Zusammen mit einer Jury aus der Literaturwissenschaftlerin Eva Horn, der Kritikerin Miryam Schellbach, dem Autor Michael Maar und dem Philosophen Peter Sloterdijk hat die Literaturredaktion des SPIEGEL 100 Romane aus 39 Ländern ausgesucht. Deutschsprachige Bücher sind nicht dabei, die haben einen eigenen Kanon.
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Als ich den ukrainischen Dichter Serhij Zhadan ein halbes Jahr nach dem russischen Überfall auf seine Heimat zum Gespräch traf und wir über den Krieg redeten, erzählte er von Bruno Schulz. Wir saßen im stickigen Backstage-Raum eines Wiener Klubs; der Dichter würde an dem Abend ein Konzert mit seiner Rockband spielen, um Gelder für die Ukraine zu sammeln, doch auch hier, mehr als 1000 Kilometer von der Front entfernt, ging der Krieg ihm nahe. Dieser Krieg hatte dafür gesorgt, dass Zhadan, einer der namhaftesten Literaten seines Landes, zunächst keine Literatur mehr lesen konnte, geschweige denn schreiben. Die Leseblockade zu durchbrechen half ihm offenbar ein Schriftsteller, dessen Texte stark in den Sphären der Fantasie verortet sind – und dessen eigenes Schicksal so eng mit der Brutalität des Krieges verbunden ist wie kaum ein anderes.
Der polnisch-jüdische Autor und Maler Bruno Schulz wurde 1892 in Drohobycz geboren und 1942 in Drohobycz ermordet. Drohobycz, eine Stadt in der heutigen Ukraine, lag im Moment von Schulz' Geburt im Herrschaftsgebiet der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, wurde später erst Teil der kurzlebigen Westukrainischen Volksrepublik, dann Teil der Zweiten Polnischen Republik, eines im Zweiten Weltkrieg zerstörten Vielvölkerstaats, und stand zur Zeit von Schulz' Tod unter nationalsozialistischer Besatzung. Auch wenn Schulz in seiner Heimat starb, an seinem Geburtsort, hatte er von hier aus viele Heimaten erlebt. Viele Wirklichkeiten prägten seine Kunst.
»Die Zimtläden« aus dem Jahr 1934 (im polnischen Original »Sklepy cynamonowe«) ist einer von zwei poetischen Prosabänden, die Schulz veröffentlicht hat. Er folgt keinem Plot. Er folgt mit kindlicher Neugier dem Treiben im Elternhaus und in den Nachbarstraßen, vor allem aber folgt er der eigenartigen Anziehungskraft des Vaters, der sich immer weiter entfernt »von den Angelegenheiten des praktischen Lebens«. Der Vater züchtet plötzlich exotische Vögel, verwandelt sich in eine Kakerlake. Er kämpft für »die verlorene Sache der Poesie«, so deutet das sein Sohn, und auch Schulz' Prosatext kämpft dafür.
Sohn und Vater, Tagtraum und Realität, gottgegebene Natur und gotteslästerliche Fantasterei: Es sind solche Dichotomien, die Schulz auf den ersten Blick beschäftigen. Aber auch der Vater verhält sich kindisch, und in die kindliche Sicht des Erzählers mischen sich akademische Ausdrücke – ist er doch kein Kind? Auf den zweiten Blick durchbricht Schulz Dichotomien und Naturgesetze: Die Nacht ist mondlos, aber hell, der Tag »weit nach Mitternacht« ist milchig, und irgendwo wächst dem Jahr noch »ein dreizehnter, falscher Monat«. Nichts ist, wie es scheint, und alles ist seltsam erleuchtet, trotz der Düsternis. Die Fantasie macht es möglich.
In den »Zimtläden« wuchert überall dort das Leben, wo man es nicht erwartet, als lebte das Buch selbst wie die darin beschriebenen eigentlich leblosen Gegenstände: Die Tür seufzt, die Schränke leiden, die Fenster schlafen, »vom Schein des leeren Platzes geblendet«. Die Tapeten flüstern, zischeln und lispeln. »Es gibt keine tote Materie«, sagt der Vater einmal, »der Zustand des Todes ist nur der Schein, hinter dem sich unbekannte Lebensformen verbergen.«
Zwischen diesen Zeilen liegt die große Tragik des Bruno Schulz, dessen Texte das Leben gefeiert haben und die überbordende Macht der Fantasie – und der im Ghetto von Drohobycz auf offener Straße von einem SS-Mann erschossen wurde. Er hatte wohl einen Brotlaib in der Manteltasche, unweit seines Elternhauses, unweit der »Zimtläden«, deren Tagtraumwelt bis heute weiterlebt.
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17.10.2026 08.31 Uhr
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