Leserbriefe - DER SPIEGEL
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Artikel 67 / 69

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Leserbriefe

Das Berufsbeamtentum, der Streit über Sexarbeit und das deutsche Rentenniveau – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 7/2026

Dumpfe Ressentiments

Nr. 6/2026 Titel: Die Staatsverdiener 

  • Was für ein populistischer, undifferenzierter Artikel auf Boulevardniveau mit passendem Titelbild. Beispielsweise kein Wort darüber, dass die Dienstherren der Beamten sich während der aktiven Dienstzeit die Arbeitgeberbeiträge zur Renten- und Krankenversicherung sparen. Kein Wort darüber, dass Hunderttausende Beamtenstellen bei Post und Bahn abgebaut worden sind. Und: Nicht verbeamtete Lehrer können streiken und sind nicht an die Verfassungstreue gebunden. Die AfD freut sich schon darauf.
    Reinhold Bräth, Ulm

  • Super gemacht, ein Volltreffer! Dafür liebe ich den SPIEGEL: Tabuthemen aufgreifen, provozieren und polarisieren. Hauptsache, es werden Diskussionen angestoßen – das braucht’s. Bitte mehr davon.
    Peter Di Simone, München

  • Natürlich muss über Beamte, zu viele Beamte nachgedacht werden. Doch warum gerade jetzt? Die Akzelerationsschwurbler aus den USA und anderswo reden über nichts anderes, als den Staat aufzulösen und am besten allen Staatsbeamten zu kündigen – kein Staat, keine Hemmung. So ein Unsinn. Und nun der SPIEGEL, mit provokativem Titel und das gleiche Thema bespielend. Ich fand’s in der Aufmachung unpassend.
    Thomas Thormann, Kiel

  • Diskurs ist notwendig. Den Finger in die Wunde legen, wenn man bürokratische Auswüchse feststellt, ist wichtig. Dumpfe Ressentiments gegen Menschen – ja, Menschen, nicht Funktionsträger – zu schüren ist gefährlich und spaltend.
    Dr. Lars Lengler-Graiff, Ranstadt (Hessen)

  • Ich stimme Ihrer Aussage, dass wir weniger Beamte benötigen, uneingeschränkt zu. Die Begründungen dafür sind aber nicht ausreichend. Ich habe, bevor ich eine Professur in Managementlehre an einer FH angenommen habe, etliche Jahre in verschiedenen Unternehmen der Privatwirtschaft gearbeitet. Der öffentliche Dienst ist in vielen Bereichen praktisch eine Ausgeburt der wuchernden Bürokratie. Der hohe Anteil an Staatsdienern in den Parlamenten sorgt laufend dafür, dass immer mehr (zum Teil unverständliche und überflüssige) Verordnungen und Gesetzesparagrafen dazukommen, die den Staatsapparat noch weiter aufblähen. Hier müsste primär angesetzt werden. Außerdem sind insbesondere die Behörden nicht dafür bekannt, wirtschaftlich zu arbeiten – eine Analyse der dort ausgeführten Routineprozesse könnte wichtige Informationen dazu liefern. Beide Aspekte zusammen könnten für einen dauerhaften Abbau überflüssiger Stellen im öffentlichen Dienst sorgen.
    Dr. Armin Müller, Kelheim (Bayern)

  • Mir beleuchtet der Artikel zu wenig die Konsequenzen einer Abschaffung der Verbeamtung in den örtlichen Verwaltungen. Es werden nicht »nur« Verwaltungskräfte in den Verwaltungsbehörden verbeamtet, sondern auch dringend notwendige technische Fachkräfte. In diesem Bereich herrscht deutschlandweit ein Mangel. Wenn nun hier an der sicherlich in den Bereichen Jobsicherheit und Altersversorgung privilegierten Verbeamtung gerüttelt wird, wird es noch schwieriger, geeignetes Personal in dieser Branche für den öffentlichen Dienst zu finden. Wie soll sich dann ein weniger gut qualifizierter Fachmitarbeiter der Behörde gegenüber hoch qualifizierten Akademikern privater Firmen behaupten können? Hier wird an der Durchschlagskraft des Staates gespart, was sicherlich nicht förderlich für einen funktionierenden Rechtsstaat sein kann.
    Jonas Stöckl, Parsberg (Bayern)

  • Glauben die SPIEGEL-Redakteure ernsthaft, dass dieser unterhaltsame Artikel irgendetwas in der laufenden Legislatur ändert? Welche der beiden Parteien kann es sich leisten, 1,8 Millionen Beamte zu ärgern und die zu verprellen, die sich aktuell auf eine Beamtenlaufbahn vorbereiten, beispielsweise angehende Lehrer:innen? In einer Zeit, in der die eine Regierungspartei bei 26 Prozent und die andere bei 14 Prozent herumdümpelt. Und: Es ist sehr wohl möglich, Beamte hinsichtlich ihrer Dienstfähigkeit amtsärztlich untersuchen zu lassen und aus dem Dienst zu entfernen, in Niedersachsen bereits nach drei Monaten Krankheit in einem Zeitraum von einem Jahr. Der Dienstherr muss es nur angehen und unter Umständen den Klageweg nicht scheuen.
    Peter Stein-Spitczok von Brisinski, Hameln (Nieders.)

  • Mindestens die pensionierten Beamten sind zweifelsohne privilegiert. Da gibt es nichts zu deuteln. In Ihrer Titelstory erwecken Sie jedoch den Eindruck, als ob Beamte auch noch die private Krankenversicherung quasi geschenkt bekämen. Ich zahle dafür monatlich rund 300 Euro – wobei ich als Pensionist nur 30 Prozent der Krankheitskosten privat versichern muss; die restlichen 70 Prozent werden ebenfalls aus öffentlichen Mitteln erstattet (»Beihilfe« im Krankheitsfall). Die 300 Euro sind in Anbetracht einer »großzügigen Pension« verkraftbar. Mir ist übrigens schon lange klar, dass wir uns die derzeitige Form der Beamten-Altersversorgung eigentlich längst nicht mehr leisten können. Aber zu Protesten aufrufen wollte ich deshalb nicht. Das müssen die tun, die’s bezahlen.
    Erwin Bixler, Rodalben (Rhld.-Pf.)

  • Im Zuge der prekären Haushaltslage finde ich es sehr gut, dass Sie diese Unwucht thematisieren. Obwohl ich der Meinung bin, dass gerade Lehrer der Verfassung unseres Staates verpflichtet sein sollten, denke ich jedoch, dass sie und auch andere höhere Beamte im Ruhestand der Gesellschaft genauso wenig bringen und genauso wenig Verantwortung tragen wie Rentner. Alle Argumente, die für eine höhere Besoldung sprechen, gelten aus meiner Sicht nicht mehr, sobald sich die Beamten im Ruhestand befinden. Ich vermisse aber im Artikel, um wie viel man die Rentenkasse entlasten könnte, wenn zum Beispiel alle Ruhebezüge bei 3000 Euro pro Monat gedeckelt würden. Sorgte man damit nur unnötig für Aufregung, oder könnte das ein finanziell durchschlagender erster Schritt einer Rentenreform sein?
    Yvonne Hille, Wohnort angefragt

  • Alle diejenigen, die den Beamten ihre »Privilegien« nicht gönnen, seien gefragt: »Wenn ihr den Beamtenstatus so unglaublich toll findet – warum habt ihr ihn nicht selbst gewählt?« Und warum sucht der Staat nach wie vor verzweifelt zu verbeamtende Lehrer, Polizisten, Staatsanwälte, Richter und Behördenbedienstete? Ich selbst wurde damals als Berufsanfänger als »bekloppt« bezeichnet, weil ich (mit hohem Qualitätsexamen) den Beamten- beziehungsweise Richterstatus gewählt hatte, in der Wirtschaft aber das zwei- bis dreifache verdient hätte. Und jetzt, nach der Pensionierung, heißt es neidvoll: »Du hast es ja zu gut.« (Siehe SPIEGEL-Titelbild.)
    Dr. Günter Kruchen, Taunusstein (Hessen)

  • Lehrer aller Art machen einen Großteil der Beamten aus und sind damit auch ein Kostenfaktor. Soll das so bleiben? Wesentliches Kriterium: Nehmen Lehrer hoheitliche Aufgaben wahr? Wenn ja, wird’s wohl nicht anders gehen. Und: Weshalb haben Länder Lehrer vorübergehend nur als Angestellte beschäftigt und sind davon wieder abgekommen?
    Dr. Karl-Heinz Best, Duderstadt (Nieders.)

An dieser Stelle sprechen wir jede Woche mit einem Leser oder einer Leserin über die Kritik an einem unserer Beiträge

»Das wirkte auf mich plump«

Der Leser Olaf Meyer aus Dresden hat das Gespräch mit Heidi Reichinnek von Anna Reimann und Marc Röhlig kritisiert (hier das ganze Gespräch ). Marc Röhlig hat ihn angerufen.

SPIEGEL: Was hat Sie an unserem Gespräch gestört?

Meyer: Die Atmosphäre hat mir nicht gefallen, die war unterschwellig provokant. Wenige Ausgaben zuvor gab es ein Interview mit Ricarda Lang, das war deutlich wohlwollender. Hier habe ich Ihre Lust gespürt, Frau Reichinnek vorzuführen.

SPIEGEL: Aber es ist doch Aufgabe der Presse, Politikerinnen kritisch zu befragen – und dann gern auch mal zu provozieren!

Meyer: Ja, das unterschreibe ich. Man soll ja als Journalist auch provozieren. Aber das war ein ungutes Provozieren, kein faires. Ihre Fragen wirkten auf mich plump – als wollten Sie Frau Reichinnek etwas unterstellen und hofften, sie tappt in Ihre Falle und beendet das Gespräch. Aber ihre Antworten auf die Provokationen waren clever, das konnte sie als Politikerin gut ab.

Jede Menge Lenas

Nr. 5/2026 In der Warteschlange von TUI 

  • Die Lektüre des SPIEGEL löst bei mir häufig mittelschwere Depressionen aus, aber dieser Artikel war ein Gute-Laune-Auslöser; auch wenn er letztendlich einen groben Bockmist beschreibt, der durch Hotlines und KI ausgelöst wird. Aber die ansprechende, humorvolle Schreibe von Frau Hunfeld beweist immer mal wieder, dass Humor ein Essential des Lebensvollzugs ist.
    Michael Danders, Bochum – nun hier zum dritten Mal

  • Topgeschichte, die inzwischen leider tagtäglich passiert und die Betroffenen entweder in Resignation oder kalter Wut hinterlässt. Aber »Hallo, ich bin Lena, wie kann ich helfen« beziehungsweise Chat-Automaten kann man leider nicht entnervt anschreien. Weshalb ich schreibe: Ob Bahnreservierung oder Flugausfall, angeblich nicht auffindbare Hotelbuchung und, und, und – es gibt kein menschliches Wesen mehr, das einem im Notfall weiterhilft. Dafür jede Menge »Lenas«, die Standardfloskeln auf Lager haben, oftmals Zeitverschwendung sind und deren »Gespräche« sich (wie im Artikel beschrieben) im Kreis drehen. Ich wäre begeistert, über diese immer mehr verbreitete Unart des Kundenabwimmelns einmal eine ausführliche SPIEGEL-Reportage zu lesen.
    Andreas von Mülmann, Bremen

Sollte Deutschland die Steuern auf Alkohol erhöhen?

Ja

»Wenn es nach gesundheitlichen Aspekten ginge, müsste Alkohol stärker besteuert werden. Aber welche Partei will sich Ohrfeigen beim Wähler abholen? Ich höre schon die CSU den Untergang des Abendlandes beklagen.«

Dieter Franke

Nein

»Lasst den Menschen etwas Eigenverantwortung. Die Strafen bei Alkoholmissbrauch am Steuer dürfen dafür gerne steigen, bitte auch für Abstandsverstöße.«

Peter Dumentschitsch

Sagen Sie auch Ihre Meinung!

Humbug!

Nr. 5/2026 Sollte Sexarbeit in Deutschland verboten werden? 

  • Gleich zu Beginn Ihres Artikels kommt eine Vertreterin des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen zu Wort. Warum sucht sich der SPIEGEL nicht selbst eine »Sexarbeiterin«, sondern greift auf eine Lobbyistin zurück? Der Bundesvorstand der Partei Die Linke hat kürzlich beschlossen, in der Diskussion über die Prostitution »keine Freier, Zuhälter und Profiteure der Prostitution« auf die Podien der Partei zu lassen. Und bezieht sich darin auch auf den Berufsverband, da »dieser in erster Linie Bordellbetreibende vertritt«. Vom SPIEGEL erwarte ich hier die nötige Distanz.
    Manuela Erpenbach, Bornheim (NRW)

  • Prostitution, das angeblich »älteste Gewerbe der Welt«, wird es immer geben, heißt es. Humbug! Die ältesten Gewerbe der Welt sind Sammeln, Jagen, Handwerk, Geburtshilfe, Landwirtschaft. Schon immer gegeben? Auch Folter, Sklaverei und das Schlagen von Kindern wurden so gesehen; Frauen wurden und werden Rechte nicht zugestanden. Dass sich dies einmal ändern könnte, war noch vor Jahrzehnten undenkbar. Viele Nachbarländer haben die Prostitution als Übel erkannt und entsprechende Gesetze verabschiedet. Nur Deutschland nicht. Dabei hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sie als Verstoß gegen die Menschenwürde erklärt. Im Übrigen: Auch Mord, Betrug und Diebstahl wird man nie ganz ausrotten können. Ist deshalb unsere Devise, diese Verbrechen zu legalisieren?
    Gisela Graf, Magdeburg

  • Meine Anerkennung für einen ausgewogenen Bericht, der erfolgreich verschiedene Aspekte eines kontroversen Themas bewusst macht. Mit diesem Lob könnte ich es bewenden lassen. Was mich trotz allem aber motiviert hat, Ihnen zu schreiben, ist die Verwendung eines völlig antiquierten Begriffs: »Freier«. Wie Sie sicher wissen, stammt das Wort aus dem Mittelhochdeutschen und hat in seinen verschiedenen Ausdeutungen zutiefst positive Konnotationen wie zum Beispiel lieben, umwerben et cetera. Nichts davon trifft auf das blanke Geschäft der Prostitution zu. Völlig richtig schreiben Sie von Sexarbeit, Sexmarkt, Sexkauf – warum also nicht vom Sexkäufer, statt euphemistisch immer noch den romantisierenden Begriff des Freiers zu verwenden? Seit über 20 Jahren habe ich durch meine Sondersprechstunde zahlreiche Begegnungen mit Überlebenden von weiblicher Genitalverstümmelung, Menschenhandel und Zwangsprostitution, auch da kommt beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in den Anhörungen leider immer noch dieses absolut unpassende Wort vor. Kaum jemand ahnt, wie viel Leid und Traumatisierungen diese Frauen, die vor geschlechtsspezifischer Gewalt geflohen sind, haben erleiden müssen, teilweise sogar auch in Deutschland. Daher setze ich mich bei jeder Gelegenheit, auch öffentlich, für das Überdenken unserer Begrifflichkeiten ein und bitte auch Sie, sich diesem Anliegen anzuschließen. Ansonsten nochmals danke für den differenzierenden Artikel.
    Dr. Christoph Zerm, Frauenarzt, Herdecke (NRW)

Verschleierung statt Lösung

Nr. 5/2026 Ökonom Axel Börsch-Supan erklärt im SPIEGEL-Gespräch, was bei der Altersvorsorge getan werden muss 

  • »Lassen Sie uns die Reformoptionen durchsprechen«, sagt der Interviewer vom SPIEGEL, und dann geht es auf vier ganzen Seiten wieder nur darum, die Altersgrenze hochzusetzen und das Rentenniveau zu senken. Andere Optionen scheint es in dieser Diskussion – auch im SPIEGEL – nicht zu geben. Kein Wort beispielsweise zu der Möglichkeit, weitere Berufsgruppen (Selbstständige/Beamte) einzubeziehen, die Beitragsbemessungsgrenze raufzusetzen oder aufzuheben oder eine höhere Umverteilung wie beim Schweizer Modell zu wagen. Und es wird so getan, als wäre der jungen Generation das Rentenniveau vollkommen egal, Hauptsache der Beitrag bleibt stabil. Dabei ist es doch eher umgekehrt – auch die meisten Jüngeren wären sicher bereit, einen höheren Beitrag zu zahlen, wenn dafür später eine vernünftige Rente herauskommen würde.
    Thorsten Rector, Hannover

  • Im Interview erklärt Professor Börsch-Supan die sogenannte »Weltrentenformel« zur simplen Arithmetik: Wenn es mehr Alte und weniger Junge gibt, müssten die Lasten eben gleichmäßig verteilt werden. Diese Darstellung ist mathematisch korrekt, politisch jedoch verkürzt. Demografische Entwicklungen erklären nicht, warum jahrzehntelang versicherungsfremde Leistungen aus Beiträgen der Pflichtversicherten finanziert wurden. Die Demografieformel ersetzt keine Verteilungs- und Verantwortungsdebatte. Wer Rentenkürzungen, Nachhaltigkeitsfaktoren oder ein höheres Rentenalter mit Mathematik begründet, verschiebt die Lasten automatisch auf jene, die keine politische Entscheidungsmacht hatten: die Beitragszahler. Gerechtigkeit entsteht jedoch nicht durch »gleichmäßiges Verteilen«, sondern durch die klare Trennung von Versicherungsleistungen und sozialpolitischen Aufgaben – und durch eine verbindliche Ausfinanzierung Letzterer aus Steuermitteln. Solange diese Trennung nicht konsequent vollzogen wird, sind Debatten über Rentenalter und Nachhaltigkeitsfaktoren weniger Problemlösung als Verschleierung.
    Stefania Heymann, Berlin

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