Ethan Hawke Die Ehe als literarische Spielwiese
Eigentlich könnte der Mann das luxuriöse Leben einer "Celebrity" führen - an der Seite seiner Frau, des Hollywood-Stars Uma Thurman, und mit seinen beiden Kindern, der dreijährigen Maya und dem im Januar geborenen Sohn Roan. Doch das 31-jährige Multitalent Ethan Hawke ("Training Day") ruht sich nicht auf seinen und schon gar nicht auf den Erfolgen seiner Frau aus. Im Frühjahr hat Hawke in seinem ersten Film, der Low-Budget-Produktion "Chelsea Walls", Regie geführt, dieser Tage kommt sein zweiter Roman "Aschermittwoch" in den Handel.
"Es steckt keine Strategie dahinter, dass alles zur gleichen Zeit fertig wurde", erzählt Ethan Hawke im Telefoninterview mit SPIEGEL ONLINE. Das dürften seine beiden Verlage, Alfred Knopf in New York, Kiepenheuer und Witsch in Köln, etwas anders sehen: Fast zeitgleich erscheint "Aschermittwoch" in den USA und Deutschland. Die 400.000 bis 500.000 Dollar, die Hawke nach Angaben der "New York Times" als Vorschuss für sein zweites Buch bekam, wollen schließlich wieder hereingeholt werden. Pünktlich zur Buchmesse im Oktober wird der Filmstar zum Auftakt seiner Lesereise in Frankfurt erwartet.
Im Gespräch wirkt Hawke viel abgeklärter und nachdenklicher als in den zahlreichen Zeitschriftenporträts, die ihn zum überheblichen Jungstar stilisiert haben. Vielleicht ist der junge Vater aber auch nur erschöpft, denn er lebt mit seiner Familie derzeit mitten im sommerlich-schwülen Peking, wo seine Frau für Quentin Tarantinos neuen Film "Kill Bill" vor der Kamera steht. Seit seiner Hochzeit mit der schönen Schauspielerin vor vier Jahren sind die beiden Stars einem riesigen Medieninteresse ausgesetzt. Hawkes lakonischer Kommentar: "Es ist absurd. In Amerika haben die Leute eine aberwitzige Beziehung zu Künstlern. Dabei interessieren sie sich gar nicht wirklich für Kunst, sondern mehr für das Leben der Prominenten. Man sollte das nicht so wichtig nehmen, dann hat man's leichter."
Zeit, den Umgang mit den Medien zu üben, hatte Hawke genug. Den Durchbruch schaffte er 1989 mit dem Film "Der Club der toten Dichter", als er gerade 18 Jahre alt war. Die Slacker-Komödie "Voll das Leben - Reality Bites" machte ihn 1994 an der Seite von Winona Ryder zum Gesicht der "Generation X". Schon damals begann er zu schreiben, um unabhängiger von der Filmindustrie zu sein: "Das Problem beim Film ist, dass du andere Leute brauchst, die dich engagieren, mit denen du also klarkommen musst. Man ist abhängig von seiner Popularität und vom Interesse anderer Menschen. Das Wunderbare am Schreiben ist, dass du in deiner eigenen Geschwindigkeit arbeiten kannst." Insgesamt fünf Jahre hat er an seinem neuen Buch gearbeitet.
Schnellkurs in Sachen Erwachsenwerden
Der Schriftsteller Hawke schreibt über das, was er kennt. Während sein Debüt "Hin und weg", das 1996 erschien, die erste große Liebe eines jungen Schauspielers thematisierte, hat er im zweiten Buch die Ehe als literarische Spielwiese entdeckt: "Ich kann eigentlich nur über die Gedanken und Gefühle schreiben, die für mein eigenes Leben wichtig sind", sagt er. Trotzdem ist der Autor weit von der selbstverliebten Schreibweise vieler Popliteraten entfernt, die das eigene Leben zum Kosmos erklären. "Aschermittwoch" ist ein berührender, oft kitschiger Versuch über die Liebe und ein Plädoyer dafür, das Leben in die eigene Hand zu nehmen.
Die Hauptfiguren Christy und Jimmy sind geborene Verlierer, zwei junge Amerikaner aus schwierigen Familienverhältnissen: Jimmys Vater hat Selbstmord begangen, Christys Mutter das Mädchen als Kind im Stich gelassen. Beide tappen verunsichert durchs Leben, wissen kaum, wem und was sie glauben können. Zu allem Übel wird Christy auch noch schwanger, und Soldat Jimmy entfernt sich ohne Erlaubnis von seiner Kompanie. Das ist ein Stoff, aus dem normalerweise ein grandioses Scheitern gewebt wird. Nicht so bei Hawke. Er schrieb einen Entwicklungsroman, der den beiden Hauptfiguren Raum gibt, sich selbst zu erproben - viel Sex und Drogen inklusive. Das Buch ist ein Schnellkurs in Sachen Erwachsenwerden: Am Ende ihrer Reise durch die USA finden die beiden zu sich selbst und heiraten.
Die rasante Tour de Force von Christy und Jimmy, die sich manchmal wie ein Drehbuch für ein Road Movie liest, hat auch eine autobiografische Seite. Ortswechsel gehörten für den jugendlichen Ethan Hawke zum Leben wie die jährliche Wiederkehr des Thanksgiving-Festes. Seine Eltern waren Collegestudenten, die sich kurz nach seiner Geburt trennten. Seine Mutter, von Flowerpower und Woodstock geprägt, reiste sieben Jahre mit dem kleinen Ethan quer durch Amerika.
Hawkes Kunstgriff, wechselweise aus der jeweiligen Perspektive seiner Protagonisten zu erzählen, hält die Dialoge spannend. Jimmy ist eine Plaudertasche, pinkelt auf die Klobrille, man muss ihn schon sehr lieben, um mit ihm klarzukommen. Christy ist eher ruhig, aber selbstzerstörerisch veranlagt. Einmal räsoniert sie darüber, warum es in jungen Beziehungen meist der Mann ist, der endlos auf seine Freundin einredet, während sich das in alten Ehen genau umkehrt verhält. Jimmy schwafelt so häufig und selbstverständlich über Glauben und Religion wie andere Leute ihre Wochenenderlebnisse erzählen. Doch für Hawke gehören solche Gespräche zu einer echten Liebe dazu: "Wenn man sich auf eine Beziehung einlassen will, fängt man doch an, darüber zu diskutieren, an was man glaubt. Man redet darüber, was wirklich wichtig ist und welchen Sinn das Leben hat."
Hawke hat das Buch Karuna gewidmet. Das ist der zweite Name seiner Frau Uma. Schreibhemmungen- oder fortschritte hält er von seiner Angetrauten aber eher fern: "Meine Frau ist so intelligent und kritisch, dass ich dem Buch erst eine abschließende Form gegeben haben muss, bevor ich es mit ihr teile." Dabei ist die Ehe für Hawke nun wirklich eine Herzensangelegenheit, etwas, wofür es sich lohnt zu leben. Sein Buch bezeichnet er sogar als "Meditation über die Ehe". Denn verheiratet zu sein hat für Hawke spirituelle Züge: "Um dich jemandem wirklich hinzugeben, musst du einen Teil von dir selbst loslassen, so wie man sich bei einer Meditation von Vorstellungen löst. Das habe ich in meinem Buch thematisiert." Uma Thurman scheint das alles etwas lockerer zu sehen. Auf einer Fan-Website wird sie mit folgenden Worten zitiert: "Sollte unsere Ehe einmal scheitern, bin ich der Grund dafür, garantiert nicht er."
Ethan Hawke: "Aschermittwoch" ("Ash Wednesday"). Aus dem Amerikanischen von Franca Fritz und Heinrich Koop. Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln; 325 Seiten; 19,90 Euro.