Lina Beckmann ist die Schauspielerin des Jahres - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Umfrage von »Theater heute« Lina Beckmann ist die Schauspielerin des Jahres

Sie ist ein Ekel, aber was für eins: Lina Beckmann spielt in Hamburg »Richard III.«, frei nach Shakespeare. Dafür wurde sie nun von der Theaterkritik ausgezeichnet. Weitere Preise gingen nach Wien und Bochum.
Lina Beckmann als »Richard the Kid & the King«
Lina Beckmann als »Richard the Kid & the King«

Lina Beckmann als »Richard the Kid & the King«

Foto:

Monika Rittershaus

45 Kritikerinnen und Kritiker durften abstimmen, und sie wählten einen Tyrannen: Richard III. Die Darstellung des englischen Herrschers durch Lina Beckmann auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses fand rund ein Viertel der Befragten die herausragende Leistung dieser Saison. Wenn man bedenkt, dass bei der jährlichen Umfrage der Fachzeitschrift »Theater heute« theoretisch jede Schauspielerin auf einer deutschsprachigen Bühne wählbar ist, ist das eine beeindruckende Mehrheit.

Beckmann war für ihre Rolle, die in der Neufassung des Stücks frei nach Shakespeare »Richard the Kid & the King« heißt, bereits mit dem österreichischen Theaterpreis Nestroy geehrt worden; außerdem hatte sie im Mai den Gertrud-Eysoldt-Ring erhalten. In der Laudatio damals hieß es: »In atemberaubenden vier Stunden entwickelt sie das wahnwitzige Psychogramm einer Figur, die fähig ist, jegliche moralischen Grenzen zu überschreiten.«

Die Inszenierung der Regisseurin Karin Henkel, eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, ist wieder am 30.9. im Hamburger Schauspielhaus  zu sehen. Dem Fernsehpublikum ist Lina Beckmann unter anderem als Ermittlerin Melly Böwe im »Polizeiruf 110« bekannt.

Mehr zum Thema

»Ein Klumpen Grazie«: Der Schauspieler des Jahres

Vom Wiener Volkstheater kommt der Schauspieler des Jahres: Samouil Stoyanov wurde von zwölf Kritikerinnen und Kritikern in dieser Kategorie genannt, teils für seine Mitwirkung in »Karoline und Kasimir – Noli me tangere«, inszeniert von der Kompanie Nature Theater of Oklahoma, teils für »humanistää!« nach Ernst Jandl. Der 33-Jährige, der in Sofia geboren wurde und in Graz aufwuchs, stand schon in seiner Kindheit als Tänzer, Musiker und Amateurschauspieler auf der Bühne, die Familie führte eine Theaterballettschule. Auch Stoyanov war in dieser Saison bereits ausgezeichnet worden – mit dem renommierten Alfred-Kerr-Darstellerpreis beim Theatertreffen in Berlin. Die Allein-Jurorin Valery Tscheplanowa lobte ihn damals auf ungewöhnliche Weise: »Samouil Stoyanov, was für ein Klumpen Präzision und Grazie«, sagte sie in ihrer Rede.

Die Redaktion von »Theater heute« preist Beckmann und Stoyanov gemeinsam für »existenzielle Ernsthaftigkeit, hintergründige Komik und vollen Körpereinsatz«.

Der Wiener Jandl-Abend »humanistää!«, auf die Bühne gebracht von der Regisseurin Claudia Bauer, ist auch die Inszenierung des Jahres, so ergab die Umfrage. Ebenso überzeugte die Ausstattung dieser Produktion, die im Mai als eine von zehn »bemerkenswerten Inszenierungen« beim Berliner Theatertreffen zu sehen gewesen war, viele Kritikerinnen und Kritiker: Patricia Talacko ist Bühnenbildnerin des Jahres; Andreas Auerbach der Kostümbildner des Jahres.

Private Erinnerungen und Weltgeschichte: Die Stücke des Jahres

Das Stück des Jahres heißt »Good night. All right.«. Die Theatermacherin Helgard Haug von der renommierten freien Gruppe Rimini Protokoll nennt dieses sehr leise, zarte Stück im Untertitel »ein Stück über Verschwinden und Verlust«. Sie verknüpft darin virtuos eines der größten Rätsel der Fluggeschichte – das Verschwinden der Boeing MH370  von den Flugradaren im Jahr 2014 – mit der persönlichen Geschichte ihres Vaters, der um diese Zeit mehr und mehr in die Demenz abglitt – das »sukzessive Verschwinden des menschlichen Verstands« sei, so heißt es in der Erläuterung zum Text, »nicht weniger rätselhaft«. Die Produktion gastiert im September in Frankfurt , im Dezember auch bei den Festspielen in Ludwigshafen .

»Den Titel Dramatikerin des Jahres verdient allerdings Sivan Ben Yishai«, schreibt die Redaktion von »Theater heute«. Elf Kritikerinnen und Kritiker gaben der aus Israel stammenden Autorin, die in Deutschland lebt und auf Englisch schreibt, ihre Stimme. Sie waren sich allerdings nicht einig, ob nun »Wounds are forever«, das in Mannheim herauskam, das Stück der Saison ist, oder »Like Lovers do«, uraufgeführt an den Münchner Kammerspielen. Beide beschäftigen sich mit hochaktuellen Themen: Die Mannheimer Produktion ist ein Ritt »durch die Abgründe, Verstrickungen und Verbrechen der deutsch-israelisch-palästinensischen Geschichte«; für München schrieben Ben Yishai ein »Klagelied sexueller Übergriffigkeiten«.

Fotostrecke

»Theater heute«-Umfrage: Die Ausgezeichneten

Und wer kommt nach?

Beim Nachwuchs konnte vor allem der Schauspieler Johannes Hegemann vom Hamburger Thalia Theater in Toshiki Okadas »Doughnuts« überzeugen. Ihm gelang das Kunststück, aus dem insgesamt starken jungen Ensemble, das diese Produktion trägt, herauszuragen. Wieder zu sehen ist diese tolle tänzerische Inszenierung wieder ab 22. September . Der japanische Theatermacher Okada beschreibt darin die Welt als Doughnut, wie es auf der Website des Theaters heißt: »viel Rand und in der Mitte ein Loch. Eine Leerstelle, die immer größer wird, mit der zunehmenden Erosion aller Gewissheiten«. Im Stück versammeln sich eine Handvoll Gäste einer Konferenz in einer Hotellobby; das Taxi, auf das sie warten, kommt nicht, sie treten, nein, sie tanzen auf der Stelle.

Auch diese Produktion war beim Berliner Theatertreffen zu sehen. Traditionell haben Inszenierungen, die dort gezeigt werden, einen Startvorteil bei der Umfrage – auch, weil nur wenige und immer weniger Kritikerinnen und Kritiker von ihren Redaktionen die Möglichkeit bekommen, sich in den Theatern der Republik selbst ein Bild zu machen.

So wird es auch immer schwieriger, ein »Theater des Jahres« für seine Gesamtleistung zu benennen. Ein Drittel der Abstimmenden enthielt sich in dieser Kategorie des Votums; das schmälert aber nicht die Leistung des Schauspielhauses Bochum, das sich nach vielen Jahren wieder einmal mit dem Titel schmücken darf. Dem erfahrenen Intendanten und immer noch sehr umtriebigen Regisseur Johan Simons, der selbst längst im Rentenalter ist (er wird demnächst 76), ist es gelungen, mithilfe eines jungen, hochmotivierten und diversen Leitungsteams und Ensembles, das Haus wieder zu einem lebendigen Kunstort zu machen. Und als hätte man es geahnt an der Ruhr: Am kommenden Wochenende startet das Schauspielhaus Bochum  in die neue Saison.

Offenlegung: Die Autorin dieses Artikels war eine der 45 Kritikerinnen und Kritiker, die an der »Theater heute«-Umfrage teilgenommen haben.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel