Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Leserbriefe
Brüderschaft getrunken?
Nr. 15/2026 Titel: Hey du! Die Tyrannei des Duzens
Wäre denn nach all den gruseligen Trump-Titeln nicht wenigstens zur Osterausgabe ein entsprechendes Titelbild machbar gewesen? Es braucht ja nicht unbedingt den Gekreuzigten zu zeigen, aber etwas, was die miese Grundstimmung wenigstens zur Osterzeit ein wenig aufhellt.
Georg Malkowsky, Bockenem (Nieders.)Diese exzellente Titelstory war schon lange fällig. Am schlimmsten, finde ich, geht es im Fernsehen zu. Da wird geduzt bei einer Schalte: »Wie schätzt du die Lage ein?« Da wird geduzt beim Interview: »Was erwartest du in den kommenden Tagen?«, und so geht es munter weiter. Das Befremdende am Sich-beim-Vornamen-Ansprechen und Duzen ist, dass keine journalistische Distanz mehr vorhanden ist. Es entsteht der Eindruck von Kumpanei und einem »Wir sind unter uns«-Gefühl.
Gerhard Steinbeck, Etzenricht (Bayern)Der Untertitel »Die Tyrannei des Duzens« hat mich irritiert. Ich selbst arbeite seit fast 27 Jahren in einem Unternehmen, in dem sich alle duzen. Wir duzen auch in unseren Stellenanzeigen. Wir sehen das als allgemeine Ansprache. Wir bieten das Du nach der Einstellung an. Es ist unsere Unternehmenskultur und gibt uns (auch) ein Gefühl von Gemeinschaft. Der angebliche neue Wunsch nach Respekt kann nicht durch das Sie erfüllt werden. Ich respektiere meine Führungskraft und mein Team aufgrund ihres Verhaltens innerhalb des Unternehmens und aufgrund ihrer Arbeit. Respekt zeigt sich durch die gesamte verbale und nonverbale Sprache, die ich im Umgang mit meinem Gegenüber verwende – wertschätzend und respektvoll. Ein nicht respektvoller Umgang ist das Problem, nicht das Du.
Michaela Pletziger, Weissach (Bad.-Württ)Ich habe es in Spanien und den skandinavischen Ländern immer erfrischend empfunden, in Apotheke, Buchhandlung und Arztpraxis geduzt zu werden. Ich duze selbst gerne, richte mich aber in jedem Fall nach der Präferenz des Gesprächspartners, im Zweifelsfall frage ich nach. Das »Sie« setze ich ein, wenn ich Distanz herstellen möchte, zum Beispiel wenn mir jemand nicht sympathisch ist.
Heidemarie Roith, Bad Nauheim (Hessen)Zwei Missverständnisse übersieht der Artikel: Ungefragtes Duzen von Vorgesetzten zu Untergebenen ist nicht kumpelig, sondern eine Machtdemonstration. Und: Das Englische taugt nicht als Vorbild oder Vergleich. »You« ist ein permanentes Siezen, wahrend das tatsächliche Duzen mit »thou« schon seit Jahrhunderten verschwindet.
Christoph Fuhrmann, BonnÜber mehrere Wochen besuchten meine Partnerin und ich (beide über 80) ein Gifhorner Restaurant. Eine dortige Kellnerin, die durchaus unsere Enkelin hätte sein können, duzte uns von Anfang an, wobei wir die junge Dame weiterhin siezten. Nach geraumer Zeit und schließlich einem »Dürfen wir dir bitte das Sie anbieten?« meinerseits schaute sie verdutzt und kehrte flugs zu für uns angenehmen Umgangsformen zurück.
Uwe Fröhlich, Wendeburg (Nieders.)Allein durch eine Abo-Bestellung bei unserem örtlichen Bundesligaverein bin ich offenbar gleichzeitig nolens volens zum »Mitglied der Fancommunity« geworden. Jedenfalls wurde ich fortan in unserer Korrespondenz mit Vornamen und per Du angesprochen. Mein dezenter Hinweis an den Absender, dass wir doch meines Wissens keine Brüderschaft getrunken hätten und man davon Abstand nehmen möge, wurde ignoriert. Selbst als es zu inhaltlichen Differenzen über die Auslegung des Vertrags kam, blieb man zunächst dabei. Das ist nicht nur in höchstem Grade unprofessionelles Gebaren, sondern auch übergriffig und respektlos. Ich möchte, auch wenn der Trend laxer wird, noch immer selbst entscheiden, wer mich duzen darf – und wer nicht.
Armin Frey, UlmIch lese ungefähr seit meinem neunten Lebensjahr den SPIEGEL. Heute möchte ich zum ersten Mal mein Geld zurückfordern. Ihr Titel über das Duzen und Siezen in Deutschland hat mich leider so gar nicht erhellt. In Zeiten wie diesen, in denen drängende politische Fragen auf Antworten warten, erstaunt es, wie viel Raum dem Bedauern einiger Konservativer über den Wandel in der Anredekultur eingeräumt wird. Das zunehmende Duzen sehe ich keineswegs als Verfall, sondern als gesellschaftlichen Fortschritt. Der im Artikel von einem Interviewten hergestellte Zusammenhang – das Duzen als weiteres Zeichen bürgerlicher Erosion – erschließt sich mir nicht. Sprache, die verbindet, statt zu trennen, ist ein Zeichen einer Gesellschaft, die zusammenwachsen möchte – nicht auseinanderdriften. Distanz durch Anrede aufrechtzuerhalten, war nie ein Wert an sich.
Isabel Struve, Berlin
»Firmen haben oft gar nicht so viel Arbeit anzubieten«
Der Leser Markus Haas aus München hat den Artikel »Jetzt spielt Klingbeil seine letzte Karte« (hier der Text) kritisiert. Chefkorrespondent Gerald Traufetter hat sich bei ihm gemeldet. Eine Auseinandersetzung.
SPIEGEL: Herr Haas, warum liegen der Bundesfinanzminister und wir falsch dabei, Frauen könnten durch die Abschaffung des Ehegattensplittings in Arbeit gebracht werden?
Haas: Sie gehen von der simplen Annahme aus: mehr Arbeit, mehr Wachstum, mehr Steuern – etwa indem Frauen von Teilzeit in Vollzeit wechseln. Dabei haben Firmen derzeit gar nicht so viel Arbeit anzubieten. Ich kenne mehrere gut ausgebildete Frauen, denen der Arbeitgeber ein Aufstocken von 60 auf 80 Prozent verweigert hat.
SPIEGEL: Ökonomen widersprechen: Wir haben unter anderem kein Wachstum, weil es an Fachkräften mangelt.
Haas: Der Fachkräftemangel existiert nicht so pauschal, sondern nur in manchen Branchen. Auch die massive Insolvenzwelle in Deutschland setzt doch zahlreiche Fachkräfte frei, die einem vermeintlichen Mangel entgegenwirken.
Pferdekutscher-Ideologie
Nr. 14/2026 Leitartikel: Der Grund für Deutschlands Wirtschaftsschwäche ist nicht der Irankrieg
Indem der Leitartikel ohne Not die Deutschland-Misere ausschließlich durch den Fokus des Zwangs zum Wirtschaftswachstum beschreibt, wird er selbst zum Inventar genau dieser gesellschaftlichen Krise. Spätestens, wenn Forscher der Nachwelt sich fragen werden, weshalb Deutschland so fixiert auf dieses Wachstum war wie ein gestrandeter Wal auf einer Sandbank.
Jochen Malchau, GreifswaldChristian Reiermann macht in seinem Leitartikel einen »Strauß von Ursachen« verantwortlich für die schon lange »schwindende Dynamik« in der deutschen Wirtschaft. Unverständlich bleibt, warum er ausgerechnet ausgeblendet lässt, dass eine konsequente Klimapolitik seit Langem ausgebremst wird. »Klimaschutz ist längst auch Industrie-, Innovations- und Wirtschaftspolitik« – das hat sogar der in Rheinland-Pfalz wahlkämpfende CDU-Spitzenkandidat Gordon Schnieder Anfang März verlautbaren lassen. Es ist doch nicht mehr zu übersehen, und es ist auch kein ideologisches Geschwätz: Im Rahmen einer richtig verstandenen, also einer sich von Lobbyinteressen der Fossilindustrie frei machenden Marktwirtschaft müsste doch ein wahrhafter Turbo ausgehen von unschlagbar preisgünstigem Strom aus Sonne und Wind, vom zügigen Netzausbau der Stromtrassen, von immer günstiger werdender Speichertechnik und endlich guter Stimmung für Wärmepumpen und E-Autos. In den nordischen Ländern ist das längst begriffen und umgesetzt. Leider hört man hier, im einst technologisch weltweit führenden Land, die saft- und kraftlose Ausrede von der »Technologieoffenheit«, die man sich bewahren müsse.
Ulrich Mohr, Hochstadt (Rhld.-Pf.)
Eine Stellschraube für wirtschaftlichen Aufschwung wäre zum Beispiel, sich politisch endlich wirklich der herrschenden Diskrepanz zwischen den oberen und unteren Einkommen und Vermögen anzunehmen. Aber man verliert sich lieber im Reden, anstatt mal entschlossen und mutig zu handeln, um für eine sinnige und gerechtere Teilhabe zu sorgen. Ein soziales Handeln im Einklang mit unserer Verfassung ist in diesem Sinne daher eher zu verstärken als zu schwächen. Was hat das mit Nostalgie zu tun? Sehen wir nicht täglich in den Nachrichten die hässlichen Gesichter des Alltags gerade in Ländern, deren Politik für mehr Armut und Obdachlosigkeit und damit unweigerlich auch für eine hohe Kriminalität verantwortlich ist? Ich kann nur davor warnen, in einem Abbau unseres Sozialstaats einen Nährboden für dynamisches Wirtschaftswachstum zu sehen. Die Krux des Stillstands, den auch ich weitgehend für hausgemacht erachte, ist doch, dass trotz aller Krisen die Wohlhabenden ihren Reichtum beständig mehren, und dem gegenüber die Zukunftsperspektive der Armen immer düsterer wird.
Rüdiger Reupke, Isenbüttel (Nieders.)
Ja
»Es ist überhaupt nicht einzusehen, dass die Ölmonopolisten ihre Gewinnmargen nahtlos in die Krise übernehmen können. Alle sollen sparen und sich einschränken, nur die Preistreiber selbst bleiben ungeschoren.«
Bernhard Anschütz
Nein
»Das wäre eine einseitige Bevorzugung von Autofahrern. Dann besser das Deutschlandticket günstiger machen. Und endlich weg von Öl und Gas gehen.«
Sebastian Jacobs
Sagen Sie auch Ihre Meinung!
Die Arbeiterschaft verloren
Nr. 14/2026 Parteichef Lars Klingbeil setzt jetzt auf Mut zur Reform
Die Ankündigungen Klingbeils in Sachen Reformkurs sollte man nicht zu ernst nehmen. Sie sind die zu erwartende Reaktion auf die Wahlschlappen der SPD. Diese Partei fährt seit Jahren im Rückwärtsgang. Mit ihrer Transferpolitik hat sie ihre Kernwähler in der Arbeiterschaft verloren. Jetzt soll die politische Wende kommen, mit dem Fokus auf Wirtschaft und Arbeitsplätze, einem Gebiet, auf dem die SPD mit Ausnahme von Gerhard Schröder bisher wenig vorweisen konnte. Aber genau für diese Ausnahme schämt man sich in der Partei bis heute. Deshalb wird Herr Klingbeil mit seinen Ambitionen auch nicht durchkommen. Dafür werden die Ewiggestrigen in der SPD und die Jusos um Herrn Türmer schon sorgen.
Dr. Hubert Hofmann, Immenstaad (Bad.-Württ.)In Deutschland wird Arbeit nach wie vor höher besteuert als Einkünfte aus Kapitalvermögen. Das zu ändern, kommt in Klingbeils derzeitigen Reformvorschlägen nicht vor. Auch zum Thema Steuerhinterziehung und deren konsequente Bekämpfung schweigt sich der SPD-Chef aus. Dabei sollten Maßnahmen, die unsere Republik gerechter machen und gleichzeitig noch die Steuereinnahmen erhöhen, für einen sozialdemokratischen Finanzminister doch eigentlich oberste Priorität haben.
Uwe Tünnermann, Lemgo (NRW)
Es freut mich
Nr. 14/2026 Warum immer mehr US-amerikanische Juden ausgerechnet einen deutschen Pass beantragen
Herzlich willkommen an alle jüdischen Rückkehrer! Es freut mich, wenn Deutschland von ihnen als ein sicherer Zufluchtsort erachtet wird. Und wir können von ihnen auch einen kritischeren Umgang mit der israelischen Politik lernen. Win-win.
Jan Rohleder, ZürichIch mache Führungen in der KZ-Gedenkstätte Leonberg. Ein circa 45-jähriger Besucher outet sich als Israeli, der mit zwei Kindern und Ehefrau nach Deutschland ausgewandert ist und einen guten Job hier gefunden hat. Meine Frage, warum ausgewandert? Er hält die Ultraorthodoxen in Israel nicht mehr aus. Meine Zusatzfrage: Aber warum nach Deutschland, ins Land der Täter? Ach, wir werden überall verfolgt, aber Deutschland ist das einzige Land weltweit, das sich zu seiner Schuld bekennt und dagegen ankämpft, dass sich das damalige Verbrechen wiederholt.
Joachim Schütz, Leonberg
Ein Hoch aufs Abo!
Nr. 14/2026 Gespräch mit der Schriftstellerin Ildikó von Kürthy über Angst
Großartiges Interview, großartige Frau. Ich habe mich selten so häufig wiedererkannt in einer Biografie, die doch so verschieden von meiner ist. Diese Gedanken und Schritte haben mich zu dem gemacht, was ich nun nach 45 Jahren bin, und ich hadere immer noch mit dem Gedanken, was wäre, wenn ich irgendwas anders gemacht hätte – nur was? Einfach toll, der Artikel, ein Hoch aufs Abo.
Uwe Sauer, Kassel
Immer noch billiger
Nr. 14/2026 Mehr Kaufkraft
Der interessante Artikel ist aus mehreren Gründen irreführend. Erstens, um die »gefühlte« Teuerung nachzubilden, müsste man das »mittlere« Nettoeinkommen (den Median) zugrunde legen, nicht das »durchschnittliche«. Da die Einkommensverteilung in Deutschland asymmetrisch ist, liegt der Median deutlich unter dem Durchschnitt: nach meinen Berechnungen etwa bei 18,66 Euro pro Stunde. Da sich die Einkommensungleichheit in Deutschland in den letzten Jahrzehnten vergrößert hat, kann man vermuten, dass der Median weniger stark gestiegen ist; sich auf den Durchschnitt zu beziehen, verfälscht das Bild. Zweitens, hier wird das Einkommen eines Vollzeitbeschäftigten zugrunde gelegt. Das ist zwar interessant, spiegelt aber die Lebenswirklichkeit vieler Menschen nicht wider. Drittens ist das Gesamteinkommen nicht allein maßgeblich für das Gefühl, sich etwas leisten zu können, oder eben nicht: Für die »gefühlte« Kaufkraft müsste das Budget für unabänderliche Primärbedarfe wie Miete und Energie eigentlich abgezogen werden. Damit würde man das »tatsächlich (frei) verfügbare« Einkommen ermitteln. Da etwa die Mieten seit 2010 stärker gestiegen sind als die Löhne (Zahlen vom Mieterbund: um 70 Prozent), ist das frei verfügbare Einkommen entsprechend gesunken. Wenn man also genauer hinsieht, kann man das Lebensgefühl vieler Menschen, sich kaum noch etwas leisten zu können, mit Daten erhärten; auf Grundlage der Studie des arbeitgebernahen Instituts für Wirtschaft erschien dieses Gefühl fälschlicherweise unberechtigt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Peter Schneider, BerlinDer Kraftstoffverbrauch von Autos ist seit 1991 um circa 25 Prozent gesunken, sodass Tanken entgegen der Aussage im Text immer noch billiger als damals ist.
Franz J. Grömping, Rheinbach (NRW)
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