Spider-Man Andrew Garfield: Schüchternheit als Stärke
Andrew Garfield "Spider-Man ist wichtiger als jeder Schauspieler"
SPIEGEL ONLINE: Mr. Garfield, haben Sie eigentlich ein privates Spider-Man-Kostüm, das sie ab und zu daheim anziehen, nur so zum Spaß?
Garfield: Zu hause habe ich keins, aber speziell für diese Pressereise habe ich mir tatsächlich ein Kostüm eingepackt, für alle Fälle, falls ich das Bedürfnis habe, für ein paar Augenblicke anonym zu sein. Als Spider-Man verkleidet kann ich in Ruhe Städte wie Sydney oder Peking erkunden, und keiner erkennt mich.
SPIEGEL ONLINE: Das machen Sie nicht wirklich, oder?
Garfield: Wer weiß…?
SPIEGEL ONLINE: Als Sie damals erstmals die Maske Ihres Kindheitshelden angezogen haben, kamen Ihnen die Tränen, heißt es. Wie emotional sind Sie heute, wenn Sie ins "Spider-Man"-Kostüm schlüpfen?
Andrew Garfield wurde 1983 in Los Angeles geboren, wuchs aber in England auf. Erstes Aufsehen erregte der ausgebildete Theater-Schauspieler 2006 als jugendlicher Vorbestrafter im britischen Kinodrama "Boy A". Seinen internationalen Durchbruch erlebte er 2010 als Mark Zuckerbergs Geschäftspartner Eduardo Saverin im Facebook-Film "The Social Network". 2012 übernahm er die Rolle des Comic-Helden "The Amazing Spider-Man" für eine Kino-Trilogie gleichen Namens. Der erste Teil spielte weltweit mehr als 700 Millionen Dollar ein, Garfield wurde von der Kritik als bisher beste Verkörperung des Marvel-Helden gelobt. Privat ist er mit seiner "Spider-Man"-Filmpartnerin Emma Stone liiert.
Garfield: Sehr emotional! Wenn man sich klarmacht, dass alles irgendwann einmal endet, auch meine Rolle als "Spider-Man", dann wertet diese Erkenntnis jeden einzelnen Moment dieser Erfahrung auf. Es wäre leicht, zu jammern, dass ich mich lieber ausruhen oder mal wieder eine andere Art Film drehen würde. Aber in Wahrheit betrachte ich die Rolle immer noch als Chance, der Held meiner Kindheit sein zu können.
SPIEGEL ONLINE: Sie antizipieren schon jetzt den Abschied von der Figur nach dem dritten Film. Wird Ihnen die Übergabe der Rolle an den nächsten "Spider-Man"-Darsteller schwerfallen?
Garfield: Nein, im Gegenteil, es wird gut und richtig sein, die Rolle weiterzugeben. Denn das erinnert mich daran, dass ich auch nur ein winziges Staubpartikel in der langen Erbfolge der "Spider-Man"-Saga bin. Es geht ja darum, diese Geschichte immer weiterzuerzählen, mit neuen Augen und frischer Leidenschaft.
SPIEGEL ONLINE: In vielen Szenen des aktuellen Films"The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro" müssen Sie mit der Spider-Man-Maske spielen, die Ihr ganzes Gesicht verhüllt. Ist das nicht ein großes Handicap für einen Schauspieler?
Garfield: Ich genieße das eher, diese Macht, die durch Anonymität entsteht. Es kann sogar viel effektvoller für den Zuschauer sein, wenn dein Gesicht nicht zu sehen ist, weil er so seine eigenen Gefühle auf die Figur projizieren kann. Außerdem kann ich viele Dinge auch über meine Körpersprache oder meine Stimme transportieren.
SPIEGEL ONLINE: Sie bezeichnen sich selbst als schüchtern und sensibel, als Teenager wurden Sie deshalb gehänselt und herumgeschubst. Betrachten Sie die Schauspielerei generell als eine Maske, hinter der Sie sich als Person verstecken können, ein Schutzmechanismus?
Garfield: Das kann man so sehen. Ich begreife es eher als Mittel, um noch tiefer in mich hineinfühlen zu können. Es hilft mir, herauszufinden, wer ich wirklich bin. Die Schauspielerei erlaubt es mir, aus meinen Schwächen, wenn man Eigenschaften wie Sensibilität, Verletzlichkeit und Weichherzigkeit so betrachten will, Stärken zu machen, sie sogar zu feiern. Es gibt dieses Sprichwort: In deiner tiefsten Wunde verbirgt sich deine größte Gabe.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als fühlten Sie sich heute im Reinen mit sich selbst.
Garfield: Wissen Sie, ich kann mein Leben damit verbringen, zu versuchen, jemand anderes zu sein, und könnte daraus sogar vielleicht ein perverses Vergnügen ziehen, aber zum Glück habe ich in der Schauspielerei eine Begabung entdeckt, die es mir leichter macht, mich kennenzulernen und zu akzeptieren, wie ich wirklich bin. Und das ist nicht nur heilsam für mich als Person, sondern macht auch noch Spaß.
SPIEGEL ONLINE: Seit Sie Spider-Man spielen, sind Sie ein umschwärmter Hollywood-Star. Inwieweit stehen sich Schüchternheit und Narzissmus im Wege, wenn es darum geht, mit dieser neuen Berühmtheit umzugehen?
Garfield: Mein Verhältnis dazu wird wahrscheinlich immer problematisch bleiben. Früher war es so, dass mich vielleicht mal jemand auf der Straße angesprochen hat, der mich in einem kleinen Film gesehen hatte. Das war wie ein fairer Handel zwischen zwei Geschäftspartnern: Ich hatte ihm durch meine Darstellung etwas gegeben, und nun gab er mir durch seine Anerkennung etwas zurück. Seit dem ersten "Spider-Man"-Film ist dieser Deal völlig aus der Balance geraten: Leute kommen auf mich zu, die den Film gar nicht gesehen haben, sondern mein Gesicht nur aus dem Internet kennen. Auf der ersten Pressetour hatte ich mit dieser verzerrten Realität massive Probleme. Ich versuchte ständig, mich in aller Öffentlichkeit in mich selbst zurückzuziehen.
SPIEGEL ONLINE: Sehr anstrengend, oder?
Garfield: Schmerzhaft sogar, denn ich versuchte mich gegen etwas zu stemmen, was in diesem Stadium meiner Karriere unvermeidlich ist. Mir wurde klar: Wenn ich all diese ganzen Dinge, die ich nun einmal machen muss, Premieren auf dem roten Teppich, Fan-Events, Interviews - wenn ich all das nur mache, um meine eigene Eitelkeit und mein Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung zu füttern, dann werde ich niemals Spaß daran haben. Es gibt viele Kollegen in der Branche, die damit die Leere in sich zu füllen versuchen. Aber das empfinde ich als sehr ungesund.
SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre Alternative?
Garfield: Ich habe gelernt, alles wie ein Bühnenstück zu betrachten, ein Spiel. Bei der Reaktion, die jemand mir gegenüber zeigt, egal wie hysterisch, geht es ja gar nicht um mich persönlich, es geht um dessen Träume, Wünsche, Bedürfnisse, all das, was ich als Projektionsfläche für ihn gerade sein muss. Indem ich mir das immer wieder vor Augen führe, kann ich diese rohe Energie, die mir da auf dem roten Teppich entgegenströmt, von mir abprallen lassen. Ich nehme es nicht persönlich und rede einfach weiter über "Spider-Man" und darüber, was er repräsentiert. Denn in Wahrheit ist er ein viel wichtigeres Symbol als jeder Schauspieler oder Star. So lange ich das Gefühl habe, ich diene dieser größeren Sache, kann ich ruhig schlafen.