Leserbriefe - DER SPIEGEL
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Artikel 66 / 68

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Leserbriefe

Titel Nazi-Kartei, Alternative Schwarz-Grün, Taliban in Deutschland, PS bei Elektroautos – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 22/2026

Totschweigen oder Ausreden

Nr. 21/2026 Titel: Ist Ihr Opa dabei? 

  • »Mit ein paar Klicks sind Opa oder Oma entlarvt«, und deren »Lügen hat ein Ende«. Mit Ihrem abgehobenen, hochmütigen Wording diskreditieren Sie eine komplette Generation. Was für eine Anmaßung! Nicht alle NSDAP-Mitglieder haben das später verschwiegen oder geleugnet. Mein Großvater zum Beispiel. Er berichtete davon offen als Fehler seines Lebens. Uns, der Enkelgeneration, gab er seine Reue mit auf den Weg – und die Mahnung, die Wiederkehr ähnlicher selbst verschuldeter Katastrophen unbedingt zu verhindern. Er hat meinen Respekt.
    Matthias Roth, Altdorf b. Nürnberg (Bayern)

  • Es geht nicht allein um ein besseres Geschichtsverständnis. Auch wenn die heutige Gesellschaft nicht schuldig ist an den Verbrechen während der Nazizeit, ist sie verpflichtet zu wissen, wozu der Mensch fähig ist; sie ist somit verantwortlich, dass sich auch nur ansatzweise vergleichbare Verbrechen nicht wiederholen. Die Folgen der Manipulierbarkeit der Gesellschaft werden deutlich in den USA, Russland, China, Nordkorea und zu vielen anderen Staaten. Das Buch von Christopher Browning »Ganz normale Männer« über die Morde vor allem in Osteuropa sollte in den Schulen intensiv besprochen werden. Geschichte wiederholt sich selten in den Verläufen und Taten; aber vergleichbare Entwicklungen werden aktuell auch in Deutschland sichtbar. In radikalen Parteien setzen sich nach der Machtübernahme die Radikalsten durch.
    Gernot Hilge, Münster

  • Sie haben ja so recht, weitere Abgründe tun sich in der deutschen Erinnerungskultur neu auf. Und doch ist das, was Sie als Familiengeschichte beschreiben, nur eine Spitze unter vielen Eisbergen: NS-Täterforschung gibt es ja schon länger. Ich habe seit 2010 bisher 20 Bände der Reihe »Täter Helfer Trittbrettfahrer« herausgegeben. Dort geht es jeweils um 20 bis 25 ausgewählte NS-Belastete, sortiert nach Regionen, bisher für Gegenden in Baden-Württemberg und Bayern; vorbereitet werden die Bände für Thüringen. Was passiert, wo jemand schlagartig erkennt, dass eigene Vorfahren deutlich brauner waren als erhofft? Viele verhalten sich da überhaupt nicht rational. Eine Mehrheit wehrt ab und verdrängt erstmals oder weiterhin, was nicht ins Weltbild passt. Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte? Andere akzeptieren zwar generös die Fakten, wollen sich aber schon nach wenigen Monaten nicht mehr auf Einzelheiten einlassen.
    Dr. Wolfgang Proske, Gerstetten (Bad.-Württ.)

  • Es ist vielsagend, dass das Thema so viele aufrüttelt. Oder ist es Medienhype? Mich rüttelt auf, dass nur wenige Sparkassen, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind, sich ihrer Geschichte unterm Hakenkreuz stellen. Dem Kontenraub jüdischer Mitbürger, der politischen »Säuberung« ihres Personals durch ihre Amtsvorgänger in jenen Jahren begegnen sie meist mit Totschweigen oder Ausreden. Manche Täter durften in Leitungsfunktionen nach dem Krieg nahtlos weiterarbeiten.
    Thomas Künzer, Wetzlar

  • Die unvergleichliche Vielfalt und Verschiedenheit dieser massenhaften NS-Verstrickung des deutschen Volkes wird immer erdrückender. Jede einzelne Familiengeschichte mit einer derartigen NS-Vergangenheit ist dabei etwas ganz Einmaliges, allein schon der Jahreszahl des Parteieintritts nach; ergibt aber ein erschreckendes Gesamtbild. Die durchgehende Betroffenheit der nachforschenden Generationen ist aktuell politisch durchaus beruhigend, obwohl das jahrzehntelange Verschweigen und Schweigen wiederum historisch ungemein beunruhigend ist. Doch vereinzelte Selbstanklagen wie »Mein Großvater war NSDAP-Mitglied – und ich bin sein Enkel«! erscheinen mir wahrlich unangebracht. Verstehen würde ich aber das nachkriegszeitliche »Er sagte nie ein Wort«, wenn der Betroffene die »Hölle von Stalingrad« und eine nachfolgende sowjetrussische Kriegsgefangenschaft »überlebt« hat. Im Osten Deutschlands gelangten nicht wenige derartiger NS-Kriegsgefangenen über sowjetische Antifa-Umschulungslager nach ihrer Rückkehr in die frühe DDR sogar erneut in politische Parteifunktionen, nicht nur der SED. Und vereinzelt wurde bis heute die NS-Vergangenheit und der dazugehörige Parteieintritt nach 1945 sogar parteiamtlich offiziell verschwiegen. Trotzdem ist wohl zu vermuten, dass es aktuell in Ostdeutschland weniger derartige Antragstellungen geben wird als im Westen. Wir haben auch schon eine ähnliche gesamtgesellschaftliche Stasi-Überprüfung hinter uns gebracht.
    Hans-Christoph Rauh, Berlin

  • Es ist eine deutsche Unart geworden: die moralische Arroganz der Nachgeborenen. Wir sitzen in unseren wohligen Demokratien und richten über Biografien, die wir kaum buchstabieren können. Hören wir doch endlich auf mit dieser wohlfeilen Selbstgerechtigkeit. Schuld ist nicht vererbbar. Wer heute den Enkeln die Taten der Großväter um die Ohren haut, betreibt keine Aufklärung, sondern billige Exorzismen. Man kann die Wärme eines Großvaters im Gedächtnis bewahren, ohne sein Mitwirken im Grauen zu rechtfertigen – denn Liebe ist keine Zustimmung. Die Vorstellung, man wäre im »Dritten Reich« selbstverständlich im Widerstand gelandet, ist nichts als eine arrogante Illusion. Wir sollten uns nicht einbilden, charakterlich gefestigter zu sein als die Menschen von 1933. Was uns von ihnen unterscheidet, ist kein ethischer Vorsprung, sondern schlichtes Systemglück statt moralischer Überlegenheit. Wir haben das Privileg der Freiheit, sie hatten das Pech der Tyrannei. Hätten wir unter diesem Terror wirklich anders gehandelt?
    Patrick Kuntz, Heppenheim (Hessen)

  • Ich finde es gut, dass sich »Die Zeit« und der SPIEGEL dem einfacheren Zugriff auf die US-NSDAP-Akten gewidmet haben. Wenn man mehr darüber nachdenkt, fragt man sich jedoch, warum sich unsere Regierung nicht um die Veröffentlichung gekümmert hat. Dann wird einem schnell klar, dass es noch genug Entscheidungsträger gibt, die eine Vergangenheitsaufarbeitung nicht möchten.
    Gert Heuer, Oberding (Bayern)

An dieser Stelle sprechen wir jede Woche mit einem Leser oder einer Leserin über die Kritik an einem unserer Beiträge

»Eine Seite hätte gereicht«

Der Leser Thomas Drescher aus Dresendorf hat den Artikel »Rolls-Royce auf Firmenkosten« (hier der Artikel) kritisiert. Redakteur Timo Schober hat ihn angerufen.

SPIEGEL: Herr Drescher, was hat Sie an unserem Artikel gestört?

Drescher: Es ist eine Geschichte über einen angeblichen Wunder-Wuzzi, der das große Geld machen wollte, den aber in Wahrheit keiner braucht. Ich halte die Personen wirklich nicht für relevant genug, dass der SPIEGEL sie auf fünf Seiten behandelt. Dafür ist es nicht spektakulär genug gewesen.

SPIEGEL: Es geht unter anderem um einen der reichweitenstärksten Influencer im deutschsprachigen Raum und weitere Personen des öffentlichen Lebens, die mit dieser Aufmerksamkeit ein Unternehmen aufgebaut haben und gerade bei jüngeren Zielgruppen erheblichen Einfluss haben.

Drescher: Ich bin 69 Jahre alt und folge keinem Influencer. Eine Seite hätte gereicht. Wir sprechen hier ja nicht von einem Kaliber eines René Benko, der viel größere Dinger gedreht hat.

Der Plan ist kindisch

Nr. 21/2026 Leitartikel: Warum Schwarz-Grün eine gute Alternative wäre 

  • Echt jetzt? Wie sollen denn Grüne und Union Gemeinsamkeiten finden, wenn nicht mal SPD und Union das schaffen, trotz jahrelanger GroKo? Man muss doch endlich einmal loskommen von diesem dummen Lagerdenken und sich klar werden, dass Sachprobleme gelöst werden müssen. Und das hat viel mit handelnden Personen zu tun und gar nichts mit politischen Weltanschauungen.
    Christoph Zischgl, Dorfen (Bayern)

  • Ein großer Teil des Streits zwischen den Koalitionären ist neben weltanschaulichen Differenzen darauf zurückzuführen, dass die Union beklagt, dass der kleinere Partner mit nur der Hälfte der Wählerstimmen der Union bei Kompromissen auf Augenhöhe mit der Union behandelt werden möchte. Dies wäre zu verhindern gewesen, wenn die SPD bei den Koalitionsverhandlungen auf einer Beteiligung der Grünen an der Regierung bestanden hätte. Zwar hätten sich hierdurch weniger Pöstchen für Union und SPD ergeben, man hätte im Bundestag aber eine wesentlich stabilere Mehrheit gehabt. Zudem wären konservativer und linker Block annähernd gleich stark gewesen, was Kompromisse erleichtern würde. Sollte die jetzige Koalition scheitern, wäre ein solches Modell eine echte Alternative gegenüber einer Minderheitsregierung.
    Harald Liebmann, Pulheim (NRW)

  • Schon allein die aktuell betriebene Politik des von der CDU geführten Wirtschaftsministeriums macht eine Zusammenarbeit mit den Grünen unmöglich. Nicht zuletzt wegen der beschämenden und immer dramatischer werdenden sozialen Kluft in unserer Gesellschaft muss dringend ein rot-grün-rotes Bündnis her. Vor allem die SPD sollte endlich die Vorbehalte gegenüber der Linken neu überdenken und intensiv an praktikablen Schnittmengen arbeiten. Es gibt auch im Mitte-links-Spektrum genug gesunde Wirtschaftskompetenz, sodass die immer wieder heraufbeschworene Gefahr einer Vernachlässigung der Wirtschaft nicht real ist.
    Wolfgang Greiner, Bischofswiesen (Bayern)

Achtstundentag: Ist die tägliche Höchstarbeitszeit in Ihrem Arbeitsalltag hilfreich oder hinderlich?

Hilfreich

»Ich merke, dass meine Arbeitseffektivität bei mehr als 8 bis 9 Stunden deutlich nachlässt und die nötige Erholungsphase unverhältnismäßig zunimmt. Daher halte ich eine Lockerung nicht für eine gute Idee, weder für mich noch für meinen Arbeitgeber.«

Friedhelm König

Hinderlich

»Gerade bei Einsätzen mit längeren Fahrzeiten zur Baustelle (vom Betrieb aus) ist es auch im Sinne des Arbeitgebers, statt 5-mal 8 Stunden lieber 4-mal 10 Stunden zu bezahlen – mehr bezahlte Zeit auf der Baustelle und weniger bezahlte Zeit im Auto.«

Bernd Sitte

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Moralische Bankrotterklärung

Nr. 20/2026 Die Bundesregierung ließ Talibanvertreter ins Land 

  • Der Artikel macht mich fassungslos. Der vorgeblich freiheitlich-demokratische Westen diskreditiert sich selbst – und das gleich mehrfach. Erst wirft er durch seinen plötzlichen, unvorbereiteten Truppenabzug die Frauen und Mädchen Afghanistans den Taliban zum Fraß vor. Dann verweigert er den um ihr Leben fürchtenden Ortskräften, ohne die das Gros der Einsätze gar nicht möglich gewesen wäre, den zuvor vollmundig versprochenen Schutz. Und nun auch noch das: Ein Taliban (!) wird nach Deutschland geholt, um den amtierenden Generalkonsul zu »ersetzen«, der dann allen Ernstes nach sieben Dienstjahren im Bonner Konsulat mit dem Bus in ein Flüchtlingslager gekarrt wird. Willkommen in Absurdistan! Würden für Verantwortungslosigkeit Noten vergeben, bekäme die Bundesrepublik eine glatte Eins. Wir, wir wollen den Afghanen unsere »freiheitlich-demokratischen« Grundwerte vermitteln? Dass ich nicht lache! Was für ein Armutszeugnis! Kann der Westen eigentlich noch tiefer sinken? Bleibt nur zu hoffen, dass nicht nur Herr Kabiri, sondern auch die für diese ungeheuerliche Schildbürgerposse Verantwortlichen ihres Amtes enthoben werden.
    Anne Essmann, Berlin

  • Die Zulassung dieser Vertretung eines Terrorstaats ist die moralische Bankrotterklärung Deutschlands. Keine Kritik mehr am Terror gegen Frauen und der Missachtung von Menschenrechten, weil man ein paar Straftäter abschieben will.
    Wolfgang Tittus, Nürnberg

  • Da gleich drei Personen für diesen exzellenten Beitrag verantwortlich zeichnen, weiß man gar nicht, wem man zuerst gratulieren soll. Zu der akribischen Recherche und der Empathie und, ja, der Fremdscham, die im Subtext durchschimmert. Ich teile diese Empfindungen – angereichert mit einem gerüttelt Maß Wut angesichts der Ignoranz und beschämenden Prahlerei des Innenministers, der sich um seines vermeintlichen Ruhmes willen mit dem Taliban-Pack gemeinmacht. Gott sei Dank ist zumindest der Asylantrag für Herrn Karibi bewilligt worden – Asyl vor denen, mit denen sich zu arrangieren sich die Bundesregierung nicht schämt, und als bisher einziges EU-Land Talibanvertreter akkreditiert. Eines billigen Effekts wegen, weil man glaubt, damit die AfD bremsen zu können.
    Hans-Dieter Schabram, Berlin

Sie verpesten nicht die Luft

Nr. 20/2026 PS-Inflation bei Elektroautos 

  • Elektroautos werden eher langsamer bewegt, da sie sich bei Kavalierstarts schneller entladen. Vergleiche mit dem Porsche und dem Ferrari sind unangebracht. Elektroautos schonen das Klima. Die Batterien können recycelt werden. Sie verpesten nicht die Luft. Sie hinterlassen keine Öllachen auf der Straße. Vielleicht finden Sie ein neues Problem mit Elektroautos. Viel Glück!
    Dr. Thomas Grunau, Bottrop

  • Sie gehen in dem Artikel viel zu wenig grundsätzlich auf diesen PS-Wahn ein. Wer braucht das, was macht es für einen Sinn, mit so viel Energieeinsatz durch unsere Städte, über unsere Landstraßen und Autobahnen zu fahren? Statt Umweltschutz: E-Mobilität zur Förderung der Raserei.
    Hagen Röhrig, Münster

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