Dana Vowinckel, Philipp Ruch, Shida Bazyar, Moritz Aisslinger: Neue Bücher im Herbst - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 4 / 13

Dana Vowinckel, Philipp Ruch, Shida Bazyar, Moritz Aisslinger Neue Bücher

Die besten Neuerscheinungen des Herbstes
• aus SPIEGEL Bestseller 3/2026

Auf dem silbernen Tablett serviert

Aktionskünstler Ruch

Aktionskünstler Ruch

Foto: Gene Glover

Im hart umkämpften Niemandsland zwischen Politik und Kultur ist Philipp Ruch ein berüchtigter Veteran. Als umtriebiger Leiter des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS) hat er in der Vergangenheit allerlei Aktionen verantwortet, die bundesweit entweder für Begeisterung oder für Entsetzen sorgten – bestenfalls für beides. Immer wieder tritt er auch mit Büchern in Erscheinung. Zuletzt warnte er mit »Es ist 5 vor 33« davor, dass sich die AfD ähnlicher Methoden bedienen könne, wie die NSDAP sie bei ihrer Machtergreifung angewendet hat.

In die gleiche Kerbe schlägt auch sein aktuelles Buch, allerdings mit wesentlich schärferer Axt . Diesmal untersucht Ruch, wie »der rätselhafte Triumph der NSDAP am 14. September 1930« möglich gewesen ist. Damals schafften es die Nationalsozialisten zu ihrer eigenen Überraschung, die Zahl ihrer Abgeordneten im Reichstag von 12 auf 107 zu erhöhen. Wie konnte aus einer sektiererischen Splitterpartei über Nacht ein echter Machtfaktor werden? Wie war »Der Rückfall« der Weimarer Republik in autoritäre Verhältnisse möglich? Wie kann eine Demokratie in nur einer einzigen Wahlnacht sterben? Ruch liefert viele Hypothesen, einige Antworten – und breitet nebenbei das ganze Panorama der Zeit vor uns aus, lebendig und lesenswert.

Als Historiker flaniert er durch die nur scheinbar stabile Republik, liest Zeitungen und Biografien, studiert Plakate an Litfaßsäulen und schaut den Zeitgenossen in die Köpfe. Nazis? Rüde »Keulenschwinger«. Hitler? Ein Hallodri mit Weibergeschichten. In der öffentlichen Meinung gilt die ganze Bewegung als »dumm, verrannt, böswillig«. Die Macht wurde von der NSDAP nicht erkämpft. Sie wurde ihr ohne Not auf silbernem Tablett serviert – von einer selbst nach rechts gerückten Mitte der Gesellschaft. Danach gab es kein Halten mehr. Arno Frank


Wie soll ich das alles aushalten?

Autorin Vowinckel

Autorin Vowinckel

Foto: Max Zerrahn / Suhrkamp

Mit dem Roman »Anton und Alma« liegt der seltene Glücksfall eines Buches vor, dem man sich schon nach wenigen Seiten voll und ganz hingibt, dessen Text man inhalieren will, weil man schnell alles erfahren muss – und dabei hofft, dass es nie zu Ende gehen möge . Man taucht ein in die Leben der Protagonisten, wird Teil ihrer Welt. Der Berliner Autorin Dana Vowinckel, Jahrgang 1996, gelingt mit ihrer Liebesgeschichte über Alma, der Ersten aus ihrer ostdeutschen Familie, die studiert, und Anton, einem jüdischen Akademikerkind, beide Mitte zwanzig, eine literarische Sensation.

Anton und Alma sind beide auf der Suche nach einem Platz im Leben. Die beiden verlieben sich, trennen sich, kommen wieder zusammen, finden sich auch selbst, schmieden Zukunftspläne. Nicht nur dieses Liebespaar, auch die anderen Figuren zeichnet Vowinckel lebendig und liebenswert verschroben, neurotisch, versehrt. Ihre Schilderungen sind überzeugend, inklusive der zahlreichen Sexszenen. Hier schreibt jemand übers echte Leben. Was »Anton und Alma« so wertvoll macht: Es ist ein gegenwärtiges, auch politisches Buch, es erzählt nicht nur von der großen Liebe, der wirklich wahren, sondern auch vom Zustand der Welt, es geht um Corona, Antisemitismus, den 7. Oktober, den Krieg in Gaza, und es scheut sich nicht, die ganz großen Fragen zu stellen: Woher komme ich, wohin gehöre ich, was will ich hier und vor allem: Wie soll ich das alles aushalten?

Zum Ende dieses aufwühlenden Romans, dessen Autorin zu Recht für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, findet sich der Versuch einer Antwort: »Man erzählte sich Geschichten, weil Geschichten immer irgendwie tröstlich zu Ende gingen, weil das Gute über das Böse siegte, weil man überlebte, indem man sich sagte, mein Leben ist nun einmal so, ich muss das Schlimme überwinden und verarbeiten, damit ich wieder zum Schönen kommen kann.« Katharina Stegelmann

Mehr zum Thema

Wimmelbild mit Jesus

Journalist Aisslinger

Journalist Aisslinger

Foto: Livia Valensise

»Keine Atempause, Geschichte wird gemacht« ist ein Slogan aus der deutschen Popgeschichte der Achtzigerjahre, der offenbar schon zwei Jahrtausende zuvor galt. Das sehr unterhaltsame Buch »Im Jahr Null« handelt davon, was sich in den Jahren um den Anfang der christlichen Zeitrechnung im Weltreich der Römer, in China und in Mexiko ereignete – und in Nahost.

Moritz Aisslinger, historisch beschlagener Journalist und im Hauptberuf Reporter bei der »Zeit«, führt sehr anschaulich vor, wie das Geschichtenerzählen und die Geschichtsschreibung einander bedingen. In schlaglichtartigen Schilderungen erzählt er vom Schicksal berühmter und unbekannter Menschen und erklärt nebenbei, dass jeder Kalender und jede Zeitrechnung völlig undramatisch funktioniert. »Die Zeitenwende ist kein Ereignis, kein Millennium, sie ist vielmehr eine Erzählung der Nachkommen, die eine Kerbe in den Stamm der Geschichte ritzen und danebenschreiben: Hier, genau hier«, liest man in Aisslingers Buch.

Natürlich wird in »Im Jahr Null« berichtet von einem Propheten namens Jesus, der in Palästina Anhänger um sich schart. »Jesus ist weder Arzt noch Zauberer, er ist Wunderheiler und Exorzist. Das macht ihn noch lange nicht einzigartig«, schreibt der Autor einmal. Es gibt im Präsens geschriebene, sozusagen live kolportierte Berichte aus der von einer Million Menschen bewohnten Stadt Rom, aus Mauretanien, von den Friesen an der Nordsee und aus dem Exil des Dichters Ovid am Schwarzen Meer. Aisslingers Buch benutzt das Erfolgsrezept von populären Büchern wie »1913« oder »Ostende, 1936, Sommer der Freundschaft«.

Deren Autoren Florian Illies und Volker Weidermann haben gebildet und mit Mut zur Hinzudichtung im Detail das Verhalten mehr oder weniger berühmter Menschen in wichtigen historischen Situationen geschildert. Hier passiert es im Breitwandformat. Es entsteht eine Art Wimmelbild aus Liebesgeschichten, Aufständen, Machtkämpfen und religiöser Missionsarbeit. Und was lernen die Leserin und der Leser? Die wichtigste Lektion könnte lauten: Die Welt zu Beginn der christlichen Zeitrechnung war ein manchmal grausamer, aber oft faszinierender Ort, der sich in vielen Details erstaunlich wenig von unserer Gegenwart unterschied. Wolfgang Höbel


Was bedeutet Heimat?

Schriftstellerin Bazyar

Schriftstellerin Bazyar

Foto:

Tabea Treichel / Kiepenheuer & Witsch

Fast 100 Jahre Leben passen in dieses Heimesbach. Wenn Shida Bazyars Roman »Die Lücken« in den Zwanzigerjahren beginnt, ist der Ort im Hunsrück noch klein. Er wächst, Häuser entstehen, Familien bauen sich Existenzen auf, Kinder werden geboren. Und während Heimesbach größer wird, verschwinden Menschen aus ihm. Eine NSDAP-Ortsgruppe entsteht, jüdische Nachbarn werden ausgegrenzt, vertrieben, ermordet. Bald ist man hier stolz darauf, »judenfrei« zu sein. Welche Erinnerungen bleiben in diesem Ort, welche Geschichten werden erzählt und welche verschwiegen?

»Die Lücken« ist ein Roman über die deutsche NS-Vergangenheit – und darüber, was eine Gesellschaft später aus dieser Vergangenheit macht. Bazyar sucht die Antworten in vielen Geschichten. In 46 Kapiteln wechseln Zeiten, Perspektiven und Figuren so oft, dass einem fast schwindelig wird ; Vergangenes steht neben Gegenwärtigem. Zusammengehalten wird der Roman von einer Ich-Erzählerin, einer ehemaligen Bewohnerin Heimesbachs, die längst tot ist. Wie eine Fliege an der Wand bewegt sie sich durch Zeiten und Erinnerungen, hört zu und beobachtet.

Bazyar bevölkert Heimesbach mit alteingesessenen Familien, Müttern und Töchtern, jüdischen Nachbarn, NSDAP-Anhängern und Mitwissern. Da sind Lore und ihre Freundin Johanna, die Jüdin ist, bis Johanna irgendwann nicht mehr da ist und Lore beschließt, nichts gesehen und nichts gehört zu haben. Ihr Leben geht weiter. Jahrzehnte später kommen Azad und Asrin aus Iran nach Heimesbach. Sie bauen sich dort ein neues Leben auf, bekommen Kinder. Ob dieser Ort auch Heimat werden kann, ist eine andere Frage. Miriam Amro

Mehr zum Thema
Zur Ausgabe
Artikel 4 / 13