Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Leserbriefe
Wann handelt unsere Politik?
Nr. 25/2026 Titel: Die neue Arbeitswelt
Sie vermengen eine temporäre Wirtschaftskrise mit der KI-Transformation zu einem apokalyptischen Einheitsbrei. Dabei ist der wahre Horror im Büro längst nicht mehr der Chef mit der Peitsche, sondern die fehlerhafte KI, der man wie ein Detektiv hinterherrecherchieren muss. Statt in die kognitive Faulheit zu peitschen, zwingt die Technik uns zu etwas völlig Unerwartetem: zum Mitdenken.
Dr. Mohammad Behechtnejad, Winsen an der LuheEine Katastrophe. Arbeitslos zu sein, hört sich so entspannt an, ist aber das Gegenteil. Es ist Stress, Unsicherheit, und wenn man nach jeder Onlinebewerbung (Aufwand) sofort zu einem mehrstündigen Online-Assessment eingeladen wird, dann ist eine Bewerbung ein Arbeitstag. Mit Homeoffice – zugegeben. Für die Gesellschaft ist es schlimm, denn Arbeitslose zahlen nichts in die öffentlichen Kassen ein. Es ist wirklich übel.
Jürgen Focke, DüsseldorfDie neue Arbeitswelt, besonders KI und Roboter, werden in Deutschland, Europa und weltweit neue Stellen schaffen, insgesamt aber Millionen Arbeitsplätze kosten. Wann handelt unsere Politik und bereitet sich und uns darauf vor? Die Finanzierung von Staat und Sozialversicherung ist, rechtzeitig umzustellen: Statt Arbeit muss zukünftig Kapital am meisten beitragen – natürlich weltweit, um Kapitalflucht sinnlos zu machen. Keine leichte Aufgabe, notwendig wäre eine chronisch weitsichtige Politik des globalen Miteinanders.
Dr. Philipp Schmagold, Lehmkuhlen (Schl.-Holst.)
»Ermutigung braucht es auch«
Der Leser Christof Nitsche aus Straßenhaus nahe Koblenz hat die Reportage »Im Blauland« kritisiert (hier der ganze Artikel ). Autor Jochen-Martin Gutsch hat ihn angerufen.
SPIEGEL: Herr Nitsche, was hat Sie an meiner Reportage über die AfD in Ostdeutschland gestört?
Nitsche: Ich war nach der Lektüre richtig angefressen und wusste erst gar nicht, warum. Der Artikel war sehr launig geschrieben. Dabei ist die AfD ein wirklich ernstes Thema. Auch die Überschrift »Im Blauland« klingt fast nach einem Märchen. Aber das ist es eben nicht. Ich fand: Inhalt und Ton des Textes passen nicht zusammen.
SPIEGEL: Ich habe bewusst einen verspielten Ton gewählt. Viele Artikel über die AfD sind mir zu düster-alarmistisch. Aber was wäre Ihr Wunsch für die zukünftige Berichterstattung über die AfD?
Nitsche: Erstens: besser herausarbeiten, was die AfD wirklich will. Und was das für Folgen für die Gesellschaft hat. Zweitens: dass man auch mal über Leute schreibt, die gegen die AfD etwas tun. Leute, die anderen Mut machen, sich zu wehren. Das fehlt mir in der Berichterstattung. Aufklärung ist wichtig, aber Ermutigung braucht es auch.
Aus der intellektuellen Blase
Nr. 24/2026 Kulturstaatsminister Wolfram Weimer im SPIEGEL-Gespräch über die Krise des Merz-Kabinetts
Ein Gespräch mit einem der umstrittensten Minister der letzten Monate, und die Journalisten stellen keine einzige kritische Frage zur Einflussnahme des Kulturstaatsministers auf Preisverleihungen und die Erfassung von Jurymitgliedern in Listen. Keiner hat je zuvor so unverfroren in den Kulturbetrieb eingegriffen wie dieser Mann – und im wichtigsten deutschen Nachrichtenmagazin steht ein handzahmes Interview. Schade, dass der SPIEGEL qualitativ so abgerutscht ist.
Christian Müller, LübeckGeniales Interview. Damit ist Ihnen eine herrliche Realsatire geglückt. Erfrischend zu lesen, wie sich Kulturstaatsminister Wolfram Weimer von den Redakteuren angestachelt der Lächerlichkeit preisgibt. Allein das irrwitzige Bild von der Regierung, die im OP verzweifelt versucht – das Blut spitzt! –, unser Deutschland zu retten. Amüsiert habe ich mir die Szene ausgemalt: »Schnell, Skalpell! Bevor der Patient aufwacht!« Und Weimer legt weiter nach. Springt vom OP zum Soufflé. Die politische Mitte? Ein Diabetiker: »Leitbildhaft unterzuckert«. Offenkundig hat Weimer seine Rolle gefunden – als Don Quijote im Kulturkampf. So will er mutig das deutsche Weihnachtsfest »verteidigen«. Und die AfD besiegen. Mit seinem schärfsten Schwert in der Hand – Immanuel Kant. Da sage noch einer, wir Deutschen hätten keinen Humor.
Werner Markowitz, Jüchen (NRW)Herr Weimer macht einen grundsätzlichen Denkfehler, wenn er die Regierung als Arzt am OP-Tisch wähnt, und wir sollen geheilt werden. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Da liegt eine angeschlagene Regierung im Krankenbett, besonders Herr Weimer – dazu noch Frau Bas und Frau Reiche –, und lässt sich nicht therapieren.
Manfred Winkler, Bad Nenndorf (Nieders.)
Die Antworten unseres Kulturstaatsministers stammen meines Erachtens aus einer intellektuellen Blase. Wer behauptet, in Baden-Württemberg spiele die AfD keine Rolle, weil die Mitte bei den letzten Wahlen gewonnen hat, hat die Wahlergebnisse nicht wirklich analysiert. Zu glauben, mit ein wenig Kulturkampf in seinem Sinne sei die AfD zu bekämpfen, zu sagen, sie werde »zusammenfallen, wie ein Soufflé«, zeugt von einem Leben im Elfenbeinturm. Wer Weihnachten als »zentralen Wert dieser Republik« bezeichnet, auf Gendersprache verzichten oder drei linken Buchhandlungen kein Staatsgeld mehr geben will, verschließt die Augen davor, wie sehr sich unsere Gesellschaft verändert hat. Zu glauben, die Eröffnung des Kant-Museums sei die Speerspitze eines Kulturkampfs gegen rechtsnationale Ansichten und eine Partei, die diese Ansichten vertritt, ist unglaublich naiv.
Iris Eisenmann, Warthausen (Bad.-Württ.)Trotz Nachfrage des SPIEGEL konnte Weimer nicht viel über moralische Werte sagen. Hohl die Monstranzen, die er hochhält (Kant, Rousseau). Ich bin sicher, dass jedes 14-jährige Schulkind mehr über moralische Werte aussagen kann. Das Gehäuse der Bürgerlichkeit soll die AfD marginalisieren. Da versucht sich ja schon seit Längerem sein Chef und Spezi im Kanzleramt dran. Vergebens! Geht halt auch nicht, wenn man jeder Schleimspur, die die AfD auslegt, willentlich folgt. »Lieber besser machen als Besserwissen«, das sei die lange kulturelle Linie. Mir scheint, darunter fällt seine beträchtlich lange Verfehlungsliste (laut Wikipedia). Und von Jens Spahn, Katherina Reiche und noch einigen mehr gleich mit. Insoweit ist er der passende Kulturminister für diese Kanzlerschaft. Für soziale Kälte, fehlende Menschlichkeit, Rücksichtslosigkeit, Umweltzerstörung, Bereicherung. Danke, Herr Weimer, für diese klaren Worte.
Roland Hornung, Berlin
Ja
»Natürlich! Habe noch nie verstanden, wie Parteien auf die Idee kommen, Parteivorsitzende zu Regierungsmitgliedern zu machen und umgekehrt.«
Mathias Hasselmann
Nein
»Bringt nur dann was, wenn die Nachfolger der SPD auch ein neues Grundgerüst geben und wieder stärker nach links rücken.«
René Arend
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Es war feige
Nr. 24/2026 Wie es zur Niederlage Deutschlands bei den Vereinten Nationen kam
»Respekt – Gerechtigkeit – Frieden« als Motto der deutschen Kampagne? Wäre es nicht so traurig, müsste man sich totlachen, ist die deutsche Außenpolitik doch vielmehr von Unaufrichtigkeit, Feigheit und Doppelmoral geprägt.
Tarik Tell, Puerto de la Cruz (Spanien)Deutschland hat die Quittung für seine Appeasementpolitik gegenüber Trump erhalten. Es war feige, Völkerrechtsverstöße in Venezuela, Iran und im Libanon nicht als solche zu benennen. Im Übrigen wird Deutschland seiner historischen Verantwortung gegenüber Israel erst dann wirklich gerecht werden, wenn es hart für eine Zweistaatenlösung und damit den einzigen Weg für Frieden und Sicherheit auch der Juden in der Region zu streiten beginnt. Und wenn es sich nicht stattdessen durch Waffenlieferungen an Israel und die Verhinderung von wirksamen Sanktionen durch die EU sogar am Genozid in Gaza beteiligen würde. Die entsprechende Verurteilung vor dem Internationalen Gerichtshof wird der nächste Paukenschlag für die deutsche Außenpolitik sein.
Dirk Riggers, Heikendorf (Schl.-Holst.)
Besser als in der DDR
Nr. 24/2026 Reise durch den Osten, wo die AfD fest etabliert ist
Der Artikel hat mich sehr bewegt. Auch ich bin ratlos über die Unzufriedenheit der älteren Rentner. Die, die ich kenne, wohnen alle in Eigenheimen oder ausreichend großen Wohnungen, sie fahren mindestens dreimal im Jahr in den Urlaub, haben alle ein Auto – es geht ihnen gut. Besser, als es ihnen in der DDR gegangen wäre. In der DDR waren sie alle unzufrieden, empfanden die Zustände als katastrophal, die Versorgung als völlig unzureichend, die Reisemöglichkeiten als total begrenzt. Hinzufügen muss man – sie waren keine Parteimitglieder. Der letzte Satz: »Also ich fand's in der DDR am besten!« Das habe ich auch gehört. Dafür gibt es keine vernünftige Erklärung. Ich versuche dagegenzuhalten, frage auch, wann war es denn je besser? Keine Antwort. Nicht alle denken so, das muss auch gesagt werden. Eine gewisse Hilflosigkeit, die neuen Möglichkeiten zu nutzen, spielt vielleicht eine Rolle.
Renate Pietsch, DresdenIn dem beschriebenen Blauland braut sich etwas zusammen, was aufgrund seiner Sprengkraft erstens schwer zu katalogisieren ist und zweitens das gesamte Land erschüttern wird. Da der Berichterstatter bereits vor zehn Jahren diese keineswegs imaginären Landstriche bereiste, ist ihm bei der Neuauflage brachial klar geworden, welche erschreckende Eigendynamik dort alles zum Negativen veränderte. Die einsatzbereite Zündschnur muss vor Ort eigentlich nur noch aktiviert werden. Ich will eigentlich nicht wissen, wie eine Reportage im Jahr 2036 aussehen würde, sollte er oder jemand anders nochmals so eine risikobehaftete Ausfahrt mit denselben Zielorten wagen.
Roland Barwinsky, Hirschberg (Thür.)So aufschlussreich wie unterhaltsam der Artikel zur inneren Struktur von »Blauland« auch war, er lässt mich etwas ratlos zurück, ob ich diesem resignativen Tenor folgen will. Wäre dieses bizarre, rückwärtsgewandte Ländchen in eigenen Grenzen, es könnte einem egal sein, aber es gehört zu unserem Gemeinwesen und hat dort längst Kolonien. Besinnen wir Demokraten uns auf die gute alte Weisheit: Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt.
Christoph Nitsche, StraßenhausDer Bericht beschreibt das gesamte Dilemma detailliert. »Selbst wenn man noch so sehr von Umbrüchen betroffen ist, muss man es schaffen, sich von Rassismus, Chauvinismus, (Osttümelei, gilt auch umgekehrt für den Westen) oder schlichter Dummheit abzugrenzen.« Dem ist nichts hinzuzufügen.
Ulrich Derndorff, Seesen am Harz (Nieders.)Der Artikel weist erhebliche Defizite auf bei dem Versuch, den Erfolg der AfD in der ehemaligen DDR zu ergründen. Nicht zuletzt die vom Neoliberalismus gesteuerte Abwicklung der DDR durch die Treuhand war im Ergebnis unter anderem der Grundstein für den Erfolg der späteren AFD. Dazu kommt noch die aktuelle regierungsamtliche Polemik und auch Hetze gegen Zuwanderer und asylsuchende Menschen durch Herrn Dobrindt und seine Helfer. Die Merz-Regierung schickt sich nun an, ein großes neoliberales Abbauprogramm unseres Sozialstaats ins Werk zu setzen. Wenn der Kanzler damit durchkommt, wird dies ein weiterer Brandbeschleuniger für noch mehr Erfolge der AfD nicht nur im Osten sein. Fragt sich nur, wer stoppt Merz und Co.? Der Deutsche Gewerkschaftsbund und seine Gewerkschaften sind hier gefordert wie lange nicht mehr. Eine breite Streikbewegung gegen den neoliberalen Wahnsinn der Merz-Regierung muss auf die Tagesordnung – sofort!
Dieter Hooge, Frankfurt am Main
Regler hoch!
Nr. 24/2026 KI-Vordenker Stuart Russell warnt im SPIEGEL-Gespräch vor der Auslöschung der Menschheit
Offensichtlich ist die natürliche Intelligenz der Menschen dümmer als die KI, sonst würde sie nicht am eigenen Untergang herumpfuschen.
Dr. Günther Witzany, Bürmoos (Österr.)Drehen Sie um Gottes willen die Regler hoch: Der warnende Kern der Aussagen von Professor Stuart Russell muss – in Dauerschleife! – an jeder Schule, jeder Universität, in allen Firmen, Parteien, Vorstandsetagen, Lobbygruppen, bei sämtlichen Millionären und Milliardären, in allen Podcasts und sozialen Netzwerken, in Familien und ebenso (unabschaltbar dosiert) in Unterhaltungsforen konstant und nachhaltig laufen. Ansonsten: Exitus. Großen Dank an den SPIEGEL für dieses Interview.
Paul Zendo, Betzenstein (Bayern)
Bravo, Senna!
Nr. 24/2026 SPIEGEL-Gespräch mit Senna Gammour über ihre Männermüdigkeit
Sie ist etwas radikal, doch inhaltlich stimmt alles, was sie sagt. Jede, absolut jede verheiratete oder in einer Beziehung lebende Frau hört irgendwann von ihrem Partner – und sei er noch so sanft, liebevoll und tolerant: »Du redest Unsinn, du musst dich besser informieren«, oder »Stell dich doch nicht so an, sei nicht so zickig«, oft dann, wenn Frau anderer Meinung ist als Mann. Zu glauben, er sei der Frau überlegen, ist ihm schon in die Wiege gelegt worden, was spätestens im Kindergarten zum Vorschein kommt. Tatsächlich sind wir Frauen über Jahrhunderte unterdrückt worden, und erst jetzt nimmt man(n) zur Kenntnis, dass es Maler:innen, Wissenschaftler:innen, Musiker:innen und Frauen in vielen anderen Bereichen gegeben hat, die Großes geleistet haben, es in ihrer patriarchalischen Gesellschaft aber nicht zeigen durften. Bravo, Senna, erkläre weiter jungen Mädchen und Frauen, dass sie den absolut gleichen Stellenwert in der Welt haben wie Männer und sich gegen diese überall auftretende männliche Überheblichkeit wehren müssen!
Gerhild Yapi, GrevenbroichIntelligent grundierte Konsequenz ist sexy, ob bei Frau oder Mann. So erklimmt man steiles Gelände. Bravo!
Christian Beyerle, Herrischried (Bad.-Würrt.)
Es ist ein Branchenproblem
Nr. 23/2026 Europas größter Hersteller bringt illegale Motorräder auf die Straße
Wieso wird sich hier so auf die Firma KTM eingeschossen? Das ist ein Problem, das die meisten Hersteller betrifft, die solche Enduros in Deutschland verkaufen. Alle verkaufen Enduromaschinen mit offiziell niedriger Leistung, um etwa Abgaswerte einzuhalten, die dann meist offen gefahren werden, da sie in der gedrosselten Variante tatsächlich unfahrbar sind. Sich hier auf eine Firma zu fokussieren, erweckt den Eindruck, nur KTM würde so handeln, dabei ist es ein Branchenproblem. Das wäre für einen differenzierten Artikel eine wichtige Info.
Leon Benthaus, Wesseling
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