Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Leserbriefe
Ein Segen für die Natur
Nr. 22/2026 Titel: Fällt der Urlaub aus?
Wie schlecht muss es einem Land gehen, dessen Bewohner 2025 Rekordsummen für den Urlaub ausgegeben haben. Jetzt werden sie wegen der Kriege in Nahost auch noch vor das Problem gestellt, ob sie statt nach Abu Dhabi in die Karibik fliegen. Das bringt den Wutbürger wieder so richtig auf die Palme, sodass er erneut einen Grund findet, AfD zu wählen.
Alfred Verstl, Calw (Bad.-Württ.)Solange das Reisen als individuelles Grundrecht verstanden wird und die einzige Sorge der gesättigten Bevölkerung ist, Selfies vor spektakulären Naturkulissen zu posten und billige Treibstoffpreise zu bekommen, werden weiterhin unberührte Landschaften mit Autobahnen, Hotels, Häfen und Flughäfen zugebaut, die einheimische Bevölkerung vertrieben, Kulturen zerstört, Müllberge produziert und Wasserknappheit befördert und brennen schließlich Raffinerien und werden Kriege um Rohstoffe geführt. Gute Erholung!
Dr. Matthias Scholz, Oldenburg (Nieders.)Gerade erst hat der von der Bundesregierung eingesetzte Klimarat der schwarz-roten Koalition bescheinigt, dass sie mit ihrem klimapolitischen Pfad krachend gescheitert ist. Jedes Flugzeug, das am Boden und jedes Kreuzfahrtschiff, das im Hafen bleibt, ist daher ein Segen für die Natur. Umwelt und Klima können aufatmen, wenn auch nur für kurze Zeit.
Hans Schinke, OffenbachAuf dem afrikanischen Kontinent hungern die Menschen, Mütter müssen ihren Kindern beim Sterben zusehen. In sinnlosen Kriegen, unter anderem vor unserer Haustür, sterben unschuldige Kinder oder werden verstümmelt. Unfassbares Leid. Und worüber klagen die Deutschen, satt und gesund vom warmen Sofa aus? Darüber, dass sie beim Reisen mit ihrem Auto nicht rasen dürfen, weil sie Sprit sparen müssen. Darüber, dass sie nicht 260 Kilometer lang die Luft mit ihrem Auto verpesten können, um bei einer Tagestour ein Fischbrötchen in Dänemark zu essen. Und dass sie keine Fernreisen mehr mit dem Flugzeug unternehmen können, dem umweltfeindlichsten Verkehrsmittel ever. Das Mitleid mit diesen klagenden Urlaubern hält sich vor dem Hintergrund der Probleme in dieser Welt, unter anderem wegen der Zerstörung der Natur durch den Individualverkehr, in Grenzen. Man kann auch das Fahrrad mit einem Zelt bepacken und erholsam Urlaub in der näheren Umgebung machen, übrigens auch mit kleinen Kindern oder im Alter. Das kann sich wirklich jeder leisten, und es schont dazu noch die Umwelt.
Martin Dregelies, KielSeit Jahren beobachte ich das Reiseverhalten unserer Mitbürger, bin allerdings nicht mehr als Rucksacktouristin unterwegs, sondern im aktiven Freiwilligendienst über den Senior Expert Service (SES). Es ist wirklich höchste Zeit, dass mal über den Teil der Welt reflektiert wird, der bisher unter dem Konsumverhalten wohlhabender, meist westlicher Touristen litt beziehungsweise davon profitierte. Nichts gegen Letzteres. Aber man schämte sich oft über das gedankenlose Benehmen beziehungsweise die völlig fehlende Empathie für die örtlichen Gegebenheiten durch viele Touristen. Jetzt, wo es ans »Eingemachte« geht, nämlich unmittelbare Bedrohung, Nichterreichbarkeit von Flügen und Preissteigerungen, da wacht man auf und stellt erstaunt fest, dass sich auch anderswo Schicksale ereignen. Wo man doch nur einen gemütlichen Urlaub oder ein exotisches Erlebnis wie bisher erwartet hatte, von dem man viele Selfies verschicken konnte: Schaut her, da waren wir! Es ist gut, dass Sie diese Titelgeschichte gewählt haben.
Ruth Maria Wissmann, Erlangen
»Mir fehlt die Brücke zur Gegenwart«
Der Leser Christof Welsner aus Eberdingen nahe Stuttgart hat die Titelgeschichte »Die Nazi-Kartei: Ist Ihr Opa dabei?« (hier der Artikel ) kritisiert. Redakteur Frederik Seeler hat ihn angerufen.
SPIEGEL: Herr Welsner, was hat Sie an unserem Artikel und dem NSDAP-Recherchetool gestört?
Welsner: Mir ist das zu viel Hype um die Mitgliedskartei. Die Aktenlage ist ja meist ziemlich dünn, sagt wenig über die Motive einer Person aus. Ich fürchte, dass ein Fund bei vielen entweder ein Schaudern auslöst oder aber ein Wohlgefühl. Nach dem Motto: »Mein Opa war Nazi, aber ich habe daraus gelernt, wähle jetzt die Grünen und bin einer der Guten.«
SPIEGEL: Es geht uns nicht darum, jemandem ein schlechtes – oder gutes – Gefühl zu vermitteln. Wir wollen Menschen, in deren Familien über die NS-Zeit geschwiegen wurde, zur eigenen Recherche motivieren.
Welsner: Mir fehlt die Brücke zur Gegenwart. Was soll die nächste Generation, mein Sohn zum Beispiel, mit der Information anfangen, dass der Urgroßvater Nazi war? Als Vater kann ich ihm nur sagen: Passt auf, dass so etwas nicht wieder passiert.
Versteckte Liebeserklärung
Nr. 21/2026 Bundestagspräsidentin Klöckner kumpelt durch das politische Berlin
Ich kritisiere die mehr als wohlwollende Berichterstattung über Julia Klöckner. Auf sage und schreibe fünf Seiten findet man kaum eine kritische Frage über diese polarisierende Persönlichkeit, wohl aber acht Fotos, selbstverständlich in bester Pose. Für den ob seiner kritischen Fragen gefürchteten SPIEGEL ist sie »unverwüstlich«, »schlagfertig«, »amüsant« und so weiter. Praktischerweise beantwortet der Autor die Frage nach ihrer Eignung für das höchste Amt im Staat gleich selbst: Ja, was denn sonst. Insgesamt hinterlässt der Artikel für mich den Eindruck einer Nominierungshilfe für das Amt des Bundespräsidenten, obwohl die Zeit dafür noch längst nicht angebrochen ist.
Dr. Klaus Swieczkowski, Hildburghausen (Thür.)Das Porträt über die »Stimmungskananone« als Bundestagspräsidentin liest sich wie eine versteckte Liebeserklärung. Der Beitrag erinnert mich irgendwie an jene Julia Klöckner, die als Bundesernährungsministerin 2019 ähnlich unkritisch, wenn nicht gar euphorisch, ein peinliches Video mit dem damaligen Deutschland-Chef von Nestlé aufgenommen hat. Das Video wirkte wie Schleichwerbung, weil die Ministerin den Konzern für freiwillige Zucker-, Salz- und Fettreduktionen über den grünen Klee lobte. Kein Wort davon in dem Beitrag von Marc Hujer. Dafür erfährt der Leser, dass sich die Präsidentin von »ihrem Direktor« den Teebecher tragen lässt wie Insignien ihrer Macht. Von einem SPIEGEL-Artikel erwarte ich mehr kritische Distanz.
Hajo Jahn, WuppertalDas ist ein wirklich fantastischer Artikel! Ich war anfänglich nicht begeistert von Frau Klöckner. Später sah ich einen Auszug im Parlament, wo sie eine Sitzung leitete, und habe seitdem großen Respekt vor ihrer Fröhlichkeit, Klarheit, ihrem Humor und ihrer Entschiedenheit. Sowohl die Presse als auch wir Bürger projizieren häufig viel zu viel Schlechtes auf Politiker und sehen nicht, dass sie in den allermeisten Fällen eigentlich auch ihr Bestes geben. Diese negative Sicht trägt sicherlich zur Polarisierung bei, und ich finde, hier setzt Frau Klöckner wirklich einen guten Kontrapunkt. All das und noch viel mehr kommt im Porträt sehr gut rüber.
Michael Jäckel, Berlin
Ja
»Die Grünen sind definitiv keine Klassenkämpfer wie andere Vertreter der linken Sparte, und die CDU ist aufgrund des Cs wesentlich näher an Klima und Umweltschutz, als sie es selbst oft wahrhaben will.«
Thorsten Matthes
Nein
»Die Grünen werden – wie die SPD – auch zwischen allen Stühlen sitzen und letztendlich viele ihrer Wähler verlieren.«
Uwe Schmidt
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Ethikunterricht statt Religion
Nr. 21/2026 Religiöse Konflikte mit streng muslimischen Schülern fordern Schulen heraus
Intoleranz gegenüber Andersdenkenden gehört zur DNA jeder Religion. Schließlich ist der eigene Gott immer der größte, und andere neben ihm anzubeten verletzt bekanntlich sein narzisstisches Ego. Daher würde es einige Probleme lösen, würde man mit der Säkularisierung Ernst machen, Religionen in den Privatbereich verbannen und den konfessionsgebundenen Religionsunterricht durch einen allgemeinen Ethikunterricht ersetzen. Religionsfreiheit bedeutet schließlich auch die Freiheit von religiösen Belästigungen aller Art.
Margot Neuser, MainzKnapp 50 Prozent der Deutschen sind inzwischen konfessionsfrei, und man sollte dieser Tatsache endlich Rechnung tragen. Selbstverständlich wird laut Grundgesetz eine »ungestörte Religionsausübung gewährleistet«, aber muss diese wirklich in der Schule stattfinden? Ich würde mir wünschen, dass die Trennung von Staat und Religionsgemeinschaften endlich wirklich vollzogen wird, der Religionsunterricht aus den Schulen verschwindet und Religion und Kirchenzugehörigkeit jedweder Couleur Privatsache sind. In der Schule sollte es statt Religionsunterricht Ethikunterricht für alle Kinder geben, in dem ihnen unsere gesellschaftlichen westlichen Werte und auch Informationen zu den verschiedenen Religionen, aber ohne Wertung, vermittelt werden. Dadurch würde Frieden geschaffen, denn die Erfahrung hat gezeigt, dass durch Religion meist viel Unfrieden erzeugt wird. Deutschland ist ein säkularer Staat und sollte dies endlich auch in der Praxis konsequent umsetzen.
Katharina Georgi-Hellriegel, Stuttgart
Ihr Bericht über religiöse Konflikte und Gruppenzwang an deutschen Schulen beschreibt ein reales Problem. Umso schmerzhafter ist jedoch das, was komplett verschwiegen wird: das jüdische Leben an unseren Schulen beziehungsweise dessen Abwesenheit. Während über den Ramadan oder Weihnachten debattiert wird, fällt über Chanukkah oder Pessach kein einziges Wort. Lassen wir das Judentum im Schulalltag unter den Tisch fallen, weil jüdische Schüler kaum vertreten sind und still bleiben müssen, um keine Probleme zu bekommen? In beiden Fällen wäre eine genauere Beleuchtung dieser Umstände dringend angebracht gewesen. Gerade in Zeiten eines explodierenden Antisemitismus ist diese Unsichtbarkeit fatal. Jüdische Jugendliche üben keinen Missionierungsdruck aus und fordern keine Sonderrechte – sie sind im Gegenteil oft diejenigen, die unter dem religiösen Gruppenzwang und Mobbing anderer Gruppen leiden und ihre Identität aus Angst komplett verschweigen. Wenn Medien und Schulen das Judentum nur im Kontext der Schoa oder des Nahostkonflikts abbilden, statt jüdische Feiertage als lebendigen, normalen Teil unserer Gesellschaft sichtbar zu machen, überlassen sie den Schulhof den Vorurteilen. Sichtbarkeit ist der beste Schutz gegen Hass. Ihr Artikel hätte die Pflicht und die Chance gehabt, diese Leerstelle zu füllen.
Dr. Ulrike Fell, Ordino (Andorra)Wie armselig oder schwach muss ein Staat sein, der das Gift Religion nicht komplett aus dem Schulsystem heraushalten kann. Deutschland garantiert absolute Religionsfreiheit, die jeder nach Glauben im Freien, daheim, in Kirche oder Moschee ausüben kann und darf, was eigentlich reichen dürfte. Allerdings gibt es trotzdem Leute, die darauf beharren, Kreuze an die Wand zu hängen, weil sie ja so christlich sind und Neutralität nicht schätzen.
Erich Janoschek, Kaiserslautern
Ausbeutung armer Frauen
Nr. 21/2026 Ein pauschales Verbot der Leihmutterschaft ist nicht gerechtfertigt
Die seinerzeit von der Ampelregierung eingesetzte Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin kam in ihrem Bericht zu dem Schluss: »Die Leihmutterschaft birgt selbst in altruistisch angelegten Modellen ein Potenzial für Umgehungen und Missbrauch. Es liegt daher im Ermessen des Gesetzgebers, aufgrund einer Gesamtabwägung an dem bisherigen Verbot der Leihmutterschaft festzuhalten.« Daher frage ich mich, warum ich im SPIEGEL-Debattenbeitrag einer Rechtswissenschaftlerin lesen muss: »Die Entscheidung, ob eine Frau für andere ein Kind zur Welt bringen möchte, liegt also grundsätzlich allein bei der Frau selbst – und nicht beim Staat.« Es bleibt dabei: Das Grundgesetz gibt ein Recht auf »Leihmutterschaftstätigkeit« oder eben auf ein Leihmutterschaftskind nicht her. Wenn aber juristische Autorität beansprucht wird, sollte die verfassungsrechtliche Herleitung doch stimmen.
Inez Mischitz, BerlinWarum darf ich meine Niere in Deutschland nicht legal verkaufen? Auch wenn ich das als freier Mensch echt will – und eine kranke Person total davon profitiert? Weil unser Staat hier aus ethischen Gründen marktwirtschaftlichen Exzessen vorbeugt. Kommerzieller Organhandel gilt als moralischer Dammbruch, als Verstoß gegen Menschenwürde und Grundsätze der Verteilungsgerechtigkeit: Wer hat Geld für meine Niere – und wer bleibt eben an der Dialyse oder stirbt sogar? Aus den gleichen Gründen begrüße ich es, dass die kapitalistische Ausbeutung armer Frauen als Leihmütter hierzulande noch verboten ist. Im Fall kommerzieller Leihmutterschaft verkaufen Menschen über Monate ihren Körper an ausreichend solvente Menschen mit Kinderwunsch. Diese Leihmütter gehen dabei existenzielle Risiken für ihre körperliche und seelische Gesundheit ein. Ausbeutung? Ja, haben Sie schon einmal die Schlagzeile gelesen: »Prominente XYZ hat Kind für verschuldete junge Frau nach Gebärmutterhalskrebs/für mittelloses gleichgeschlechtliches Paar ausgetragen«? Über eine wirklich regulierte, nicht kommerzielle Form der Leihmutterschaft könnte diskutiert werden. So dürfen beispielsweise in Großbritannien unter bestimmten Umständen Verwandte Kinder für Familienmitglieder austragen. So wie ich hierzulande und heutzutage ganz legal beispielsweise meinem Mann oder meiner Frau eine Niere spenden kann.
Dr. Brita Hempel, Freiburg im Breisgau
Die besten Jahre
Nr. 21/2026 SPIEGEL-Reporter Alexander Kühn hadert mit dem Älterwerden
Selten habe ich einen Artikel im SPIEGEL mit solcher Freude und ja, auch Staunen gelesen. Hier wurde an kleinen Beispielen so vieles bedacht, was mich immer wieder innehalten ließ und zum Nachdenken und Schmunzeln anregte. Mit 50 ist man nicht alt. Meine Schwiegermutter sagte mir einst: Die schönsten Jahre meines Lebens waren die zwischen 60 und 70. Ich kann es inzwischen bestätigen: Herr Kühn, Sie haben die besten Jahre noch vor sich!
Dr. Susanne Schnädelbach, Bonn
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