Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Leserbriefe
Eine Kriegerin
Nr. 8/2026 Titel: Gisèle Pelicot – Mein Weg aus der Dunkelheit
Gisèle, ich liebe dich! Du hast so viel Mut! Dass Gisèle Pelicot an den Erinnerungen »guter Zeiten« mit ihrem Ex-Ehemann festhält, ist insofern verständlich, da eine völlige Negierung aller Erinnerungen einer psychischen Demontage geichkäme – und damit dem Verlust der persönlichen Identität, die im Lauf dieser Ehe gewachsen war. Ich glaube, dass Frau Pelicot noch einen langen und schweren Weg vor sich hat.
Sulamith Sparre, WürzburgIn tiefer Scham beuge ich mein Knie vor Gisèle Pelicot und bitte sie um Verzeihung im Namen der Männlichkeit. Gisèle Pelicot ist eine außergewöhnliche Frau, eine Kriegerin, die mit den Waffen Tapferkeit, Anstand, Durchhaltevermögen und Ehrlichkeit die niedrigsten, widerlichsten Instinkte des Mannes besiegt hat. Monsieur Macron, verleihen Sie Gisèle Pelicot den Orden der Légion d’honneur. Sie ist eine Zierde für alle Frauen der Welt. Außerdem würde es Frauen und vielleicht auch Männer bestärken, den Epstein-Skandal völlig aufzuklären. Eliten jeglicher Couleur und reiche Männer, die meinen, sie könnten sich alles erlauben und müssten sich nicht an Regeln halten, stehen auf derselben Stufe wie die »schwanzgesteuerten«, hirnlosen Vergewaltiger von Gisèle Pelicot.
Rainer Helbing, BerlinIch wage zu bezweifeln, dass die mittlerweile verurteilten Männer Schuld empfinden. Scham, möglicherweise auch Bedauern, aber nicht ob der Tat, sondern weil sie erwischt wurden. Ihr Handeln war und ist unentschuldbar, aber für sie war es vermutlich nur das Nutzen einer Gelegenheit. Reflexion findet vermutlich keine statt, wie auch die Stärke und das Handeln ihres Opfers über ihr Verständnis gehen dürfte. Stattdessen versuchen sie, sich herauszureden. Ein im Grunde erbärmlicher Versuch der Schadensbegrenzung von Tätern, die nicht begreifen (wollen), dass sie Täter sind.
Bastian Philipp Müller, Wohnort angefragt
»Ihre Worte haben mich tierisch geärgert«
Die Leserin Barbara Fröhlich aus Denkendorf bei Stuttgart hat die Kolumne »Diese Politikerin verdient Blumen statt Bußgeld« kritisiert (hier der ganze Meinungsbeitrag ). Die Kolumnistin Anna Clauß hat sie angerufen.
SPIEGEL: Was genau stört Sie an meiner Verteidigungsrede für die Ministerin von Mecklenburg-Vorpommern, die sich eine Schulbefreiung für den Sohn geben ließ, um mit ihrer Familie früher in den Urlaub zu fliegen?
Fröhlich: Mich als Berufsschullehrerin im Ruhestand haben Ihre Worte tierisch geärgert. Wenn Eltern willkürlich über den Unterrichtsbesuch ihrer Kinder entscheiden könnten, wie Sie das fordern, würde das de facto das Aussetzen der allgemeinen Schulpflicht bedeuten. Am schlechten Vorbild der Ministerin lernen die Schülerinnen und Schüler: Im Leben zählt nur der eigene Vorteil. So entsteht Spaltung.
SPIEGEL: Aber finden Sie das Verhalten der Ministerin nicht sehr menschlich?
Fröhlich: Menschen haben kein Recht auf günstige Ferienreisen, sondern das Recht auf Bildung. Besonders für Justizministerinnen gilt: An Regeln muss man sich halten.
Fleiß infrage gestellt
Nr. 7/2026 Friedrich Merz enttäuscht die CDU
Die CDU wird sich rechtzeitig überlegen, mit wem sie in die Bundestagswahl 2029 ziehen will. Schon jetzt bietet sich Hendrik Wüst als künftiger Kanzlerkandidat an. Die Restlaufzeit von Friedrich Merz, der oft so unglücklich rüberkommt, hat schon begonnen.
Alf Tondern, MünchenIm Wahlkampf kündigte die CDU anfangs an, 30 Milliarden Euro sparen zu wollen, indem sie Nichtstuer in den Arbeitsprozess eingliedern wollte. Nachdem es darum still wurde, wird nun der Fleiß der arbeitenden Bevölkerung infrage gestellt. Alles nur möglich, weil Merz sich mit blassen Leuten wie Spahn, Frei, Linnemann umgibt. Statt sich um eine Lösung der Reform der Sozialversicherung unserer überalternden Gesellschaft zu kümmern, das Gesundheitswesen zu sanieren oder die Energie billiger zu machen, werden nutzlose Themen aufgerufen. Längst ist bekannt, was nötig wäre, damit Migrantenkinder besseren Sprachunterricht erhalten, auch das wäre eine Aufgabe. Die Begeisterung der AfD darf nicht verwundern, wie auch deren Zuwachs.
Heinz-Jürgen Pape, Marxen (Nieders.)Ob sich der Bundeskanzler nach dem WM-Endspiel 2026 wohl auch in die Kabine der deutschen Fußballer trauen würde? Beim kürzlichen 6:0-Sieg gegen die Slowakei wurden immerhin zwei Drittel der Tore vom »Stadtbild« geschossen und waren sogar 80 Prozent der Torschützen »Stadtbildner«. Was würden ihm seine Töchter wohl raten?
Dr. Wolfgang Hegels, Berlin
Ja
»Das ist leicht gesagt. Aber wie weit geht Widerstand angesichts von Einschüchterung, Drohungen und Exempeln, die statuiert werden? Ich lebe in den USA und sehe, wie das passiert.«
Helga Werth-Morgan
Nein
»Nein deshalb, weil es dann mit hoher Wahrscheinlichkeit eh zu spät wäre. Wenn Widerstand, muss der im Vorfeld stattfinden. Bevor so eine Regierung überhaupt ins Amt käme.«
Günter Burkhardt
Sagen Sie auch Ihre Meinung!
Toleranz beruht auf Gegenseitigkeit
Nr. 7/2026 Auswege aus einer toxischen Debatte
Ich frage mich zunehmend, was unter »Toleranz« verstanden wird, wenn die Bundesrepublik Deutschland Menschen in dieses Land lässt, die offen antiwestliche und in weiten Teilen antideutsche Einstellungen vertreten. Wer dauerhaft hier lebt, sollte zumindest bereit sein, die deutsche Sprache zu erlernen, sich mit der Kultur, der Geschichte und den gesellschaftlichen Normen dieses Landes auseinanderzusetzen. Stattdessen entsteht vielerorts der Eindruck, dass Parallelwelten gepflegt werden – inklusive eines fortgesetzten antiwestlichen Weltbildes, das etwa durch einseitige Mediennutzung weiter verfestigt wird. Diese Entwicklungen sind kein Zufall, sondern Ausdruck einer fehlgeleiteten Nachsicht gegenüber offen antidemokratischen und antiwestlichen Haltungen. Toleranz kann nur funktionieren, wenn sie auf Gegenseitigkeit beruht.
Michael Ayten, TrierWir sind auf Einwanderung angewiesen, wenn wir unseren Wohlstand sichern wollen. Krankenhäuser müssten dichtmachen, wenn Migranten nicht mit anpacken würden. Wer – außer AfD-Politikern – würde den Tod vorziehen, wenn er sich einer lebensrettenden Operation durch einen syrischen Arzt unterziehen könnte?
Klemens Hofmann, Marbach (Bad.-Württ.)
Nicht werden wie er
Nr. 7/2026 Kolumnist Harald Martenstein geht zur »Bild«
Großes Staunen: Martenstein ist also der alleinige Großmeister der »personalisierten Kolumne«. Sagt der Name Axel Hacke dem SPIEGEL-Autor vielleicht etwas? Es ist mehr als 24 Jahre her, dass ich in der »Süddeutschen Zeitung« Hackes Gespräche mit seinem Kühlschrank las. Und wenn ich ihn jetzt lese, bin ich noch immer starr vor Bewunderung. Und mir sicher: Zur »Bild« geht der nie.
Friedrich Bohnenkamp, Rosteig (Frankr.)Schade, dass ein so begnadeter Chronist des Alltagslebens wie Harald Martenstein sein Talent damit vergeudet hat, geradezu zwanghaft Woche für Woche hergesuchte Beispiele linksgrüner Doppelmoral und identitätspolitische Kuriositäten auszubreiten. Originell war das nicht, selten zum Schmunzeln, fast immer ärgerlich – und alles andere als liberal. Dass Martenstein als Kolumnist zur »Bild« wechselt, erscheint nur allzu konsequent. Stefan Kuzmany scheut allerdings das harte Urteil – bei ihm schwingt noch Respekt vor der Lebensleistung des Kollegen, Autors und langjährigen Kolumnisten mit. Unzweifelhaft steht jedoch fest: Martenstein hat rechtspopulistische Ressentiments, gefällig formuliert, bis weit in die politische Mitte hineingetragen beziehungsweise hoffähig gemacht und das umstrittene rechtsradikale Narrativ von der »Verengung des Meinungskorridors« fast wöchentlich zu bestätigen versucht. Dafür habe ich als »alter weißer Mann« desselben Geburtsjahrgangs nicht das geringste Verständnis.
Rüdiger Paul, Wedel (Schl.-Holst.)Wenn alte weiße Männer diesen Linksdrehnachrechtsvirus nicht rechtzeitig behandeln lassen, kann es – wie im Falle von Horst Mahler – böse enden. Ich habe mich von Martenstein deshalb schon seit Corona abgewandt.
Ulrich Poser, HamburgNein, selbst als noch älterer Mann als Herr Martenstein möchte ich nicht werden wie er. Wenn man ihn über viele Jahre im »Tagesspiegel« verfolgt hat, zu Beginn amüsiert und beeindruckt von seiner Fähigkeit, originell zu formulieren, wurde man zunehmend davon abgestoßen, dass sich seine anfänglich feine Ironie mit der Zeit in Zynismus verwandelte – zumindest bei den Themen Migration, linksgrün oder was den »Kampf gegen rechts«, anging, diese sich angeblich »immer mehr radikalisierende Hexenjagd« beispielsweise. Seine Subtexte weckten auf subtile Art Ressentiments, ohne dass sie substanziell untermauert wurden. Ich war froh, als sein Weggang vom »Tagesspiegel« bekannt wurde – den konkreten Grund für das Zerwürfnis kenne ich nun dank dieses Beitrages. Es war wohl der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht haben mag. Möge er bei »Bild« seine Talfahrt beenden – der würdige Abschluss einer steilen Karriere sieht anders aus.
Hans-Dieter Schabram, Berlin - zuletzt Heft 2/26Herr Kuzmany, wie wunderbar! In harmonischem Bogen das Lasso geworfen, das Seil routiniert zugezogen und gekonnt die Vorderbeine geschnürt. Danke, ein schöner Start für meine Woche.
Christian Ferenczy, Lübeck
Nur gelobt
Nr. 7/2026 Nachruf Rita Süssmuth
De mortuis nihil nisi bene (»Über die Toten rede nur wohlwollend«): Daran hat sich, so scheint es, wohl die gesamte deutsche Medienlandschaft gehalten, auch der SPIEGEL. Das hat mich enttäuscht. Wenigstens in einem Nebensatz hätte man doch dezent darauf hinweisen können, dass es neben den großen Leistungen von Frau Dr. Süssmuth auch Affären gab. Die Nachrufe auf Papst Benedikt zum Beispiel waren ehrlicher. Dort wurde nicht nur gelobt.
Helmut Freudenthal, Kiel
Rassismus benannt
Nr. 7/2026 Kulturkampf um die Odyssee
Ich habe die Personalie »Kulturkampf um die Odyssee« gelesen und bin extrem positiv überrascht, dass ihr nicht wachsweich formuliert oder »beide Seiten beleuchtet«, sondern den zugrunde liegenden Rassismus klar und deutlich benennt. Toller Artikel! Wenn auch irgendwie traurig, dass mir das so klar entgegenspringt. Das spricht nicht für den aktuellen »State of the German Medienlandschaft« – umso schöner, dass ihr da ein Zeichen setzt.
Felix Schneider, Hamburg
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