Erich-Kästner-Comic: Luft holen und lächeln - DER SPIEGEL
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Erich-Kästner-Comic: Aus der Zeit gefallen

Foto: Isabel Kreitz

Erich-Kästner-Comic Luft holen und lächeln

Die Comic-Künstlerin Isabel Kreitz hat sich Kästners Kinderklassiker "Pünktchen und Anton" vorgenommen - und daraus ein wunderbares Bilderbuch gezaubert, wie aus der Zeit gefallen. Ihre Inspiration: der Groß-Illustrator Walter Trier.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Erich Kästner

Der Künstler Walter Trier (1890-1951) ist ein Phantom: Sein Name ist nur Liebhabern und Spezialisten geläufig - seine Bilder jedoch sind einem Millionenpublikum bekannt. Wer mal ein Kinderbuch von in der Hand hielt, hat sicher die prägnanten Illustrationen bemerkt.

Alle zwölf Kinderromane von Kästner schmückte Trier kongenial mit Bildern aus, die so berühmt wurden wie die Geschichten. So wie der Buchdeckel von "Emil und die Detektive", wo zwei Knaben auf einem surreal gelb strahlenden Platz, hinter einer Litfaßsäule verborgen, einem davoneilenden Mann nachblicken. Ein Motiv, das in der Geschichte übrigens gar nicht auftaucht.

Uwe Timm

Es erschien vor 80 Jahren, erinnert ein wenig an Pop Art und Comics - und inspiriert Künstler bis heute, zum Beispiel Isabel Kreitz. Die 1967 geborene Hamburgerin gilt vielen als Deutschlands beste Comic-Zeichnerin und bewies bereits, dass sie sich erstklassig auf Adaptionen literarischer Vorlagen ("Die Entdeckung der Currywurst" nach ) versteht.

Eine besondere Vorliebe scheint die Hanseatin für die Herren Trier und Kästner zu haben. Kästners Roman "Der 35. Mai" verwandelte Kreitz in einen kunstvollen Comic, wobei der Coup darin bestand, dass ihre Bilder wie von Walter Trier skizziert schienen. Eine tolle Hommage, für die Kreitz vergangenes Jahr mit dem "Max & Moritz"-Preis, dem deutschen Comic-Oscar, ausgezeichnet wurde.

Wunderbare Hommage

Nun legt sie mit "Pünktchen und Anton" eine weitere Kästner/Trier-Adaption nach, die ihr so exzellent gelungen ist wie die erste. Bereits das Titelbild ist eine wunderbare Hommage an das Trier-Original. Auch aus dem Rest der berühmten Geschichte vom reichen Pünktchen und armen Anton hat sie ein wie aus der Zeit gefallenes Bilderbuch gezaubert.

Dabei war Walter Trier von Kästners Vorlage anfangs wohl wenig begeistert: Er fand sie zu klischeehaft und soll der Verlegerin nach Lektüre des Manuskripts von einer Veröffentlichung abgeraten haben. Das konnte er sich erlauben, denn Trier war lange vor Kästner ein Star.

In Prag geboren, wurde er in Berlin in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zum Groß-Illustrator. Seine beschwingten, oft farbenfrohen, erstaunlich zeitlosen Bilder schmückten Zeitschriften, Werbeplakate und Bücher. "Wer, im damaligen Berlin mit Ziffern im Kopf, stupide vom Lärm der Stadt durch die Straßen hetzte und am erst besten Kiosk einen ,Trier' sah, blieb stehen, holte Luft und - lächelte", schwärmte Kästner.

Vor den Nazis floh Trier nach London, produzierte politische Karikaturen und noch viele Illustrationen und siedelte nach dem Krieg nach Kanada um, wo er 1951 in seinem Atelier starb.

Harry Rowohlt

Nun, fast 60 Jahre später, sind dennoch neue Walter-Trier-Bilder zu sehen, gefunden in Kästners Nachlass. Ergänzt um Texte von , ergeben auch sie ein tolles Werk, erschienen im selben Verlag wie das Kreitz-Bilderbuch.

Mal schauen, wer besser ankommt: der alte Meister oder die junge Comic-Künstlerin.