Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Leserbriefe
Spießige Konditionierung
Nr. 01/2025 Titel: Benehmt euch!
Was für ein geschmackloses Titelbild an Weihnachten, und das auch noch mit der oberlehrerhaften Aufforderung »Benehmt euch!« Kein nachdenklicher Rückblick auf das vergangene Jahr, kein Ausblick oder gar Optimismus für 2026! Ich bin bitter enttäuscht.
Günter Riemer, MünsterDas Original Adolf Freiherr von Knigge (1752 bis 1796) hätte sich grün und blau geärgert über diese inflationäre Vereinnahmung seines Namens. Die ganze »Benimm-Industrie« hat herzlich wenig zu tun mit einer originellen aufklärerischen Intelligenz, sondern ist vielmehr ein Ausdruck langweiliger spießbürgerlicher Konditionierung.
Raffaele Ferdinando Schacher, Rorschach (Schweiz)Vor vielen Jahren war ich zu einem Abendessen mit interessanten Gesprächspartnern geladen. Nach einem guten Essen und reichlich Getränken war es sehr spät geworden, als der Gastgeber uns fragte: »Darf ich euch noch etwas bringen, zum Beispiel eure Mäntel?« Den eleganten Rausschmeißer habe ich bis heute nicht vergessen.
Manfred Herbold, MannheimDas liest sich wie aus der »Constanze« von 1955 abgeschrieben. Mit ein paar Einsprengseln für die »jüngere Generation«. Sie bedienen brav die Sehnsucht der von der Gegenwart verstörten Gesellschaft nach der »guten« (?), auf jeden Fall aber alten Zeit. Was bitte ist eine »ranghöhere« Person? Alles stumpfe formale Regeln. Respekt vor anderen braucht ganz andere Regeln.
Werner Voigt, BerlinWenn sich nur wirklich durch die Reihenfolge des Bestecks und den richtigen Griff ans Weinglas die Benimmprobleme in Deutschland lösen lassen könnten! Leider ist es aber eher so, dass Hinweise auf Fehlverhalten wie etwa Parken auf Fuß- oder Radwegen, Wegschnipsen von Zigarettenstummeln, leinenlose Hunde oder Verlassen der Wege in Naturschutzgebieten weniger zur Einsicht als zu pöbeligen Reaktionen und mehr führen, was dann schon eine gewisse Resilienz erfordert.
Paul Korf, Hamburg
»Das ist verballhorntes Deutsch«
Der Leser Hartmut Fischer aus Mainz hat sich über eine grammatikalische Nachlässigkeit beim SPIEGEL-Gespräch mit Margaret Atwood (hier das ganze Gespräch ) geärgert. Schlussredakteur Stefan Moos hat ihn angerufen.
SPIEGEL: Herr Fischer, Sie kritisieren unseren Sprachgebrauch. Worum geht es?
Fischer: Zweimal wird in dem Text das Verb erinnern falsch verwendet – »Welche Wörter sie noch erinnert?« und »Wie möchten Sie erinnert werden?« Das ist verballhorntes Deutsch. Es heißt: sich erinnern.
SPIEGEL: Stimmt, und im Allgemeinen halten wir uns an diese standardsprachliche Form. Zu unserer Entlastung: Der Duden orientiert sich zunehmend am realen Sprachgebrauch. Die Variante »etwas erinnern« ist dort vermerkt, mit dem Zusatz: »besonders norddeutsch«. Womöglich sind wir in Hamburg weiter weg vom Standarddeutsch als die Mainzer.
Fischer: Mein spontaner Eindruck war: Hier wurde beim Übersetzen aus dem Englischen der deutsche Satz ohne nachzudenken so gebildet wie im Original (»remember something«). Ich habe nicht daran gedacht, dass es eine umgangssprachliche Variante sein könnte. Dass wir in Mainz näher am guten Deutsch sind als die Hamburger, wage ich allerdings zu bezweifeln.
Zu kurz gedacht
Nr. 52/2025 Leitartikel: Die härteste Prüfung
Soll mit diesem Beitrag eine Runde Mitleid mit unserem Kanzler eingefordert werden? Wie kommt man zu der Erkenntnis, wonach kaum einer seiner Vorgänger es außenpolitisch so schwer hatte wie Merz? Sich mit EU-Partnern in Berlin zu treffen und großspurig russische Vermögenswerte zur Beseitigung von Kriegsschäden in der Ukraine zu fordern, aber dann die Rolle rückwärts zu zelebrieren, zeugt nicht von Führungsstärke und diplomatischem Geschick. Merz in einer Reihe mit Adenauer und Kohl – und ich erlaube mir, auch Brandt zu nennen – zu sehen, halte ich für abwegig.Bernd Schönecker, Husum (Schl.-Holst.)
Frau Kormbaki hat recht. »Die härteste Prüfung« ist das nicht nur für Bundeskanzler Merz, sondern auch für die Bundesrepublik Deutschland. Die von Putin losgetretene Aggression und Landnahme in der Ukraine geschieht vor unserer Haustür. Der verstorbene ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck würde aktuell statt »Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt« wohl sagen, »die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch in der Ukraine verteidigt«. Und so ist es. Das sich verstärkende Jammern über die Millionen für Kyjiw ist zu kurz gedacht. Alles, was einem Diktatfrieden oder, schlimmer noch, einer Kapitulation der Ukraine folgen würde, wäre für Deutschland und Europa deutlich teurer.
Roland Sauer, Sailauf (Bayern)
Ja
»Doch nicht nur in der Politik, generell im beruflichen Kontext. Wo ein Mann energisch ist, wird einer Frau bei gleichem Verhalten oftmals unterstellt, hysterisch zu sein. Ein Mann, der laut wird, ist meinungsstark, eine Frau emotional.«
Alexandra Kons
Nein
»Wurde Merkel mehr kritisiert als jetzt Merz, nur weil sie eine Frau ist? Baerbock mehr als Habeck – rein wegen des Geschlechts? Kann ich nicht erkennen, und auch nicht bei den anderen Namen, die mir im Kopf herumschwirren.«
Marco Fiedler
Sagen Sie auch Ihre Meinung!
Klüngelüngelüng!
Nr. 52/2025 Die dunkle Seite des Jens Spahn
Ihr brillanter Artikel (der ein SPIEGEL-Titel hätte sein können, ja, müssen) zeigt in erschreckender Weise, wie ein als »homo politicus« getarnter »homo oeconomicus« seinen Einfluss und seinen Besitz mehren kann, ohne dass sein Gewissen, Anstandsregeln oder politische Freunde oder Gegner ihn daran hindern. Man fragt sich, wie ein Mensch ohne fachliche Kompetenz und administrative Erfahrung herausragende Positionen wie die eines Staatssekretärs oder gar eines Ministers überhaupt erreichen konnte.
Dr. Wolf-Rüdiger Heilmann, BerlinEin sehr gut recherchierter Artikel, der Empörung und Verständnislosigkeit hervorruft, da man kaum glauben kann, mit welcher Dreistigkeit und mit welchem Mangel an Unrechtsbewusstsein der Münsterländer Bankkaufmann Spahn unvorstellbare Summen an Steuergeldern mit seiner Vetternwirtschaft verschleudert. Da wird einem wirklich spahnübel. Warum zieht man solche Hasardeure nicht zur Verantwortung? Kein Wunder, dass die Politikverdrossenheit der Menschen zunimmt.
Detlef Wiedenhöft, Gronau (NRW)Beim Lesen der Zusammenfassung der (bisher) bekannt gewordenen Machenschaften des Herrn Spahn kommt Wut auf – nicht nur wegen der dickfelligen, unverbesserlichen, machtheischenden Korruptheit dieses Mannes, sondern auch darüber, dass Herr Merz, der doch darüber informiert gewesen sein muss, ihn auf diesen Posten gehievt hat. Es hätte klar sein müssen, dass nach dem Vertrauensverlust, der durch die Streitereien der Ampelkoalitionäre entstanden ist, höchste Vorsicht geboten war bei der Besetzung der zu vergebenen Posten. Denn jegliches Auswechseln wird schwierig und bringt uns BürgerInnen einer faschistoiden alternativlosen Regierung näher.
Dr. Brigitte McManama, HamburgWenn dieser Mann nur einen Funken Anstand besäße, dann gäbe es für ihn nur eine Option: Rücktritt.
Reiner Gunkel, Hennef (NRW)Jede Partei, die derartige Machenschaften in ihren Reihen zulässt, ist nicht wählbar. Sie spuckt damit dem Steuerzahler ins Gesicht.
Erich Breuer, Hagen im Bremischen (Nieders.)Herr Spahn ist zwar ein besonders unappetitliches, aber bei Weitem nicht das einzige Beispiel dafür, dass sich Teile der politischen Klasse von der Bevölkerung entfernt haben. Vor wenigen Jahren wären Politiker für eine einzige der Spahn – durch die hervorragenden Recherchen des SPIEGEL – zur Last gelegten Affären zurückgetreten oder entlassen worden. Heutzutage haben sie oftmals derart viel Dreistigkeit, die Sache einfach auszusitzen, dass einem schwindelig wird. Über eine immer weiter zunehmende Politikverdrossenheit braucht sich daher niemand mehr zu wundern.
Michael Schneider, Siegburg (NRW)Dieser »Politiker« ist schon als Gesundheitsminister im Kabinett Merkel mit dubiosen Geschäften immer wieder ins Rampenlicht getreten. Er ist seit der Zeit in Erklärungsnot in vielen Punkten, er hätte längst abgesetzt werden müssen, was leider unter dieser Regierung Wunschdenken vieler Wähler bleibt. Am gefährlichsten für unsere Demokratie ist sein immer wieder überdeutlich signalisierter Hang zur AfD, nicht zu vergessen sein Anbiedern bei Trump – eine Schande!
Ute Jehkul, Meerbusch (NRW)Jens Spahn sahnt bei jeder Gelegenheit ab, ohne sich Gedanken zu machen, was er damit für ein politisches Trümmerfeld hinterlässt. Die AfD reibt sich die Hände. Wenn ich als Hausarzt die Rationierung nicht mitmache und alle meine Patienten so behandle, wie ich es gelernt habe, bekomme ich schnell den staatlichen Regressterror zu spüren und muss hohe, teils wirtschaftlich bedrohliche Rückzahlungen an die Krankenkassen leisten. Herr Spahn versenkt mal eben Milliarden ohne irgendwelche Konsequenzen. Wenn er Kanzlerkandidat wird, wandere ich aus.
Dr. med. Rainer van Elten, Lügde (NRW)Nach der Lektüre verwundert es nicht, dass Jens Spahn und sein Mann Daniel Funke so enge Kontakte zu Trump-Günstlingen wie dem Ex-Botschafter Richard Grenell oder dem Milliardär Christian Angermayer pflegen, regiert doch hier wie da dieselbe Auffassung vom Staat als Beute: Windige Geschäfte im Dunstkreis von Vorteilsnahme und Vetternwirtschaft, angeblich rein zufällige Zusammenarbeit mit mittlerweile verurteilten Straftätern wie Andrea Tandler und René Benko, der größte finanzielle Schaden, der der Bundesrepublik je durch einen einzelnen Politiker entstanden ist, grenzenlose Gier. Wer ein Buch mit dem Titel »Wir werden einander viel verzeihen müssen« schreibt, spürt wahrscheinlich das nahe Karriereende und hat wohl auch ein Plädoyer in eigener Sache im Sinn, sollte er sich eines Tages vor Gericht verantworten müssen.
Thomas Kellermann, TübingenKlüngelüngelüng! Jens Spahn mimt den Weihnachtsmann. Schöne Bescherung! Für Steuerzahlende bedeutet das Entbehrung. Um pikante Personen zu beschenken, greift er tief ins Steuersäckel, ohne Bedenken. Und gibt das Steuersäckel nichts mehr her, so kommt Freund Angermayer übers Meer. Magische Pilze brachten ihm Millionen, das kann sich auch für Jens Spahn lohnen. Mit einem Pilzgericht, das angeblich Erleuchtung verspricht, führte er manche hinters Licht. Und die Moral von der Geschicht: Erkenne Blender und wähle sie nicht! Ein großes Dankeschön für diesen sehr informativen Artikel.
Claudia Weber, Greifswald
Keine Utopie
Nr. 52/2025 Bernhard Pörksen zieht Bilanz nach einem Jahr als SPIEGEL-Kritiker
Die Bilanz der mutigen »SPIEGEL-Kritik«-Mission von Herrn Pörksen kann sich sehen lassen. Einerseits konstruktive Verbesserungsvorschläge, vor allem im Hinblick auf das Dialogprinzip, intern wie extern; andererseits Kritik an unzureichendem investigativem Medienjournalismus. Die »zuhörende Redaktion«: keine diffuse Utopie mehr. Warum Herrn Pörksen nicht in ein, zwei Jahren wieder einladen?
Hans-Dieter Schabram, Berlin
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