Zwei große neue Sklaverei-Romane Der Horror des Vorgestern
Da sitzt ein Mann auf einem Pferd, in Bronze, im Laufe der Jahrzehnte meergrün oxidiert. Wegen jenes Robert E. Lees, in Charlottesville im ewigen Trab auf einem Sockel gefangen, befinden sich die USA im Jahr 2017 nun mitten in einer gewaltigen und gewalttätigen Auseinandersetzung. Über die Ausbeutung, die mit im Zentrum des amerikanischen Bürgerkriegs der 1860er stand, als jener Lee einer der wichtigsten Generäle der Konföderation war. Dem Staatenverbund, der das System der Sklaverei erhalten wollte. Über das Fundament der alltäglichen Diskriminierung also, die in ihrer tödlichen Willkür seit ein paar Jahren immer härter zum Vorschein kommt.
Und ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt erscheinen zwei Romane auf Deutsch, die derart berührend intensiv von jenen Wurzeln erzählen, aus denen das Ausmaß des verhärteten Rassismus in den USA heute wuchs, dass danach alles, was unter Trump an die Oberfläche kochte, klarer verortet werden kann. Die Existenz von Büchern wie diesen erscheint umso dringlicher. Auch wenn das Timing so perfekt ist, dass es gruselt.
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17.10.2026 08.33 Uhr
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Colson Whiteheads "Underground Railroad", ausgezeichnet mit National Book Award und Pulitzerpreis, hat einen historischen Kern: Er zeigt das weit gespannte Hilfsnetzwerk, das bis Mitte des 19. Jahrhunderts in Sklaverei Gefangenen half, in Sicherheit zu kommen, in Staaten, in denen Menschen als Freie leben konnten. Yaa Gyasi wiederum setzt uns in "Heimkehren" einen gigantisch verästelten Stammbaum einer Familie vor, der von Ghana im 18. Jahrhundert über Harlem bis fast ins Jetzt reicht.
Geschichte wird wie eine Fackel weitergereicht
Der eine nimmt uns mit auf eine von existenzieller Furcht und Gefahr geprägte geografische Reise, auf den Spuren der jungen Cora, die von der Plantage in Georgia über South Carolina nach North Carolina flieht, als Gefangene in Tennessee landet, dann nach Indiana ausreißt. Die andere führt uns durch die Zeit: acht Generationen, ausgehend von Zwillingsmädchen vom Stamme der Asante, die bei der Geburt getrennt werden. Jedes Kapitel ist ein Porträt, so entsteht ein Rhythmus aus Entstehen und Vergehen, die Vergangenheit ist jeder Generation in die Gegenwart eingewoben.
Autorin Yaa Gyasi
Foto: Michael Lionstar"Geschichte ist Geschichtenerzählen" - und damit die Macht zu definieren, was erzählenswert ist. Gyasis Idee, die Geschichte weiterzureichen wie eine Fackel, spiegelt die mündliche Erzähltradition und damit den Versuch, der Definition von Historie etwas entgegenzusetzen.
Sie führt diese Brüchigkeit weiter vor, indem sie die beiden Familienstränge weit auseinanderlaufen lässt: Da ist Quey - Sohn von Effia, einer Asante, und James, eines britischen Generals, der für den Sklavenhandel mitverantwortlich ist- , der dank seines Vaters fortan eine Hautfarbe weitergibt, die je nach Perspektive mal weißer, mal dunkler wirkt. Und da ist "H", auf der anderen Seite, Spross der unter James nach Amerika verkauften Esi, der nur ein Initial als Vorname hat, da seine Mutter, eine Freie, von Sklavenfängern verschleppt wurde, als er noch in ihrem Bauch war. Die Intensität, die Gyasi in der Dichte dieser Porträts entstehen lässt, ist unvergleichlich.
Autor Colson Whitehead
Foto: Erin Patrice O'BrienAuch Whiteheads Cora macht derlei Erzählerfahrung. Als sie in South Carolina, der ersten Station ihrer Flucht in Freiheit, als lebendiges Ausstellungsstück in einem Museum arbeiten muss, von einem Schaubild zum anderen. "Die Reihenfolge, die von 'Plantage' über 'Sklavenschiff' zu 'Finsterstes Afrika' führte, schuf eine beunruhigende Logik", in ihrem Museumsalltag. Cora stellt fest: "Die Wahrheit war eine wechselnde Auslage in einem Schaufenster, von menschlicher Hand verfälscht."
Wie Gyasi erzählt auch Whitehead über Porträts, aber die Perspektiven, die er damit einfängt, sind fließender, manche Figuren tauchen nur kurz auf, leuchten aber den Horror der Sklaverei, die "Rassen-Mentalität" und die moralische Unwucht aus. Da ist der Sklavenfänger Ridgeway, der angehende Arzt Stevens, die verhärtete Frau des einen Stationsvorstehers - und immer wieder Cora.
Schreiben über Ausbeutung - schnörkellos und mit Wumms
Allerdings: Wie genau die Underground Railroad funktionierte, bleibt bei Whitehead schwammig. Einerseits wünschte man sich, um die Ausgebufftheit dieses Überlebenssystems (hier Bilder dazu ) besser zu begreifen, er würde das Netzwerk stärker in den Vordergrund stellen. Man wünschte sich, er würde den Helfern - die nicht von ungefähr an den Mut jener erinnern, die Juden während der NS-Zeit versteckten - einzelne Porträtkapitel widmen, wie er sie etwa den Sklavenfängern und anderen Randfiguren gönnt. Aber es sind eben jene Leerstellen, die vermitteln, wie undurchsichtig die Railroad für alle war, die mit ihr verbunden waren. Denn genau weil sie so abstrakt blieb, jeder nur über seinen Posten, seine Teilstrecke Bescheid wusste, nie das Ganze überblickte, war sie geschützt.
Es ist berauschend, wie die Erzählung entlang der Zugverbindungen narrative Fahrt aufnimmt, wie Whitehead die subversive Kraft dieses unterirdischen Systems nutzt: Schließlich war es jenes Zeichen der Moderne, die Bahn, das die Eroberung und Unterwerfung des weiten Amerika und seiner "first nations" erst möglich machte.
Underground Railroad: Roman. Pulitzer-Preis 2017
Whitehead, ColsonAuch das gehört zum Wumms dieser beiden Texte: Wie schnörkellos die brutale Grundlage des Reichtums der Industrieländer gezeichnet wird, gegründet auf Ausbeutung, dem Sklavenhandel, den die europäischen Kolonialherren mit den Pionieren und Plantagenbesitzern in Amerika betrieben.
Die radikale Erfahrung, permanent als nicht dazugehörend diskriminiert zu werden, machte die Wucht großer jüngerer Texte aus, Teju Cole in "Open City" und Chimamanda Ngozi Adichie in "Americanah" beschrieben sie so eindringlich, dass jedem der Atem stocken muss. Erst recht jenen, die das Glück haben, nichts Vergleichbares erfahren zu müssen.
Whitehead und Gyasi liefern nun die historischen Vorläufergeschichten dazu. Wer die Romane Buchrücken an Buchrücken liest, wird merken: Sie sind komplementär. Und absolut unverzichtbar, um den Horror des Vorgestern zu fassen zu bekommen, und somit zu begreifen, wie dünn die Tünche ist in der Gegenwart. In der der US-Präsident in Karikaturen und auf Covern da wie dort und hier mit dem US-Symbol des weißen Herrenmenschendenkens gezeigt wird: mit der Kappe des Ku-Klux-Klans.