Literaturnobelpreis an Peter Handke: Drinnen Ehre - draußen Kälte und Wut - DER SPIEGEL
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Literaturnobelpreis-Verleihung: Ein Tag voller Gegensätze

Foto: Henrik MONTGOMERY/ TT NEWS AGENCY/ AFP

Nobelpreis-Feierlichkeiten Drinnen Pracht und Ehre - draußen Kälte und Wut

Der Tag der Nobelpreisvergabe war so festlich wie sonderbar. Peter Handke erhielt seine Medaille, die Proteste blieben draußen - wurden aber immerhin bemerkt. Am Ende brachte Handke den ersten Toast seines Lebens aus.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Tag zwischen Glanz und Protest war das am Dienstag in Stockholm, Herrlichkeit in den Festsälen und Demonstrationen draußen in der Kälte der schwedischen Hauptstadt. Dieser Tag ist jedes Jahr der Höhepunkt der Nobelpreiswoche in Schweden, mit der Preisverleihung im Konzerthaus und dem großen Bankett danach im riesigen Festsaal des Rathauses mit 1200 Gästen. Es war dieses Mal prachtvoll und etwas gespenstisch.

Natürlich wegen Peter Handke, dem Literaturnobelpreisträger dieses Jahres, wegen dessen Büchern über die Jugoslawienkriege, seiner Parteinahme für die serbischen Machthaber damals. Und dann hatte Peter Handke in dieser Woche jede Gelegenheit ausgelassen, seine Position damals und heute auch nur ein wenig zu erklären. Sondern beleidigt oder hilflos oder unwillig geschwiegen.

Vor dem Konzerthaus gigantischer Weihnachtsschmuck und jede Menge Polizei. Surrende Drohnen in der Luft, ein Plakat "no nobel-prize for fake news", drinnen eröffnet Carl-Henrik Heldin, Vorsitzender der Nobelstiftung, die Zeremonie und beschwört sogleich den Geist Alfred Nobels und dessen Überzeugung, dass Wissen und Fakten die Grundlage unserer Gesellschaft sind.

Natürlich war schon das ein erster freundlich-deutlicher Kommentar zu Handke und dessen Beharren auf seiner poetischen Ich-Wirklichkeit. Beinahe eine Distanzierung. Doch die Festlichkeit blieb ungestört. Von Fanfaren begleitet, erhielt jeder Preisträger, zwölf Männer, zwei Frauen, aus der Hand von König Carl Gustaf seinen Preis. Verbeugungen, Applaus.

Eine Medaille wird verliehen, ein Orden abgenommen

Olga Tokarczuk, Literaturpreisträgerin 2018, die den Preis wegen der Skandale in der Akademie erst dieses Jahr erhielt, im schwarzen Kleid und mit hoch gesteckten Dreadlocks, war die bestgelaunte der Geehrten auf der Bühne. Sie genoss ganz offensichtlich einfach die Feier und die Ehre. Über sie sagte ihr Laudator Per Wästberg: "Ich sehe Alfred Nobel in freundlicher Zustimmung aus seinem Himmel zu uns hinunternicken." Peter Handke, der die Zeremonie auf der Bühne eher zu erleiden schien, erhielt von Anders Olsson immerhin "die wärmsten Glückwünsche der Schwedischen Akademie".

Dann machte sich die Festgemeinschaft auf in Shuttle-Bussen hinüber ins Rathaus. Inzwischen war zu hören, dass sich in der Innenstadt tausend Demonstranten gegen die Preisverleihung an Peter Handke versammelt hatten. Die Ärztin Christina Doctare, die 1988 als Teil der Uno-Friedenstruppen den Nobelpreis bekommen hatte, nahm in dem Moment, in dem der König Handke die Hand schüttelte, ihren Orden ab und will ihn unter Protest zurückgeben.

Christina Doctare, ehemalige UN-Ärztin in Bosnien

Christina Doctare, ehemalige UN-Ärztin in Bosnien

Foto: Stina Stjernkvist/ EPA-EFE/ REX

Unterdessen steckt die Prachtgesellschaft in den Bussen fest. Es sind normale Linienbusse, Damen in gigantischen Kleidern stehen im Gang, sie brauchen Platz für sieben. Eine halbe Stunde dauert die Fahrt durch die verschneite Innenstadt. Dann Ankunft am Rathaus. Könige, Minister, Botschafter, Preisträger rollen in schwarzen Limousinen in den Hof, auf der anderen Straßenseite eine kleine Handke-Fangruppe, sie recken Taschen mit seinem Bild in die Höhe. Wer sie sind? "Oh, wir lieben seine Bücher! Er ist ein großer Schriftsteller!"

Zwanzig Meter weiter etwa 40 Demonstranten, die mit Transparenten gegen die Abschiebung von Afghanen aus Schweden protestieren. Was das mit Handke zu tun habe? "Oh, direkt nichts. Wir wenden uns an die Öffentlichkeit. Und die ist heute hier." Die Anti-Handke-Demonstration ist weiter weg. Die Handke-Freunde mit den Taschen sagen noch, dass die andere Gruppe einfach keine Ahnung von Literatur habe. Woher sie kommen? "Wir sind Serben." Klare Fronten. Klare Grenzen.

"Strawberry Fields forever!"

Im Innenhof des Rathauses Kinder mit Fackeln, hohe Leuchtfeuer, auf dem Schnee knirschende Limousinen. Drinnen dann: wie ein uralter Traum. Der hohe Bankett-Saal, die Sitzordnung wird als gedrucktes Buch verteilt. Es heißt, Prinzessin Christina, die jüngste Schwester von Carl Gustaf, die sonst immer neben dem Literatur-Nobelpreisträger sitze, komme diesmal nicht. "Wichtige Termine". Das Königshaus wahrt Distanz.

Später, wenn erneut unter Fanfaren die Ehrengäste die große Treppe hinabschreiten, wird Olga Tokarczuk weit vorn neben Prinz Daniel gehen. Handke weit hinten, mit der Erziehungsministerin von Schweden in silberweißem blumenkelchartig emporgestülpten Kleid. Also, die Ministerin. Handke natürlich, schön, wie alle Herren an diesem Abend, im Frack.

Als spät an diesem festlich sonderbaren Abend die Preisträger für einen letzten Auftritt auf die große Treppe treten, um sich noch einmal zu bedanken, erinnert Olga Tokarczuk an Selma Lagerlöf, die vor 110 Jahren als erste Frau den Nobelpreis für Literatur gewann, und sie sagt, sie danke allen weiblichen Schöpfern. Sie stehen alle hinter mir. "Wir haben wirklich den Nobelpreis gewonnen!"

Dann kommt Handke. Er spricht Englisch, er sagt, es sei dies der erste Toast seines Lebens. Er erinnert auch an Selma Lagerlöf und ihre Wildgänse, "die in der Zukunft alles überfliegen." Und schließt, halb wild, halb rätselhaft, etwas unbeholfen die Freiheit, die Beatles und Ingmar Bergman anrufend: "Selma Lagerlöfs wild geese (Wildgänse) forever! Strawberry Fields forever! Wild strawberries forever!"

Dann schreitet die Festgemeinschaft die große Treppe hinauf in den Goldenen Saal zum Tanz. Handke tanzt nicht, steht mit seiner Frau, seinem Verleger und dem serbischen Filmemacher Emir Kusturica in einem der hinteren Räume. Um ihn herum rauscht das Fest. Durch die Fenster Stockholm im Schnee. Die Demonstranten und die Anhänger sind längst nach Hause gegangen. Die Nacht ist kalt.