Chauffeur und Liebhaber versprochen haben soll. Sogar eine Adoption sei ihm in Aussicht gestellt worden, behauptet Thorson.
Steven Soderbergh legt in seiner Filmadaption, die er für den Pay-TV-Sender HBO inszenierte, den Fokus auf den wohl skurrilsten Aspekt der Beziehung. Liberace (Michael Douglas) versucht, seinen Lover zu seinem zweiten, jüngeren Ich zu morphen. Mit Hilfe von chirurgischen Eingriffen bekommt Thorson (Matt Damon) eine Liberace-Nase und ein Liberace-Kinn verpasst. Auch Liberace selbst legt sich regelmäßig unter das Messer von Dr. Schwartz, den Rob Lowe mit Permanent-Smile, Löwenhaar und beinahe regungslos operierter Gesichtsmaske herrlich spielt.
Mit Pelzmantel zum Cruising
Die Dramaturgie der kurzen Beziehung zwischen dem ungebildeten, naiven Thorson und dem bühnenerfahrenen Pfau ist in "Liberace" ansonsten sehr einfach gehalten: Der himmlischen ersten Verliebtheit folgt die übliche schleichende Langeweile, in der Thorson langsam an Gewicht zulegt, während Lee, wie Liberace genannt wird, steigendes Interesse an außerpartnerschaftlichen Erlebnissen äußert.
Biopic "Liberace": Ein bisschen zu viel des Bunten
Um abzunehmen und seinem Gönner weiter zu gefallen, nimmt Thorson immer unkontrollierter von Dr. Schwartz verschriebene Diät- und Stimmungsdrogen. Der Beziehung tut das - natürlich - nicht gut. Während sich Lee Anfang der achtziger Jahre samt Hermelin in einem Sextreff vergnügt, bricht Thorson dort auf dem schmuddeligen Boden zusammen. Lee lässt seinen Schatz fallen, verleugnet später jede intime Beziehung zu ihm und sucht sich den nächsten Lover. Erst kurz vor Lees Tod treffen die Ex-Liebenden, Thorson inzwischen drogenfrei und fit, noch einmal zwecks gegenseitigem Verzeihen zusammen.
Der Film hat Thorsons Buch zur Grundlage, eine gewisse Einseitigkeit ist die Folge. Als ob niemandem wehgetan werden dürfe, schlängeln sich Soderbergh und Drehbuchautor Richard LaGravenese an tiefergehenden Konflikten vorbei. Thorsons Bisexualität wird in einer einzigen Szene angesprochen, ansonsten aber ignoriert. Auch das enge Verhältnis Liberaces zu seiner polnischen Mutter wird nur skizziert. Am Ende stehen sowohl Lee als auch Thorson als gutmütige Opfer der Umstände da: Thorson kann nichts dafür, in wessen Arme sein flammendes Herz ihn schickte. Und Liberace ist ja auch nur ein Mann. Beziehungsweise eine Queen.
20 Kilo Federn und Strass
Soderbergh, der in vielen seiner Filme die Tiefe von Beziehungen und Konflikten in minimalen, präzisen Bildern dargestellt hat, bleibt mit "Liberace" an einer flamboyanten Oberfläche. Diese ist - ganz nach Liberaces Motto "Too much of a good thing is wonderful" - überaus liebevoll und opulent ausgestattet. Auch ist der Film wegen der Schauspieler und einiger guter Pointen bisweilen grandios anzusehen - etwa wenn Scott nachts im Bett fast einen Herzkasper bekommt, weil sein Sugardaddy nach der letzten OP mit halb geöffneten Augen schläft. Oder in vielen amüsanten Bühnensequenzen, in denen der glitzernde Geck in 20 Kilo Federn und Strass auf und ab stolziert und mit öliger Show-Stimme fragt: "Könnt ihr mich sehen?".
Michael Douglas spielt den Entertainer so glatt-charmant und überzeugend, und dabei trotz Dekoexplosion so wenig übertrieben tuntig, dass man den nicht minder überzeugenden Matt Damon in seiner Überwältigung gut verstehen kann. Beide tappen nicht in die Chargieren-Falle, die bei einem solchen Thema droht, sondern nehmen ihre Figur (wörtlich und sinnbildlich) genauso ernst wie ihre Frisur.
Letztlich ist "Liberace" aber eine einfache, vorhersehbare, erstaunlich sexarm erzählte Liebesgeschichte, die in einem extravaganten Gewand daherkommt. Soderbergh sagte im Vorfeld, die Finanzierung habe stagniert, weil der Film "zu schwul" für Hollywoods Studios gewesen sei. Ohne den Sender HBO, der 23 Millionen Dollar aufbrachte (und sich in der Folge über 3,5 Millionen Zuschauer bei der TV-Premiere sowie 11 Primetime Emmys freuen konnte), wäre das Projekt nicht zustande gekommen.
Auch in Cannes, wo "Liberace" als einziger TV-Film im Wettbewerb lief, häuften sich die positiven Kritiken. Trotzdem fragt man sich, ob das mangelnde Studiointeresse nicht auch an der fehlenden Fallhöhe von Soderberghs Version von Liberaces Leben gelegen hat. Schließlich bedeutet eine schillernde Fassade nicht, dass dahinter nichts zu sehen wäre.