Zusammen mit einer Jury aus der Literaturwissenschaftlerin Eva Horn, der Kritikerin Miryam Schellbach, dem Autor Michael Maar und dem Philosophen Peter Sloterdijk hat die Literaturredaktion des SPIEGEL 100 Romane aus 39 Ländern ausgesucht. Deutschsprachige Bücher sind nicht dabei, die haben einen eigenen Kanon.
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Ein Mann, der zu viel trinkt, mit einer psychisch kranken Frau verheiratet ist und zudem eine Affäre mit einer deutlich Jüngeren hat, schreibt über einen Mann, der zu viel trinkt, mit einer psychisch kranken Frau verheiratet ist und zudem eine Affäre mit einer deutlich Jüngeren hat. Klingt nicht gerade nach Trennung von Leben und Werk. Für die vielen Literaturkritiker, die darauf beharren, dass ein Roman und die tatsächliche Existenz eines Schriftstellers niemals gleichgesetzt werden dürften, sollte F. Scott Fitzgeralds »Zärtlich ist die Nacht« zumindest eine leise Irritation darstellen.
Für alle anderen Leserinnen und Leser ist es entweder ein Lehrbuch darüber, was ein Autor im Alltag vermeiden muss, wenn er es nicht gerade auf seinen Untergang angelegt hat. Oder zumindest ein faszinierendes, deutlich autobiografisch gefärbtes Panorama des Jazz Age, jener Zeit also, die im deutschen Sprachraum die Goldenen Zwanziger heißt – eine Floskel, die auch den Nachteil hat, dass man jedes Mal dazusagen muss, in diesen Zwanzigern sei ja nicht alles so golden gewesen. Selbstverständlich auch nicht in diesem Roman.
Fitzgerald hat seine Figuren nur notdürftig verfremdet: Der junge Mann im Zentrum des Buchs ist Psychiater. Er trägt den vielsagenden Spitznamen Dick (wer will, kann darin eine Phallusmetapher erkennen). Er hat seine Frau als Patientin einer psychiatrischen Klinik kennengelernt. Beide sind in den USA aufgewachsen, doch das Buch spielt größtenteils in Europa. An der Côte d’Azur, in Paris und am Genfer See.
Es war die Zeit, als nach dem Ersten Weltkrieg wohlhabende Amerikaner die französische Mittelmeerküste entdeckten. Zu ihnen gehörten damals auch F. Scott Fitzgerald und seine Frau Zelda.
Beide waren damals in ihren Zwanzigern, Glamourpaar einer jungen Generation, das sich amüsierte, sosehr es irgendwie ging, auch um die Schrecken des Ersten Weltkriegs zu vergessen. Fitzgerald war als Verfasser populärer Kurzgeschichten zu etwas Geld gekommen, Zelda schrieb auch und galt zudem als Inbegriff der »flapper girls«: wild, promisk, die Haare und Röcke für die damaligen Konventionen zu kurz. Es war eine Zeit, in der die Partys ebenso halsbrecherisch waren wie die Fahrten im neu erworbenen Automobil – Fitzgerald erzählt davon mitreißend und unsentimental. Man trifft sich in Cannes, sieht sich in Saint-Germain wieder oder in Montreux. Immer auf der Flucht vor den eigenen Dämonen.
Als das Buch 1934 erschien, war das Jazz Age bereits Geschichte, die selbstmörderische Euphorie, die Fitzgerald einfängt, ist nach dem Börsenkrach der Depression gewichen. Einen Roman über die Partys von gestern wollte kaum jemand lesen. »Zärtlich ist die Nacht« war ein Misserfolg.
Fitzgerald starb nach Jahren des aberwitzigen Trinkens 1940 im Alter von 44 Jahren. »Zärtlich ist die Nacht« war nach seinem Tod jahrzehntelang nur in einer überarbeiteten Ausgabe zu haben. Deren Herausgeber hatte Fitzgeralds Erzählstruktur mit ihren Rückblicken umgestellt. Der Text wurde dadurch streng chronologisch, aber auch banaler. Mittlerweile ist er wieder in der Ursprungsfassung zu haben.
So richtig anerkannt wurde der literarische Rang des Autors erst in den Siebzigerjahren, als Robert Redford im Kino als »Gatsby« zu sehen war. Seitdem ist Fitzgeralds Name mit dem kleinen Märchen vom großen Gatsby verknüpft. Sein bedeutendstes Buch aber ist »Zärtlich ist die Nacht«. Amüsant, abgründig, aufrichtig – und leider kein Märchen.
Preisabfragezeitpunkt
17.10.2026 08.32 Uhr
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