The Hate U Give: Amandla Stenberg im Interview - DER SPIEGEL
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"The Hate U Give": Kein Freund, kein Helfer

Foto: Twentieth Century Fox

Shootingstar Amandla Stenberg "Meine erste Reaktion ist immer Unbehagen"

In dem Film "The Hate U Give" glänzt Amandla Stenberg als Schülerin, die sich durch die Black-Lives-Matter-Bewegung politisiert. Hier erzählt sie, wie sie selbst mit Rassismus im Alltag und in Hollywood umgeht.
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Foto: Rich Fury / AFP

Amandla Stenberg, geboren 1998 in Los Angeles, wurde als Rue im ersten Teil von "Die Tribute von Panem" berühmt. Nach Auftritten in Serien wie "Sleepy Hollow" oder auf Beyoncés "visual album" "Lemonade" ist sie nun in ihrer ersten Hauptrolle zu sehen: In der Verfilmung von Angie Thomas' Bestseller "The Hate U Give", der auch in Deutschland ein Erfolg war und den Deutschen Jugendbuchpreis gewann, spielt sie die Schülerin Starr, die ihren besten Freund durch Polizeigewalt verliert.

SPIEGEL ONLINE: Miss Stenberg, gleich zu Beginn des Films "The Hate U Give" gibt es eine Szene, in der Ihren Filmgeschwistern und Ihnen vom Vater eingetrichtert wird, wie man sich als Afroamerikanerin verhalten sollte, wenn man von der Polizei angehalten wird. Haben Ihre Eltern mit Ihnen auch so ein Gespräch geführt?

Stenberg: Nicht in diesem klassischen Format, so nach dem Motto: Setz dich, wir müssen reden. Aber das Thema war auch bei uns zu Hause sehr präsent. Ich bin mit dem Wissen aufgewachsen, dass die Polizei nicht unbedingt mein Freund und Helfer ist.

SPIEGEL ONLINE: Was macht das mit einem?

Stenberg: Wenn man mit diesem Wissen aufwächst, zieht das ein dauerhaftes Gefühl von Unsicherheit nach sich, selbst an Orten, an denen man eigentlich sicher sein sollte. Es ist ziemlich beunruhigend, wenn man davon ausgehen muss, dass die Personen, die eigentlich für deinen Schutz verantwortlich sind, womöglich nicht deine besten Interessen im Sinn haben. Meinen Erfahrungen nach wurde das auch immer wieder bestätigt, wenn ich bei uns in der Nachbarschaft erlebte, wie die Polizei mit anderen Schwarzen interagierte. Später war ich auch selbst in Situationen, in denen ich von Polizisten sicherlich anders behandelt worden wäre, wenn ich eine andere Hautfarbe hätte.

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"The Hate U Give": Kein Freund, kein Helfer

Foto: Twentieth Century Fox

SPIEGEL ONLINE: Sie fühlen sich in Anwesenheit eines Polizisten nie sicher?

Stenberg: Meine erste Reaktion ist immer Unbehagen. Ich gucke Polizisten nie an und mache nach Möglichkeit einen Bogen um sie. Das ist als Verallgemeinerung sicher auch ungerecht, denn natürlich sind nicht alle Polizisten gleich. Aber gegen mein erstes Bauchgefühl kann ich nichts tun. Die Bewegung Black Lives Matter wurde nicht umsonst so groß und wichtig. Es war einfach ein Punkt erreicht, an dem wir nicht mehr still hinnehmen wollten, dass so viele Afroamerikaner durch Polizistenhand sterben, und dies war ein Weg, gemeinsam zu trauern und zu protestieren. Deswegen fing ich auch an, mit auf die Straße zu gehen. Doch selbst dort war es oft erschreckend zu sehen, wie die Polizei gegen Demonstranten vorging.

SPIEGEL ONLINE: Das nicht nur auszuhalten, sondern sich auch aktiv politisch gegen Rassismus zu engagieren, braucht Stärke...

Stenberg: Glauben Sie mir: Ich habe auch Tage, an denen ich nur heulend den Fernseher ausmachen kann, weil ich nicht noch eine Meldung über einen jungen Schwarzen sehen möchte, der unschuldig von Polizisten erschossen wurde. Aber dann erinnere ich mich wieder dran, wie viel die Generationen vor uns schon erreicht haben, und dass man nie aufgeben darf, egal wie einschüchternd die vor uns liegende Aufgabe ist und wie viel Zeit Veränderung braucht. Aktuell erscheinen die Gewalt, die Ungerechtigkeit und der Rassismus manchmal überwältigend, weil heutzutage alles so sichtbar und omnipräsent ist. Doch gleichzeitig entsteht dadurch auch eine Kultur der Rechenschaft und Verantwortlichkeit, die vieles sehr viel schneller verändert als früher. Social Media und neue Technologien haben viel damit zu tun, dass meine Generation sich gerade so politisiert. Das finde ich sehr inspirierend.

SPIEGEL ONLINE: Dass Sie selbst zu einer politischen Person wurden, gab es dafür einen konkreten Anlass, eine Art Knackpunkt?

Stenberg: Ich glaube, das war eher ein langsamer, kontinuierlicher Prozess. Meine Mutter hat mir schon als Mädchen immer wieder Bücher gegeben, die politisch waren oder sich mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinandersetzten. Mein politisches Bewusstsein reifte also Stück für Stück - und tut es bis heute noch. Man wacht ja nicht eines Morgens auf und hat plötzlich eine Haltung, sondern lernt immer wieder dazu und ändert auch mal seine Meinung. Vor vier Jahren, mit 16, habe ich jedenfalls begriffen, dass ich als Schauspielerin auch eine Art Plattform habe, andere Menschen zu erreichen, wenn ich etwas zu sagen habe.

SPIEGEL ONLINE: Wurde das in Ihrem Umfeld und innerhalb der Branche ermutigt? Oder gibt es Druck in Hollywood, als junge Schauspielerin doch besser brav und lieb zu sein und Ruhe zu geben?

Stenberg: In meinem direkten Umfeld würde nie jemand etwas gegen meine Offenheit und Direktheit sagen. Und falls doch, wäre die Sache damit für mich erledigt. Aber klar, innerhalb des Hollywood-Systems gibt es diesen Druck durchaus. Allerdings habe ich ziemlich schnell beschlossen, dass sich alle mal verpissen können, denen nicht passt, was ich zu sagen habe. Ich kann nicht anders, als ich selbst und authentisch zu sein, selbst wenn ich immer wieder mal spüre, dass es Versuche gibt, mich zu zügeln. Aber eine klare politische Haltung oder auch mein offener Umgang mit der Tatsache, dass ich queer bin, sind in meinem Alltag und eigentlich auch in dem meiner Generation etwas ziemlich Normales. Nur innerhalb der zum Teil noch recht traditionellen Branchenstrukturen gilt das noch als unangepasst.

SPIEGEL ONLINE: Schlagen wir noch einmal den Bogen zurück zu "The Hate U Give". Die von Ihnen gespielte Starr lebt mit Ihrer Familie in einem überwiegend von Schwarzen bewohnten Viertel, besucht aber eine Schule, an der sonst fast nur Weiße sind. Das muss Ihnen bekannt vorgekommen sein, oder?

Stenberg: Ich war echt verblüfft, als ich den Roman von Angie Thomas las - so viele Parallelen gab es zu entdecken zwischen Starr und mir. Nicht nur der Unterschied zwischen dem Alltag zu Hause und dem in der Schule, sondern auch ihr beginnender Aktivismus. Wie sie Social Media für sich entdeckt und dort erstmals das Selbstbewusstsein findet, offen die verschiedenen Mikroaggressionen seitens ihrer weißen Freundinnen thematisiert, das konnte ich sofort nachvollziehen. Außerdem weiß auch ich, wie es ist, Halbgeschwister zu haben. Und ich kenne das Gefühl, mit jemandem liiert zu sein, der weiß ist - und sich immer zu fragen, ob diese Person mich wirklich versteht.

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The Hate U Give: Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2018

Thomas, Angie
Verlag: cbj
Seitenzahl: 512
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17.10.2026 14.37 Uhr

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SPIEGEL ONLINE: Bei Ihnen kommt hinzu, dass Sie eine schwarze Mutter und einen weißen Vater haben. Wie sehr fühlten Sie sich in Ihrer Jugend hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Identitäten?

Stenberg: Sagen wir es mal so: Ich kenne das Gefühl, nirgends wirklich dazuzugehören. Wobei das nicht ein Dauerzustand ist, sondern nur in bestimmten Situationen auftritt. Und ich kenne es auch, mich selbst in gewisser Weise meiner Umgebung anzupassen. Vielleicht nicht so extrem, wie wir es in "The Hate U Give" zeigen, wo wir Starrs sprachliches und auch optisches Code-Switching auf die Spitze treiben. Ich selbst denke nicht in einer Tour darüber nach. Aber natürlich verhalte ich mich anders, wenn ich ausschließlich vom afroamerikanischen Teil meiner Familie und meiner Freunde umgeben bin. Und ich spreche dann auch anders, als ich es zum Beispiel hier im Interview tue. Das passiert einfach unwillkürlich.

SPIEGEL ONLINE: Und das ändert sich auch nicht?

Stenberg: Nein, warum auch? Dagegen ist doch gar nichts zu sagen. Code-Switching ist ja etwas ganz Natürliches und bis zu einem gewissen Grad auch Bestandteil des Schwarzseins in Amerika. Schlimm ist es nur, wenn man sich dabei ertappt, wie man bewusst versucht, "weniger schwarz zu wirken", um es mal so auszudrücken. Dabei habe ich mich hin und wieder erwischt, weil ich mich kleiner, gefälliger, angepasster machen wollte. Aber damit tut man niemandem einen Gefallen, am wenigsten sich selbst, denn das führt letztlich zu Selbstverleugnung.


"The Hate U Give" startet am 28. Februar in den deutschen Kinos.