Kulturhauptstadt In Chemnitz wird aus Garagengerümpel Kunst
»Früher hätte ich das nicht gemacht. Es muss ja eigentlich nicht jeder sehen, was ich in der Garage habe.«
»Das ist das Schöne, dass die Leute uns die Tore geöffnet haben.«
»Zu Chemnitz passt das auch total gut. Weil da ist ja dieses Image: das Machertum, dieses Macherinnentum.«
Hinter diesem Tor einer unscheinbaren Garage lagern wertvolle Kulturgüter. Das wussten bis vor Kurzem nicht mal ihre Besitzer. Was passiert hier? Chemnitz ist in diesem Jahr europäische Kulturhauptstadt. Und Garagenhöfe wie dieser werden plötzlich zu Kunst.
Martin Maleschka, Künstler:
»Ich würde sofort auf diese Scheibe hier mit den vielen Löchern gehen. Sieht gut aus, ein schönes Objekt.«
Der Künstler Martin Maleschka hat sich in dieser Chemnitzer Garage bedient – für eine Ausstellung im Museum, die er uns später noch zeigen wird. Er sieht sich als Vermittler des baukulturellen Erbes der DDR, sein Vater und Großvater besaßen selbst Garagen. Maleschka fasziniert vor allem, was Menschen darin alles selbst werkeln.
Peter Ekrowksi, Garagenbetreiber:
»Das hier ist das Schloss, und diese Verbindung zu dem Treibriegel, den habe ich selbst eingebaut. Das Schloss sitzt so weit hinten, dass du von außen nicht rankommst.«
In seiner Garage bewahrt Peter Ekrowski seit Jahrzehnten persönliche Errungenschaften auf.
Peter Ekrowksi, Garagenbetreiber:
»Das zum Beispiel: ein Schraubenzieher oder Schraubendreher, selbst gemacht.«
Ekrowski war in der DDR Werkzeugmacher. Aus dieser Zeit stammt auch seine Garage. Gerade mal drei Meter breit, sechs Meter lang und zwei Meter hoch sind diese Zweckbauten – und noch immer wichtig für die Identität vieler Chemnitzer, weiß Ekrowskis Kollege.
Stephan Listner, Garagenvorstand:
»Diese Garagen heute widerspiegeln die gesellschaftliche Realität der ehemaligen DDR. Das ist ein Zeugnis, ein gesellschaftlicher Nachweis, wie wir gelebt haben. Wie wir uns verhalten haben und was man sich einfallen lassen musste in der DDR.«
Nach der Wende wandelte sich auch die ostdeutsche Garagenkultur, ein Grund dafür: Überall öffneten Baumärkte, das Tauschen von Ersatzteilen wurde obsolet. Und damit auch ein wichtiger Anlass für soziale Zusammenkünfte in den Garagenhöfen. Heute stehen in Chemnitz weiterhin schätzungsweise 30.000 Garagen, fast immer sind es reine Privaträume. Der Künstler Martin Maleschka will das ändern. Für sein Projekt konnte er sich auch bei Gerhard Liebers bedienen, in einer Garage am Stadtrand.
Gerhard Liebers, Garagenbetreiber:
»Wenn irgendwas defekt ist, gehe ich in die Garage und hole es. Sie spielt jeden Tag eine Rolle. Oder wenn in der Familie jemand was zu reparieren hat, da helfen wir ihm aus. Und im Großen und Ganzen weiß ich noch, was ich dahabe.«
Martin Maleschka, Künstler:
»Wir können gern zusammen dahingehen, da finden wir ein paar hübsche Sachen. Wir haben zwei Kartons hier hingestellt, und ich bin einfach hier durchgegangen. Habe geguckt, oben, unten. Ich glaube auch so ein paar Schaumfetzen zum Beispiel hatte ich auch mitgenommen. Eine Fußmatte war auf jeden Fall dabei.«
Aber wozu banale Alltagsgegenstände zu Kunst machen? Der Titel »Kulturhauptstadt« wird jedes Jahr an europäische Städte mit sozialen und wirtschaftlichen Problemen verliehen, 2025 an Chemnitz. Maleschka und sein Team wollen mit ihrem Garagen-Kunstprojekt nicht nur die kurzfristige Aufmerksamkeit, sondern einen dauerhaften positiven Effekt für die Stadt.
Der Blick in die Garagen ist dabei auch ein Blick in die ostdeutsche Geschichte. Zu DDR-Zeiten war das Innere gut versteckt vor Nachbarn und Staat.
Gerhard Liebers, Garagenbetreiber:
»Wenn es mal eine Meinungsverschiedenheit gab, und die Frau sagte dann: gehst du wieder in die Garage. Das ist auch schon passiert. Auch bei mir. Ich habe mich auch als Rückzugsort in die Garage geflüchtet.«
Ein Rückzugsort vor allem für Männer: Nur zehn Prozent der heutigen Garagennutzenden seien Frauen, schätzt Liebers. Gleichzeitig scheint eine neue Garagenkultur heranzuwachsen. Junge Menschen pflegen in seinem Hof nicht nur ihre Autos, sondern reparieren auch Möbel. In anderen Garagen proben sie mit ihren Bands oder feiern Kindergeburtstag. Garagenleerstand gebe es wenig in Chemnitz, sagt Liebers, und die Nachfrage könnte noch steigen. Denn auf dem Kulturhauptstadtprogramm stehen auch Garagen-Rundgänge und Garagen-Partys. Damit wollen die Organisatoren auch die sogenannte schweigende Mehrheit der Stadt erreichen. Und nach dem Naziaufmarsch 2018 das Chemnitzer Image aufpolieren.
Martin Maleschka, Künstler:
»Da haben natürlich die ganzen Chemnitzer und Chemnitzerinnen einen Teil beigetragen. Das ist ja so vielfältig. Und dass man das zeigt und wirklich diese Schattenseite einfach aufhellt.
Also stellen Maleschka und sein Team das sonst verborgene Innere der Garagen im Museum aus – der Publikumsandrang an diesem Tag ist groß.
Martin Maleschka, Künstler:
»Für die Leute, von denen ich es habe, ist es etwas völlig anderes gewesen. Sie haben das natürlich überhaupt nicht verstanden, warum dieses Ding jetzt aus ihrer Garage – und hier ist auch noch Dreck drauf – plötzlich im Museum landen soll. Also einfach eine ganz neue Sichtweise auf alte Dinge geben, die dann eben wiederum Wertschätzung erfahren. Sie selbst und natürlich auch die Dinge, die Sie zum Teil ja eben auch selbst produziert haben. Das ist der Kern eigentlich.«
Ab den Neunzigerjahren habe diese Wertschätzung der ostdeutschen Kultur gefehlt, meint Maleschka. Sogar einen alten Einkaufskorb hat er hier ausgestellt, neben Vergasern und einer betagten Verbandstasche – Garagenfossile, die hier die Menschen zusammenführen.
»Vielleicht ist der aus dem Bergbau?«
»Könnte sein.«
»So ein Teil haben wir auch zu Hause.«
»Das Ding hier? Ach wirklich.«
»Ja, das ist so eine Art Universalaxt… «
Garage statt Opernhaus: Maleschka und sein Team wollen auch Menschen erreichen, die sonst eher selten mit Kunst in Berührung kommen.
Trotz Maleschkas Initiative müssen einige Bastler um die Zukunft ihrer lieb gewonnenen Rückzugsorte bangen: Der zentral in der Stadt gelegene Hof von Peter Ekrowski und Stephan Listner ist, neben anderen Höfen, potenzielles Bauland und könnte irgendwann abgerissen werden. Martin Maleschka will die kulturelle Bedeutung der Chemnitzer Garagen daher weiter stärken – mit Grillfesten, Lesungen oder Partys in den Höfen.
Stephan Listner, Garagenvorstand:
»Dass die Garagen als solche insgesamt wieder aufleben. Dass sie eine Wiederbelebung erfahren. Diese Kulturhauptstadt, dass sie das Projekt aufgenommen hat, ist nur zur Freude unserer Garagenmitglieder.«
Martin Maleschka, Künstler:
»Dass man sich damit identifiziert, mit diesen Garagen, mit diesem Machertum. Also ich glaube, das wird definitiv positive Auswirkungen haben für die Zukunft.«
Wenn durch das Projekt auch jüngere Menschen dauerhaft angezogen würden, könnte es der Stadt tatsächlich nützen: Ein Drittel der Menschen in Chemnitz ist über 60 Jahre alt. Passend dazu das letzte Highlight des Programms an diesem Tag: Mit 86 gilt die polnische DJ Vika als älteste aktive DJ Europas.