Interview mit John Irving: "Ich war schon immer klüger" - DER SPIEGEL
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Interview mit John Irving "Ich war schon immer klüger"

Der US-Schriftsteller John Irving über die Reaktionen seiner Kollegen auf die Terroranschläge im September, Fernsehjournalismus in Amerika und seinen neuen Roman "Die vierte Hand"
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL:

Mr. Irving, die Hauptfigur Ihres Romans "Die vierte Hand" ist ein Fernsehreporter, der über Skandale und Affären berichtet*. Geht es Ihnen um Aufklärung über Unsitten des Journalismus?

Irving: Nein, das alles ist ja nicht neu. Die Fernsehleute selber sagen, dass man Nachrichtensendungen nicht mit Filmen und Unterhaltungsshows konkurrieren lassen dürfe ­ aber alle spielen sie mit. Ich bin mit einigen Moderatoren der großen Networks befreundet, und alle sagen mir: Nachrichten müssen Quoten bringen. Wenn nicht, werden sie gekillt.

SPIEGEL: Top-News wie der Krieg in Afghanistan lassen die großen Networks auch untereinander konkurrieren.

Irving: "America at War" oder "The War against America" ­ das bringt Quoten. Aber es gibt auch positive Nebenwirkungen. Die Neugier der Zuschauer wurde provoziert. Wir kapierten, dass es auch eine Welt außerhalb der USA gibt. Der Anti-Amerikanismus wurde zum Thema. Für viele Amerikaner war das neu ­ auch dass die USA und der ganze Westen dämonisiert wurden.

SPIEGEL: So hatte das Drama vom 11. September auch sein Gutes?

Irving: Verstehen Sie mich nicht falsch: Nie dürfen wir vergessen, dass ein paar tausend Menschen getötet und rund 10 000 Kinder zu Waisen gemacht wurden, es war ein grauenhaftes Verbrechen. Aber es hat meinen Blick auf die Welt nicht verändert oder die Art, wie ich die Welt beschreibe. Ich habe immer schon über Verluste geschrieben und darüber, wie Menschen danach weiterleben. Im Übrigen habe ich lange außerhalb der USA gelebt und den Anti-Amerikanismus in vielen Varianten erlebt.

SPIEGEL: Wenn schon Ihr Blick derselbe blieb ­ hat sich nicht die Welt verändert?

Irving: Wieso? Meine literarischen Freunde, die jetzt sagen, nichts sei mehr so, wie es einmal war ­ die haben schon vor dem 11. September wenig davon verstanden, wie es auf der Welt zugeht. Mein Thema war von Anfang an, wie sich das Leben über Nacht wandeln kann, wie Katastrophen alles verändern. Daher staune ich schon eine ganze Weile, dass in den Medien noch immer davon gesprochen wird, wie schockierend und überraschend der 11. September gewesen sei. Wie lange wollen die Leute sich noch über das wundern, was da geschehen ist? Es war schockierend und überraschend, weil es live im Fernsehen gezeigt wurde ­ aber der Hass und der Fanatismus, die hinter diesem Verbrechen stehen, sind doch schon lange bekannt.

SPIEGEL: Haben Sie sich deswegen bisher nicht zum 11. September geäußert?

Irving: Ich war überrascht, wie viel meine Kollegen zu sagen hatten ­ und wie schnell sie sich zu Wort meldeten. Ich bin Roman-Autor. Ich brauche Zeit, um ein Ereignis zu verarbeiten. Ich habe in meinem Roman "Gottes Werk und Teufels Beitrag" über die Abtreibungsproblematik in diesem Land geschrieben, lange nachdem die Abtreibung legalisiert wurde. Ich habe in "Owen Meany" über den Vietnam-Krieg geschrieben ­ viele Jahre nach dem Ende des Krieges. Und ich denke, es ist unverantwortlich, wenn Schriftsteller glauben, sie wären besser informiert als andere oder könnten die Situation besser beurteilen. Vor allem meine liberalen Kollegen, die sich ständig fragen, wie die Politik des Präsidenten ihre Arbeit berühren könnte.

SPIEGEL: Gehören Sie zu denen, die jetzt mit George W. Bush sympathisieren?

Irving: Nein. Ich habe Bush nicht gewählt. Ich mag die Politik der Republikaner noch immer nicht. Aber das bedeutet nicht, dass ich jetzt wie der Filmregisseur Oliver Stone und andere Leute der hysterischen Linken herumrenne und mir die Haare raufe. Ich war schon immer klüger. Ich bin kein Republikaner geworden, nur weil ich dafür bin, den Terrorismus und die Terroristen zu liquidieren, und insoweit hinter dem Präsidenten stehe. Ich hoffe sogar, dass wir Osama Bin Laden nicht zu schnell fangen, denn er ist nicht das einzige Problem und nicht das Ende des Problems.

SPIEGEL: Sind Sie Patriot?

Irving: Ich versuche, eine Balance zwischen Patriotismus und kritischer Distanz zum eigenen Land zu finden. Patriotismus und Nationalismus sind nicht ungefährlich, ich habe immer darauf hingewiesen, dass diese Instinkte nicht unbedingt das Beste im Menschen hervorbringen. Ich muss davon nach dem 11. September nichts revidieren. Ich bin patriotisch genug, um der Meinung zu sein, dass Leute, die dieses Land angreifen und meine Mitbürger töten, gejagt und erledigt werden sollten. Wenn jemand meine Familie angreift, werde ich nicht tatenlos zusehen.

SPIEGEL: Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?

Irving: Mein Wunsch ist es, Menschen zum Weinen oder zum Lachen zu bringen ­ das war bei mir immer stärker als jede intellektuelle Überlegung oder die Erwartung, Menschen von irgendetwas zu überzeugen oder sie zu motivieren. Mein Roman "Gottes Werk und Teufels Beitrag" hat keinen einzigen Menschen, der gegen Abtreibung war, dazu gebracht, seine Haltung zu ändern. Ich habe nie an derlei geglaubt, nicht eine Minute. Wenn ich daran glauben würde, dass man das Denken der Menschen ändern kann, wäre ich ein christlicher oder marxistischer Fundamentalist geworden und kein Geschichtenerzähler. Die Natur des Menschen ist die Natur des Menschen. Ich beschreibe sie nur. Das ist schon alles, woran ich interessiert bin. SPIEGEL: So bescheiden?

Irving: Nein. Ich weiß nur, was ich will und was ich kann. Meine Großmutter, die fast 100 Jahre alt wurde, konnte sich am Ende nur an die traurigen und glücklichen Momente in ihrem Leben erinnern: den Tod ihres Mannes, die Hochzeit einer Tochter. Ein guter Roman und ein guter Film leisten das Gleiche, sie vermitteln dem Leser und dem Zuschauer dieselbe Erfahrung. Es ist mein Handwerk, die Höhepunkte im Leben zu beschreiben und die Talstrecken dazwischen zu verkürzen.

SPIEGEL: Genau wie der Held Ihres neuen Romans: Patrick Wallingford läuft am liebsten Skandalen hinterher.

Irving: Ja, aber auf oberflächliche Art und Weise. Und manchmal verweigert der Nachrichtenmann sich sogar und will nicht an die News-Front. Wenn ich sein Chef wäre, würde ich ihn feuern ­ wegen kindischen Benehmens. Wallingford ist kein Mann ohne Gewissen. Er ist im Grunde ein netter Bursche. Aber er arbeitet eben fürs Fernsehen. Und als er eine Hand bei einem Unfall verliert, wird er selbst zum Gegenstand des öffentlichen Interesses.

SPIEGEL: Immerhin frisst ein Löwe diese Hand ­ und die Kamera ist live dabei. Und als ihm später die Hand eines Toten transplantiert wird, bittet sich die Witwe des Spenders ein Besuchsrecht aus. Sie lässt sich von Patrick schwängern, will aber zunächst nur das Kind und sonst nichts von ihm. Frauen, die Männer bloß als Samenspender benutzen ­ ein Lieblingsthema von Ihnen?

Irving: Schon in meinem Roman "Garp und wie er die Welt sah" kommt so eine Frau vor, stimmt. Jenny Fields war radikale Feministin. Damals konnte sich nur eine radikale Feministin so etwas vorstellen. In meinem neuen Buch sind es zwei ganz normale Frauen, die Zeiten haben sich geändert. Noch Jahre nach dem Erscheinen von "Garp" haben mich Frauen angesprochen und gesagt: "Ich habe die Jenny Fields gemacht." Tatsächlich gab es diesen Ausdruck: "doing a Jenny Fields" ­ das sollte heißen: ein Kind bekommen, ohne zu heiraten, wie es eben Jenny Fields gemacht hat. Heute muss sich keine Frau mehr dafür rechtfertigen. Sie trifft die Entscheidung, sie findet einen Mann, der ihr als Vater gefällt, sie bekommt ein Kind. Da hat es einen gesellschaftlichen Wandel gegeben.

SPIEGEL: In Ihrem Sinne?

Irving: Ich weiß nicht. Ich kenne eine Reihe von Kindern, die ohne Vater oder Mutter aufgewachsen sind ­ ich denke, es ist schon besser, beide Eltern zu haben.

SPIEGEL: Sie werden im März 60 Jahre alt, waren 23, als Ihr erster Sohn geboren wurde, und sind nun zum zweiten Mal verheiratet. Blicken Sie zufrieden zurück?

Irving: Ja, ich habe viel Glück gehabt. Ich möchte kein anderes Leben haben. Ich habe mich unglücklich gefühlt und dabei komische, fröhliche Bücher geschrieben. Ich war glücklich und habe traurige Bücher geschrieben. Man muss im Übrigen aufpassen, was man sich wünscht und erträumt ­ die Träume könnten in Erfüllung gehen. Ich habe mit 22 geheiratet und deswegen die so genannte sexuelle Revolution verpasst, sogar meine erste Scheidung war nicht so aufregend wie bei anderen Leuten, ich habe zu meiner Ex-Frau ein sehr freundschaftliches Verhältnis ­ wir waren 18 Jahre lang verheiratet: eine lange Zeit für eine Ehe, die nicht funktioniert hat. Mein Leben ist ziemlich gewöhnlich.

SPIEGEL: Über Patrick schreiben Sie, er habe mit zu vielen Frauen geschlafen, um Freundschaften mit Männern schließen zu können. Wie kommen Sie zu dieser Überlegung?

Irving: Wenn man als Mann viel mit Frauen zu tun hat, wird es schwierig, enge Beziehungen zu Männern zu pflegen. Schon deswegen, weil diese Männer meistens Partnerinnen haben, die es gar nicht gern sehen, wenn ihre Gatten Freunde haben, die unverbindlichen Spaß genießen. Als ich geschieden war, bevor ich meine jetzige Frau getroffen habe, wollten mich viele Frauen gern verkuppeln ­ es störte sie, dass ich mit verschiedenen Frauen ausging. Es waren immer die Frauen meiner Freunde, die mein Leben regeln wollten. Aber ich selber ziehe ein geregeltes Leben einer Single-Existenz vor.

SPIEGEL: In Ihren Büchern kommt viel Sex vor, oft in Verbindung mit Gewalt.

Irving: Ja, Leute, die meine Arbeit nicht mögen, beschweren sich immer darüber, dass ich über Sex und über Gewalt schreibe. Ich werde nicht dafür verantwortlich gemacht, wie ich ein Buch geschrieben habe ­ die Kritiker greifen mich wegen des Inhalts an. Das ist keine Kritik, das ist Political Correctness, die Krankheit, die sich bei uns in der Film- und Literaturkritik breit gemacht hat: Moralismus und Puritanismus. Aber ich schreibe keine Bücher, um anderen vorzuschreiben, wie sie leben sollen. Man kann die Welt nicht darstellen ohne Gewalt, und man kann nicht verschweigen, welche Kraft Sexualität hat.

SPIEGEL: In Ihren Büchern geht es auch um Bestrafung: als müsse man für Lust büßen ...

Irving: Ich lebe in Amerika. Hier wird Sex routinemäßig bestraft. Nehmen Sie nur Bill Clinton, den man für vieles kritisieren kann, aber nicht für sein Sexleben. Und ich bin auch noch Neuengländer. In Neuengland wird man noch strenger bestraft. Ich habe mich daran gewöhnt, dafür angegegriffen zu werden, dass ich Sex habe oder dass ich darüber schreibe ­ aber zugleich bin ich ein Produkt dieser Tradition. Es ist wie in dem Witz, wo ein Mann sagt: Wenn es Spaß macht, kann etwas nicht stimmen.

SPIEGEL: Bei Clinton ging es ja angeblich ums Lügen.

Irving: Verrückt! Selbst Freunde von mir haben sich moralisch gegeben: Sie hätten nichts dagegen, dass er Sex im Weißen Haus hatte, aber sie verurteilten, dass er darüber nicht gleich die Wahrheit gesagt hat. Ich bitte Sie: Wenn jemand nach Hause kommt und gefragt wird, ob er draußen mit jemand Sex hatte, sagt er natürlich "Nein" zu seiner Frau! Was soll das?

SPIEGEL: Auf Ihrem Bücherbord liegt obenauf ein Bildband des Malers Norman Rockwell, der länger hier in der Gegend gelebt hat ­ gibt es Parallelen zwischen seinem und Ihrem Blick auf Amerika?

Irving: Ich habe Rockwell immer geliebt, ich halte ihn für unterbewertet. Bei seinem Realismus und seiner Liebe zu den Figuren fühle ich mich an Illustrationen alter Dickens-Ausgaben erinnert: ein phantastischer Reichtum an Details ­ und umso präziser, je schwieriger die beschriebenen Verhältnisse waren. Dieser Regel versuche auch ich beim Schreiben zu folgen: Wenn ein Ereignis extrem und übertrieben ist, muss die Schilderung besonders realistisch sein. Es kommt dabei dann nur auf die Sprache, den richtigen Ton an. Deswegen weiß ich gern, wie die Geschichte endet, bevor ich anfange: Ich will nicht darüber nachdenken, was als Nächstes kommt, sondern nur über die Sprache, in der ich es ausdrücke.

INTERVIEW: HENRYK M. BRODER, VOLKER HAGE


* John Irving: "Die vierte Hand". Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Diogenes Verlag, Zürich; 448 Seiten; 22,90 Euro.

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