Cormac McCarthy: Im Grenzland der Sprache - DER SPIEGEL
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Cormac McCarthy Im Grenzland der Sprache

Kunstfertige Cowboys im Zwielicht der alltäglichen Gewalt: Mit dem sprachgewaltigen Roman "Land der Freien" liegt nun auch der letzte Band von Cormac McCarthys Border-Trilogie in deutscher Übersetzung vor.
Von Volker Hummel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Jahre 1952 ist vom Wilden Westen Amerikas, wie John Ford und Anthony Mann ihn in zahlreichen Filmen beschworen haben, nicht mehr viel übrig. Selbst das grenznahe Farmland von New Mexico und Texas ist mittlerweile von Zäunen und Straßen durchzogen. In der Dämmerung sieht man das elektrische Leuchten der amerikanisch-mexikanischen Doppelstadt El Paso/Ciudad Juárez am Horizont. Hier, auf einer Farm in der Nähe von Alamogordo, führt Cormac McCarthy seine Protagonisten John Grady Cole und Billy Parham zusammen. Die Farm steht kurz davor, in den Besitz des US-Militärs überzugehen. Cole und Parham, die Hauptfiguren aus "All die schönen Pferde" und "Grenzgänger", den beiden ersten Büchern der Border-Trilogie, arbeiten nun gemeinsam auf der Farm und sind Freunde geworden. Doch ihre unbestimmte Sehnsucht nach einer glorreichen Vergangenheit ist geblieben. Nach wie vor ist Mexiko für sie das magische Land, in dem die Zivilisation noch nicht alle Spuren einer anderen Lebensweise ausgelöscht hat.

Bildete in "All die schönen Pferde" und "Grenzgänger" die mexikanische Landschaft eine Art Initiationsraum für McCarthys heranwachsende Helden, handelt "Land der Freien" auf den ersten Blick von einer urbanen Romanze. In Ciudad Juárez begegnet John Grady Cole der 16-jährigen Hure Magdalena. Wie in der passionsgeladenen Welt McCarthys nicht anders zu erwarten, ist es eine Liebe auf den ersten Blick - die scheitern muss. Der Zuhälter Eduardo hat sich selbst in das Mädchen verliebt und wird es nicht gehen lassen. Wie im klassischen Melodrama steuert das Geschehen unweigerlich auf einen Zweikampf der Rivalen zu. Das mutet trivial an, doch Cormac McCarthy hat diesen Stoff in eine große, sprachgewaltige Tragödie verwandelt.

Amour fou und Messerkampf

McCarthys große Kunst besteht darin, das Wesentliche anklingen zu lassen, ohne es direkt zu benennen. So wird die Liebesgeschichte zwischen Magdalena und Cole nur angedeutet, kaum einmal wird der Leser Zeuge intimer Szenen. Die Beschreibung weniger Blicke und Berührungen reicht, um dem Leser klarzumachen, dass er es mit einer Amour fou zu tun hat, deren Grund ebenso schwer zu fassen ist wie Mexiko selbst. Den Showdown zwischen Cole und Eduardo, der wohl eindrucksvollste Messerkampf der Literaturgeschichte, beschreibt McCarthy nicht als Offenbarung göttlichen Rechts oder als Wiederherstellung einer verletzten Ordnung. Stattdessen stellt er die Sinnsuche seines Helden in Frage - und die der gesamten westlichen Zivilisation. "Sie wandern aus ihrem verkommenen Paradies aus, weil sie auf der Suche nach etwas sind, was bei ihnen bereits ausgestorben ist", lässt er Eduardo resümieren. "Etwas, wofür sie vielleicht gar keinen Namen haben. Und als Bauernjungen suchen sie natürlich als allererstes in einem Hurenhaus."

Die Namenlosigkeit, von der Eduardo spricht, die Unfähigkeit, das Verlorene zu benennen, ist bei McCarthy zentrales Motiv und poetisches Verfahren zugleich. Nur selten sprechen seine Figuren. Wenn sie es tun, gleichen ihre Dialoge vorsichtigen Erkundungen in unbekanntem Gelände, wie Suchbewegungen, die sich ihres Gegenstands nie ganz sicher sind. Ganz bei sich sind diese Männer erst bei alltäglichen Handgriffen: beim Essen und im Sattel, beim Einfangen von Vieh und Zureiten von Pferden, beim Drehen von Zigaretten und beim Kaffeetrinken. In der Beschreibung dieser Szenen entfaltet McCarthys Prosa ihre ganze Schönheit und Kraft, die ihm bereits mehrfach den Vergleich mit Ernest Hemingway eingebracht hat.

Beschreibung des Namenlosen

Eine Jagd nach wilden, Vieh reißenden Hunden gerät zum beeindruckendsten Beispiel für die Handfertigkeit von McCarthys romantischen Helden. Gleichzeitig offenbart sich darin die allgegenwärtige Gewalt, die das idealisierte Leben der Cowboys in einem anderen Licht erscheinen lässt. Die Bilder der mit Lassos eingefangenen, über den Boden geschleiften und in der Luft zerteilten Hunde sprechen eine andere Sprache als die selbstsicheren Gesten ihrer Jäger. Sie machen die Ambivalenz deutlich, die McCarthys Werk durchzieht und die auch seine Sprache kennzeichnet. Hinter jeder genau beschriebenen Geste, jeder eindrucksvoll ausgebreiteten Landschaft lauert das Namenlose, dem man wohl in kaum einem anderen Werk der Gegenwart so nahe kommt wie in den Romanen Cormac McCarthys.

Cormac McCarthy: "Land der Freien", deutsch von Nikolaus Stingl, Rowohlt Verlag 2001, 336 Seiten, 44,90 Mark

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