Leserbriefe - DER SPIEGEL
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Artikel 58 / 60

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Leserbriefe

Patchworkfamilien, Leitartikel über maßlose Bosse, das Interview mit Martin Werding über den Rentenstreit – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 1/2026

Ein beglückendes Gefühl

Nr. 52/2025 Titel: Puh, Patchwork 

  • Auch klassische Familien mit ausschließlich leiblichen Kindern können funktionieren. Doch kommt die »Familie in neuer Konstellation« inzwischen fast häufiger vor. Hier hat nur die negativ konnotierte, diskriminierende Vorsilbe »Stief-« ausgedient: »Bonusvater« und »Bonusmutter«, »Partnerkind« klingt viel freundlicher. Unseren Sohn, inzwischen 40 und selbst Vater, habe ich als Zwölfjährigen kennengelernt. Als wir mal zu dritt im Freibad waren, fragte ihn ein Mitschüler, ob wir seine Eltern seien. Er bejahte dies und stellte uns sodann wie selbstverständlich eine rhetorische Frage: »Wozu leugnen?« »Leugnen« aber kann man nur die Wahrheit … Allen Familien ein glückliches neues Jahr!
    Dr. Fred Maurer, Aalen (Bad.-Württ.)

  • Als ich mit 34 in das Leben meiner Ex-Frau geriet, trat auch unverhofft eine Fünfjährige in mein Leben. Meine Stieftochter hasste mich von Anfang an und verdarb den Anfang arg. Einmal malte sie ein Männchen, das an einem Galgen hing, ans beschlagene Pkw-Fenster. Den Hängenden beschriftete sie mit meinem Namen. Als wir im Bayernurlaub zum Kennenlernen mit einer Gondelbahn fuhren, fragte meine Stieftochter nahe dem Berggipfel, wieso ich nicht einfach runterspränge. Später haben wir uns dann aber zusammengerauft. Nicht mehr gehasst zu werden, war ein beglückendes Gefühl.
    Peter Limburg, Kersch (Rhld.-Pf.)

An dieser Stelle sprechen wir jede Woche mit einem Leser oder einer Leserin über die Kritik an einem unserer Beiträge

»Mit Schwarz und Weiß ist das nicht zu erfassen.«

Der Leser Andreas Pfütsch aus Briesen hat die Titelzeile »Zwei Schurken, ein Ziel« kritisiert (hier die ganze Geschichte ). Chefredakteur Dirk Kurbjuweit hat ihn angerufen.

SPIEGEL: Sie haben sich über unsere Titelzeile geärgert. Warum?

Leser: Das ist mir zu viel Schwarz-Weiß-Denken. Ich bin selbst Kommunalpolitiker und weiß, dass man mit Begriffen wie Schurke oder Staatsfeind nichts erreichen kann.

SPIEGEL: Wladimir Putin hat die Ukraine überfallen, Donald Trump will Europa spalten und wollte der Ukraine zumuten, auch Gebiete abzutreten, die nicht von Russland erobert wurden. Dazu kommen die Bereicherung seines Clans oder die Einsätze von Militär in US-Städten, das finden wir durchaus schurkisch.

Leser: Da sind Dinge dabei, die ich auch schurkisch finde. Aber schauen Sie sich die andere Seite an: Ich habe Hochachtung davor, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seinem Land geblieben ist. Aber es gibt einen Korruptionsskandal in seinem Umfeld, und den Anschlag auf Nord Stream hat er womöglich gebilligt. Mit Schwarz und Weiß ist das alles nicht zu erfassen.

Total treffend

Nr. 51/2025 Leitartikel: Die überzogene Kritik der Unternehmer an der Regierung ist gefährlich 

  • Dass endlich mal jemand unseren Wirtschaftsbossen so klar und deutlich die Leviten liest, war längst überfällig. Und dann die Formulierungen »die Staatsfeinde von der AfD und die unerträgliche Sahra Wagenknecht« – dafür könnte ich den Verfasser des Leitartikels küssen.
    Uwe Tünnermann, Lemgo (NRW)

  • Das hätte es früher nicht gegeben. Dass sich ein SPIEGEL-Redakteur quasi mit dem ganzen Körper in den Kugelhagel der Geldscheffler und Egomanen vor den CDU-Kanzler und die Regierung wirft, finde ich großartig. Jeder Ihrer argumentativen Schüsse zurück trifft voll ins Schwarze. Was wollen die CEOs und Verbandsvertreter? Auf Demokratie und den Rechtsstaat verzichten und Autokraten die Stiefel lecken. Es ist einfach nur noch widerlich. Ich danke Ihnen für diese Gegenrede.
    Rüdiger Rühfel, Augsburg

  • Ich bin selbst Unternehmer und finde die Kommentierung von Tim Bartz total treffend. Mich ärgert die maßlose und weitgehend unberechtigte Kritik an Kanzler Merz, insbesondere durch Unternehmer und ihre Verbände, sehr. Das Problem: Den Kritikern der jetzigen Regierungskoalitionen könnte es »gelingen«, die Regierung zu Fall zu bringen und Neuwahlen zu initiieren. Dass das allein unserem Land weitere Probleme bescheren wird, dürfte ebenso einleuchten wie die Tatsache, dass es eine neue Regierung, sofern sie zustande kommt, nicht besser machen könnte als die jetzige. Die Unternehmer im Lande sollten die Regierung nicht schwächen, sondern versuchen, sie stark und stabil zu machen.
    Klaus Seeger, Eschwege (Hessen)

  • In dem sehr guten Leitartikel wurde leider vergessen zu erwähnen, dass die »Bosse« oder »Manager« für die derzeitige wirtschaftliche Situation zum größten Teil selbst verantwortlich sind. Gerade die Autoindustrie zieht viele Zulieferer in die Insolvenz. Warum? Weil sie die Zukunft verschlafen hat und nun durch politisches Handeln fordert, weiter schlafen zu dürfen. Nichts anderes ist das »Aus vom Verbrenner-Aus«. Diese Herren, meist sind es ja Männer, haben über die Dieselaffäre Milliarden in den Sand gesetzt, Geld, das für wirkliche Innovationen seither fehlt. Zum anderen erhalten diese Personen jährlich viele Millionen, jeder mit dem Hinweis auf die doch so große Verantwortung, die sie tragen. Wenn es aber darauf ankommt, erhalten sie sogar weiterhin ihre dicken Boni, und der Staat soll durch Subventionen aushelfen. Am meisten müssen aber immer die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie die Sozialkassen dafür bezahlen.
    Peter Müller-Deckenhoff, Borken (NRW)

  • Guter Anfang, Ihr Artikel. Aber die Probleme der Regierung zu beschreiben, ist leider zu kurz gedacht. In dieser Zeit, am Zenit des Turbokapitalismus, dessen Opfer nicht nur 90 Prozent der Bevölkerung sind, sondern auch die Regierung, ist die Spaltung der Gesellschaft ein Ziel der wohlhabenden zehn Prozent. Die Wirtschaft wird erst wieder anspringen, wenn die Binnennachfrage auflebt. Dies wird jedoch nicht erfolgen, solange die Bosse erfolgreich Gesetze diktieren, welche sie selbst als Erfüllungsgehilfen des Kapitals und die Wohlhabenden selbst bereichern. Erst wenn die Diskussion über das System zu einer gerechten Steuer- und Abgabenpolitik führt, wird durch die Umverteilung Kaufkraft freigesetzt, Befriedung in den unteren und mittleren Einkommen erfolgen und extreme politische Positionen geschwächt.
    Dr. Gregor Rinke, Bornhagen (Thür.)

  • Es ist dem SPIEGEL zugutezuhalten, dass dieser Text in Ihrem Blatt erscheint. Haben Sie doch in den letzten Monaten in Ihrer Berichterstattung keine Gelegenheit ausgelassen, sich recht kritisch über den Bundeskanzler zu äußern. Ich teile die Auf­fassung von Herrn Bartz, dass diese Regierung unter nicht beneidenswerten inneren und äußeren Bedingungen nun Versäumnisse der vergangenen 20 Jahre abarbeiten muss. Und mag es auch die eine oder andere verbale Entgleisung gegeben haben, die dann genüsslich von Ihnen und anderen Presseorganen immer wieder zitiert wird, so ist doch festzuhalten, dass dieser Bundeskanzler sich anschickt, dieses Land wieder in die Spur zu bringen. Offensichtlich hat auch Herr Merz diesen Leitartikel gelesen, denn auf dem kürzlich beendeten CSU-Parteitag hat er sich sehr kritisch mit dem vereinfachenden Statement von Herrn Thomas Schulz, Chef des Industriedienstleisters Bilfinger auseinandergesetzt. Unsere Presseorgane zeichnen durch negative Berichterstattung ein Bild von unserem Land, das vielen Menschen das Gefühl gibt, hier brauche es einen politischen Wechsel. Das wäre das Letzte, was wir jetzt brauchen.
    Dr. Ulrich Albert, Simmerath (NRW)

EU-Kommission will von Verbrenner-Aus ab 2035 abrücken – gut so?

Ja

»Ich bin großer Fan davon, den Wandel durch den freien Markt zu regeln. Wieso sollen Firmen nur dann zu Innovation fähig sein, wenn sie durch Verbote gezwungen sind?«

Julia Schäf

Nein

»Die Wirtschaft braucht Planungssicherheit. Aus geplanten Ausstiegen auszusteigen ist ein Irrsinn, den die Union schon früher vollzogen und der die Steuerzahler Milliarden gekostet hat.«

Stephan Jee

Sagen Sie auch Ihre Meinung!

»Geniale« Idee

Nr. 51/2025 Ökonom Martin Werding über den Rentenstreit 

  • Was für eine geniale Idee: »Akademiker sollen später in Rente gehen, da sie ja nicht so früh in das Berufsleben einsteigen.« – Herr Werding hat das völlig zu Recht festgestellt, dass Rentenansprüche durch Einzahlungen und nicht durch Berufsjahre erworben werden. Darüber hinaus kann sich eine Gesellschaft glücklich schätzen, wenn genügend Menschen eine lange und oft anstrengende Ausbildung durchlaufen, um ihren Job kompetent ausüben zu können. Wer ließe sich denn gern von einem Arzt behandeln, der sein Handwerk nicht gelernt hat, oder von einem Ingenieur, der Mathematik und Physik nur auf Schulniveau beherrscht, eine Brücke bauen?
    Dr. Rudolf Winkel, Müllheim im Markgräflerland (Bad.-Württ.)

  • Werding behauptet im Interview, eine steigende Lebenserwartung erfordere eine längere Lebensarbeitszeit. Aber werden wir wirklich alle immer älter? Nein. Die Lebenserwartung ist abhängig von sozialem Status, von der Ausbildung, von Beruf und Einkommen. Wer hart arbeitet, hat viel weniger von der Rente. Und wenn nun ausgerechnet die mit schwerer Arbeit auch noch länger arbeiten sollen, werden sie doppelt benachteiligt. Arbeiter leben im Schnitt vier Jahre kürzer als Beamte. Arbeiter müssen laut Statistik damit rechnen, nach dem Rentenbeginn nur noch 15,9 Jahre lang zu leben – 5,6 Jahre weniger als Staatsdiener.
    Detlef Brandenburger, Rahden (NRW)

  • Sie haben ganz zutreffend festgestellt, dass Akademiker meist später – und zwar wesentlich später – ins Berufsleben starten als Handwerker oder Angestellte in Handel und Dienstleistungen, und deshalb keine Rentenansprüche aufbauen können. Vergessen haben Sie jedoch zu erwähnen, dass die Investitionen in die Ausbildung der Akademiker in der Regel von jenen geleistet werden, die bereits sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind und nicht nur ihre eigenen Rentenansprüche, sondern teilweise auch die der Akademiker finanzieren müssen. Es fällt mir schwer, das als gerecht zu empfinden. Ich würde eher einer Grundrente für alle zustimmen, die einer beruflichen Tätigkeit nachgegangen sind, und für darüber hinausgehende Ansprüche jeden Einzelnen verantwortlich machen.
    Bernd Spiecker, Schorndorf (Bayern)

  • Die Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas und der Wissenschaftler Prof. Jens Südekum schauen mit Pragmatismus auf die dringend notwendige Rentenreform. Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern wir müssen aus bekannten Vorlagen entscheiden. Die Niederlande, Schweden, Österreich und andere haben seit vielen Jahren erfolgreiche Reformen durchgesetzt. Die Niederlande haben laut Ranking das beste Rentensystem der Welt; warum nehmen wir es in Deutschland nicht als Vorlage? Wir müssen in Deutschland bei allen drei Sozialsystemen – Renten-, Kranken- und Pflegesystem – zu einer »Bürgerversicherung« gelangen, in die wirklich alle einzahlen: Selbstständige, Beamte, Angestellte, Arbeiter et cetera. Bei einer drastischen Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze oder ihrem Wegfall (siehe Schweiz), kann der Beitragsprozentsatz gering ausfallen. Natürlich muss bei dieser Regelung eine Deckelung des Rentenbetrags erfolgen.
    Felix Kötting Havixbeck (NRW)

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