Hanya Yanagihara: »Ein wenig Leben« und die Unüberwindbarkeit böser Erinnerungen - DER SPIEGEL
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• aus DER SPIEGEL 13/2025
Der internationale SPIEGEL-Literaturkanon

Zusammen mit einer Jury aus der Literaturwissenschaftlerin Eva Horn, der Kritikerin Miryam Schellbach, dem Autor Michael Maar und dem Philosophen Peter Sloterdijk hat die Literaturredaktion des SPIEGEL 100 Romane aus 39 Ländern ausgesucht. Deutschsprachige Bücher sind nicht dabei, die haben einen eigenen Kanon.

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Bald nach der Veröffentlichung von »Ein wenig Leben« im Frühjahr 2015 gingen Videos um die Welt, die Menschen zeigten, wie sie, etwa im Flugzeug oder in der U-Bahn, hemmungslos weinten und dabei in den Händen dieses Buch hielten mit seinem inzwischen ikonischen Cover, der Fotografie eines Männergesichts, das vor Schmerzen verzerrt schien.

Wer das Buch gelesen hatte, wusste, dass sie über die Hauptfigur Jude St. Francis weinten und dessen Qualen, die Yanagihara Schicht für Schicht über (in der deutschen Übersetzung) fast 1000 Seiten minutiös und ohne Nachsicht frei schälte. Die Autorin bediente sich dafür keiner großen Effekte, keiner äußerlichen Schockelemente.

Im Gegenteil, die Erzählung kommt auf den ersten 100 Seiten daher wie ein gut geschriebener, sogar recht gewöhnlicher Roman über eine Gruppe von vier Freunden, wie sie nach der gemeinsamen Universitätszeit im New York City der Zehnerjahre ihre Leben beginnen, Wohnungen suchen, auf Partys gehen, sich mit Jobs über Wasser halten. Sie sind, ohne dass das besonders betont wird, eine ziemlich diverse Truppe, was ihre Hautfarben, Identitäten und sexuelle Orientierungen betrifft, das Personal eines modernen Großstadt-Bildungsromans.

Doch dieses Setting gerät zur Falle, je mehr sich die Erzählung auf Jude St. Francis konzentriert. Auf der gegenwärtigen, voranschreitenden Erzählachse begleitet der Leser ihn dabei, wie er äußerlich immer erfolgreicher wird, ein gefürchteter Anwalt mit Loft in Soho und interessanten Freunden. Auf der rückwärtigen Erzählachse aber, die immer wieder tief in Judes Vergangenheit führt, steigt der Leser mit ihm in die Finsternis, in eine Meditation über körperlichen, seelischen und sexuellen Missbrauch und die Unmöglichkeit, sich davon jemals befreien zu können.

Denn Befreiung würde Sprache voraussetzen. Der Erzähler des Romans verfügt über die Sprache, präzise und plastisch, zu plastisch für manch zarter Besaitete. Doch für Jude gibt es keine Worte, in die er seine Erlebnisse fassen könnte, bloß die »Jahre über Jahre über Jahre an Erinnerungen, von denen er geglaubt hatte, sie unter Kontrolle gebracht und entschärft zu haben«. Sie sind wie ein »Rudel Hyänen«, das ihn jagt. Erleichterung verschafft er sich, indem er mit einem Skalpellmesser seine Oberschenkel und Unterarme aufschlitzt, bis er fast das Bewusstsein verliert. Er ist Rechtsanwalt geworden, um sich zu panzern, damit ihm niemand mehr etwas antun konnte, er hat reine Mathematik studiert, weil sie kein Gefühl und keine Erinnerung kennt.


In der Mathematik gibt es das Gleichheitsaxiom. Es besagt, dass x immer gleich x ist, »dass ein gedankliches Konstrukt mit Namen x mit sich selbst stets gleichwertig sein muss«. Jude zieht daraus die hoffnungslose Folgerung, dass er immer »derselbe Mensch bleiben wird, ein Mensch, der in anderen Abscheu hervorruft, ein Mensch, der existiert, um gehasst zu werden«.

Das ist der todtraurige und zutiefst pessimistische Kern dieses Buchs. Es gibt kein Entkommen aus dem Schmerz, es gibt keine Entwicklung zum Guten, trotz liebevoller Freunde, trotz Geschmack und Kultur, trotz beeindruckender Karriere und materiellen Reichtums.

Der Roman erschien ausgerechnet zu einer Zeit, als in der urbanen Millennial-Leserschaft der Glaube an Therapie, Selbstoptimierung, ja Selbstreparatur einen Höhepunkt erreicht hatte. Psychotherapeutische Literatur, mental health und Coaching gehörten zum guten Ton und hielten Einzug in Arbeitswelt und auf Dinnerpartys. Wer nicht »an sich arbeitete«, um die Störungen oder gar Traumata, hervorgerufen durch Eltern, Partner oder den Arbeitgeber, zu behandeln, war in den jungen kulturell-urbanen Milieus im Grunde nicht mehr satisfaktionsfähig.

Hanya Yanagihara, die Autorin, kommt selbst aus diesem Milieu. Inzwischen Chefredakteurin des »T Magazins«, der ästhetisch und kulturell fein austarierten Stilbeilage der »New York Times«, lebt sie umgeben von sorgfältig kuratierten Artefakten zurückgezogen in einem Loft in Soho. Auch der Einband von »Ein wenig Leben« mit der Fotografie von Peter Hujar war ihre Idee. Sie hat ihn gegen den Willen des Verlags durchgesetzt. Genauso wie sie die gewalttätigen und melodramatischen Elemente ihres Textes gegen Agent und Lektor durchgesetzt hat. Außerdem hat der Mann auf dem Umschlagfoto keine Schmerzen. Er hat einen Orgasmus.

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Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara
Verlag: Piper
Seitenzahl: 960
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