Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Leserbriefe
Putin darf sich freuen
Nr. 26/2026 Titel: Unser Krieg gegen Russland
»Unser Krieg gegen Russland« – sind Sie noch bei Trost? NS-Deutschland überfiel 1941 die Sowjetunion, nicht (nur) Russland. Zu den Opfern gehörten unter anderem die baltischen Staaten. Die höchsten Verluste in Relation zur Bevölkerungszahl erlitten Weißrussland (heute Belarus) und – die Ukraine. Was soll die Gleichsetzung von Sowjetunion und Russland? Werden hier nicht unselige Narrative von Putin und seinen »Verstehern« bedient, dass allein das heldenhafte Russland den »Großen Vaterländischen Krieg« gewonnen, unter den deutschen Kriegsverbrechen gelitten und dafür heute die Solidarität der Bundesrepublik verdient habe? Oder gar, dass wir mit unserer finanziellen und militärischen Unterstützung der Ukraine (erneut) einen »Krieg gegen Russland« führen? Wie konnte denn dieser irreführende Titel durchgehen?
Dr. Ines Mayer, Bisingen (Bad.-Württ.)Wer 2026, in einer Zeit äußerster Spannung in Europa, den deutschen Vernichtungskrieg im Osten sprachlich so rahmt, dass Vergangenheit und Gegenwart in gefährliche Nähe geraten, betreibt ein semantisches Spiel mit Streichhölzern im Pulverraum der Geschichte. Die Erinnerung an 1941 verlangt Demut und Gedenken. Sie eignet sich nicht als Kulisse für Gegenwartspsychologie und auch nicht als publizistisches Tremolo. Gerade der SPIEGEL sollte wissen, dass sich journalistische Urteilskraft nicht allein in zugespitzter Wortwahl erweist, sondern ebenso in der Fähigkeit, die Wirkung der eigenen Sprache zu bedenken.
Michael Schumann, BerlinWas haben Sie sich bei dieser Titelzeile gedacht? Ich bin fassungslos, zumal die Titelgeschichte und das nachfolgende Interview mit Frau Scherbakowa inhaltlich richtigstellen, was das Titelblatt suggeriert. Herr Putin darf sich freuen.
Friedhelm Horn, Rotenburg/Wümme (Nieders.)Ja, wir Deutschen haben Russland heimtückisch überfallen, vereinbarte Pakte gebrochen, gemordet, geschändet, gedemütigt. Im Gebiet der Ukraine besonders. Da ist es Verpflichtung, ja Staatsräson, Wiedergutmachung, Unterstützung zu gewähren, dieses vom Kriegsverbrecher Putin geschundene Land in ein geeintes Europa einzubinden. Imperialistischen Gelüsten Putins zum Trotz.
Harald Dupont, Ettringen (Bayern)Ich finde den Titel »Unser Krieg gegen Russland« hochproblematisch. Die Sowjetunion mit Russland gleichzusetzen, ist nicht nur historisch und politisch komplett falsch. Es ist auch in der aktuellen Zeit besonders gefährlich und verquer, solche Botschaften zu streuen, da Russland pikanterweise unter Verwendung des gleichen Narrativs (»Ukraine war schon immer russisch«) seine Nachbarstaaten überfällt und da die nicht russischen Sowjetrepubliken besetzt wurden und den Großteil der nazistischen Besatzung ertragen mussten (Belarus, baltische Länder, Ukraine). Das ist wirklich weder journalistisch noch publizistisch zu rechtfertigen, politisch brisant und schlicht peinlich.
Martin Schön, Berlin
»Höhere Erbschaftsteuer wäre das richtige Instrument«
Der Leser Rudolf Winkel aus Müllheim im Markgräflerland hat den Leitartikel »Tyrannei der Alten« kritisiert (hier der ganze Leitartikel ). Autor Christian Reiermann hat ihn angerufen.
SPIEGEL: Herr Winkel, was hat Sie an meiner Argumentation gestört?
Winkel: Mehr Staatsausgaben für Rentner sind wirklich nicht angebracht, wenn gleichzeitig bei Bafög, Kitas und Bildung gespart wird. Doch die ungerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen besteht weiter. Insbesondere finde ich Ihren Vorschlag, mit einer höheren Mehrwertsteuer Entlastungen bei der Einkommensteuer zu ermöglichen, damit junge Leute mehr finanziellen Spielraum bekommen, untauglich.
SPIEGEL: Ich hatte argumentiert, dass die höhere Mehrwertsteuer vor allem gut situierte Senioren treffen würde, die ihre Ersparnisse im Alter ausgeben.
Winkel: Das halte ich für falsch. Darunter würden doch alle Menschen leiden, die wenig Geld haben und große Teile ihres Einkommens ausgeben müssen. Das richtige Instrument für eine Umverteilung von Alt zu Jung wäre eine höhere Erbschaftsteuer.
Das ist mitnichten Luxus
Nr. 25/2026 Leitartikel: Der wahre Verteilungskampf findet nicht zwischen Arm und Reich statt
Ich bin entsetzt, dass ich in Ihrem Magazin einen derartig unreflektierten Artikel über die Generation der Babyboomer lese. Sorry, aber die können nichts für ihre Masse, ihr jetziger Eintritt in die Rente war schon sehr lange bekannt. Es ist armselig, Menschen zu diffamieren, die jahrzehntelang das Umlageverfahren am Laufen hielten und in den Achtziger- und Neunzigerjahren Millionen Menschen zu einer echten Frührente mit 60 verholfen haben. Ich sehe ein, dass alle beitragen müssen, wenn Reformen gelingen sollen, aber bitte hören Sie mit solch einseitigen, ja bösartigen Artikeln auf. Von 1400 Euro Rente nach den benannten Arbeitsjahren leben zu müssen, das ist mitnichten Luxus.
Imke Saidykhan, LübeckEine abschlagsfreie Rente mit 63 können nur diejenigen Versicherten erhalten, die 45 Beitragsjahre vorweisen. Alle übrigen müssen dauerhafte finanzielle Abschläge hinnehmen, wenn sie früher als vorgesehen in den Ruhestand gehen. Das vergisst Herr Reiermann leider zu erwähnen. Typisch für seine vom Neoliberalismus geprägte Sichtweise, die er in immer neuen Anläufen erkennen lässt.
Harald Feiber, Hergenrath (Belgien)Sie betreiben Schuldzuweisung allein gegen »die Alten«, wie Sie diese so freundlich nennen. Natürlich stimmen die Vorwürfe gegen die Mütterrente und andere versicherungsfremde Leistungen, die von der Politik in das Rentensystem übertragen wurden. Aber schon bei der Rente mit 63, immerhin nur mit 45 Beitragsjahren möglich, halte ich Ihren Angriff auf »die Alten« für nicht gerechtfertigt! Sie fordern meine Generation auf, auf die »hohen Bezüge« zu verzichten zugunsten ihrer Kinder und Enkel. Wie können Sie übersehen, dass genau diese Unterstützung bei den Rentnern, denen es möglich ist, auch erfolgt? Aber: Es gibt eben eine erkleckliche Schar an Rentnern mit so niedrigen Bezügen, dass ihnen das gar nicht möglich ist. Ihr unausgegorener Vorwurf der Tyrannei der Alten ist eine regelrechte Frechheit. Nicht jeder macht Kreuzfahrten oder lebt in Saus und Braus, wie Sie das mit dem Foto in Ihrem Bericht signalisieren!
Rita Lepski, Hochdorf (Bad.-Württ.)Die Meinung von Herrn Reiermann teile ich nicht. Den Artikel las ich, nachdem einen Tag zuvor die Welt erfuhr, dass es den ersten Billionär gibt. Zusätzlich kam die Information, dass 10 Prozent der Weltbevölkerung über 80 Prozent des Vermögens verfügen und die unteren 50 Prozent lediglich 1 bis 2 Prozent haben. Für Deutschland liegen die Werte bei 10 und 60. Die pauschale Behauptung, dass es kein Problem »Arm gegen Reich« gäbe, sondern dass das wahre Problem »Alt gegen Jung« sei, wird damit ad absurdum geführt.
Wilfried Merg, LeverkusenVorhin an der Kasse beim Netto lasse ich eine Seniorin vor. Sie hat nur drei Gegenstände, die sie an diesem Samstag kaufen möchte: eine Packung Schwarzbrot, eine Dose Heringsfilets in Sahne sowie eine Dose Fleischsalat. Die neonorangen Sticker verraten: »Um 30 Prozent reduziert«. Diese alte Dame um die 80 hat wahrlich kein rauschendes Wochenende vor sich und muss mit einer kleinen Rente auskommen, da bin ich mir sicher. Was Ihr Leitartikel in bester neoliberaler Manier zu suggerieren versucht, ist einfach bodenlos realitätsvergessen: Die vermeintlich saturierten Senioren lebten auf Kosten der nachfolgenden Generation(-en). Vorher wird vom Autor mal eben die himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit in Deutschland als irrelevant abgeräumt, und als »Lösung« des mutmaßlichen Generationenkonflikts soll die Einkommensteuer auch für Reiche deutlich gesenkt und die Mehrwertsteuer deutlich erhöht werden. Damit sich die alte Dame demnächst dann nur noch den Fleischsalat leisten kann?
Michael Wiederholz, Dötlingen (Nieders.)Mit Befremden habe ich den Beitrag gelesen, in dem ältere Menschen nahezu pauschal für die Probleme unseres Landes verantwortlich gemacht werden. Der Ton des Artikels wirkt nicht nur polemisch, sondern stellenweise aggressiv und verächtlich. Eine solche Zuspitzung mag Aufmerksamkeit erzeugen, sie trägt aber wenig zu einer ernsthaften gesellschaftlichen Debatte bei. Besonders irritierend ist, dass hier Jung und Alt gegeneinander ausgespielt werden. Natürlich gibt es berechtigte Fragen der Generationengerechtigkeit: bei Renten, Wohnraum, Klima, Pflege, Bildung und Staatsfinanzen. Aber diese Fragen lassen sich nicht lösen, indem man eine ganze Altersgruppe zum Sündenbock erklärt.
Meike Fahimi, Essen
Ja
»Diese Vorschläge der Rentenkommission erscheinen mir gangbar und fair. Allerdings muss sich das in der Praxis zeigen und ggf. modifiziert werden.«
Silvia Wisbar
Nein
»Und wieder traut man sich nicht an die Beamten heran. Logisch ist das nicht erklärbar. Kein Wort zu einer Beitragsbemessungsgrenze.«
Peter Kämmerer
Sagen Sie auch Ihre Meinung!
Zu viel Geduld
Nr. 25/2026 Teure Imageberatung für Wirtschaftsministerin Katherina Reiche
Interessant: Katherina Reiches Ansehen in der Bevölkerung ist schlecht. Deshalb soll die Bevölkerung jetzt mit Steuergeldern dafür zahlen, dass ihre Meinung manipuliert wird. Wenn Reiche das Geld aus eigener Tasche für die Kommunikationsberatung zahlen würde, wäre ja alles okay. Aber dafür werden Steuergelder verwendet. Unglaublich dreist.
Dr. Anja Westram, BerlinDanke für diese Berichterstattung. Diese Regierung kann nicht abstreiten, dass sie uns mit dieser Ministerin zu viel Geduld abverlangt. Ließ sich in der CDU niemand finden, der keine Nachhilfestunden in Wirtschaft und Empathie braucht? Und die Gesamtheit der Bürger soll die Millionen dafür bezahlen? Wenn man ein hoch dotiertes Ministeramt anstrebt und nicht alle Voraussetzungen dafür mitbringt, sollte man seine Nachschulungskosten bitte schön in voller Höhe selbst tragen oder den Platz freigeben für jemanden, der oder die es kann. Es hat ein Geschmäckle, dass der Berater einer Firma angehört, die ihr Kapital bei Produzenten fossiler Energie investiert, und Ministerin Reiche genau diesen Bereich wieder stärken will.
Anne Chavez-Siebenborn, Frankfurt am Main
Stolz auf die eigene Spezies
Nr. 25/2026 Bilanz der Walretter nach der gescheiterten Freisetzung
Bei diesem Artikel – und auch solchen über Mond- oder Mars-Missionen – frage ich mich immer: Gibt es keine wichtigeren Sozial- oder Umweltthemen, bei denen man mit den Geldern mehr Wirkung erzielen könnte?
Thomas Rieger, MünchenMich hat die Geschichte von dem Wal über viele Wochen in Atem gehalten. Kaum ein anderes News-Item habe ich zu dieser Zeit mit so viel Interesse verfolgt wie den Verlauf dieser Rettungsaktion. Es hat mich beeindruckt, dass Menschen so viel Geld investieren und Aufwand betreiben, um ein Tier zu retten – in einer Welt, in der Tiere einen geringen Wert haben und generell eher ausgebeutet werden. Auch wenn die Bemühungen nicht zum gewünschten Erfolg geführt haben, drückt sich in dieser Aktion eine Haltung aus – Herr Gunz nennt es »die Liebe zum Helfen« –, die mich zur Abwechslung einmal mit Stolz und Bewunderung für die eigene Spezies erfüllt.
Iris Immenkamp, Hamburg
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