Zusammen mit einer Jury aus der Literaturwissenschaftlerin Eva Horn, der Kritikerin Miryam Schellbach, dem Autor Michael Maar und dem Philosophen Peter Sloterdijk hat die Literaturredaktion des SPIEGEL 100 Romane aus 39 Ländern ausgesucht. Deutschsprachige Bücher sind nicht dabei, die haben einen eigenen Kanon.
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Mühelos hätte Doris Lessing das Ticket einlösen und die Welle reiten können, als Vorkämpferin des literarischen Feminismus verklärt zu werden. »Das goldene Notizbuch« war geschlechterpolitisch längst schon vereinnahmt, als sie in einem Gespräch mit der »New York Times« über ihre Vereinnahmerinnen sagte: »Am liebsten möchten sie, dass ich sage: Ich stehe auf eurer Seite, Schwestern, in eurem Kampf für den goldenen Tag, an dem all die brutalen Männer verschwunden sind.« Zu einer solchen Vereinfachung war Doris Lessing nicht bereit. »Das goldene Notizbuch«, erschienen 1962, ist auch kein einfacher Roman.
Im Kern erzählt Lessing von zwei befreundeten Frauen, in denen sie sich selbst spiegelt. Molly Jacobs, Schauspielerin. Anna Wulf, Schriftstellerin. Beide sind Intellektuelle, beide um die vierzig, geschieden und – bis auf Kinder, die es zu versorgen gilt – ungebunden. Wulf schreibt in vier Notizbüchern gegen ihre Schreibblockade an. Ein schwarzes Notizbuch erzählt vom Aufwachsen in Südrhodesien, heute Simbabwe. Ein rotes Notizbuch thematisiert das politische Denken und Engagement. Ein gelbes Notizbuch dient der Inventur des eigenen Gefühlshaushalts. Ein blaues Notizbuch endlich widmet sich dem Alltag mit Kindern, Freunden und Affären mit meistenteils bereits »vergebenen« Männern.
»Sie schreibt vier und nicht eines«, so Lessing, weil sie »Dinge voneinander getrennt halten muss, aus Furcht vor dem Chaos, der Formlosigkeit – vor dem Zusammenbruch«. Erzählt wird nicht linear; fiktive und autobiografische Elemente fließen ineinander. Eingeflochten in den großen Roman ist mit »Free Women« überdies ein kleiner Roman. Es ist, als würde hier die Form selbst um Form ringen. Das Kaleidoskopische dieser Literatur spiegelt das Kaleidoskopische seiner Figuren, der Urheberin selbst – und des Menschen generell.
In beherzten Sprüngen und mit radikaler Subjektivität geht es um Politik, Liebe, Rassismus, Überzeugungen und ihren Wandel, Kolonialismus, Menstruation und den weiblichen Orgasmus. Die erzählte Zeit spannt sich vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart der frühen Sechzigerjahre. Zentral ist das Leben im kolonialen Afrika, die Entfremdung von der Kommunistischen Partei im Großbritannien der Fünfzigerjahre und die intellektuelle Gegenwart in London.
Der Roman ist Sittenbild, aber nur am Rande. Er schreitet selbstverständlich in Ton und Thema der Frauenbewegung voran, aber eben nicht nur. Wie kann man in einer fragmentierten Welt eine »ganze« Frau sein? Was ist das überhaupt, ein »ganzer« Mensch? Zunächst scheitert so auch der Versuch, einer Zersplitterung der Welt mit verschiedenen Notizbüchern beizukommen – und glückt am Ende doch: »Ich werde ein neues Notizbuch anfangen, alles über mich in einem einzigen Buch.« So ist es am Ende ein fünftes, das goldene Notizbuch, in dem die Quintessenz eines zerstreuten Lebens doch noch zu einer Form findet.
Im Schreiben der Doris Lessing ist »Das goldene Notizbuch« ein Werk des Übergangs. Zurückgelassen hat sie den entschiedenen Sozialrealismus früherer Bücher (»Afrikanische Tragödie«), noch nicht angekommen ist sie bei der teilweise von islamischer Mystik durchdrungenen Science-Fiction späterer Romane (»Canopus im Argos«). Ihre eigene Emanzipation hatte sie da längst abgeschlossen.
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2007 wurde Lessing mit 87 Jahren der Nobelpreis zuerkannt. Gewürdigt wurde ihr Lebenswerk, und »Das goldene Notizbuch« ganz besonders.
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