Zusammen mit einer Jury aus der Literaturwissenschaftlerin Eva Horn, der Kritikerin Miryam Schellbach, dem Autor Michael Maar und dem Philosophen Peter Sloterdijk hat die Literaturredaktion des SPIEGEL 100 Romane aus 39 Ländern ausgesucht. Deutschsprachige Bücher sind nicht dabei, die haben einen eigenen Kanon.
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Warum lesen wir? Weil unser Herz gebrochen wurde oder Netflix-Serien immer schlechter werden. Weil die Steuererklärung ansteht oder wir etwas über das Leben im Sri Lanka des 19. Jahrhunderts wissen wollen. Weil wir trauern, Trost suchen, lachen wollen. Weil der Bus nicht kommt oder die Menschen in der U8 wieder mal so unerträglich sind, dass es besser ist, sich in einen Roman zu vertiefen, als den X-Feed durchzuscrollen. Kurz: Es gibt so viele Gründe, wie es Bücher gibt, etwas theatralisch könnte man sogar sagen, jedes Buch muss seinen eigenen Grund kreieren, weshalb man es lesen muss. Diese Gründe können extrem spezifisch oder sehr vage sein. Oft beides. Bücher sind ja auch Produkte. Worin also besteht die Nachfrage bei Büchern von Michel Houellebecq? Welches Bedürfnis befriedigt »Karte und Gebiet«?
Es ist der Roman, mit dem Houellebecq vom Skandalautor zum Nationalheiligen wurde. Der Prix Goncourt wurde ihm zugesprochen, es wurde festgestellt, hier stochert einer nicht nur in den finstersten, vom Kapitalismus potenzierten sexuellen Abgründen der menschlichen, männlichen Existenz herum. Nein, hier betreibt jemand ein hochliterarisches, nicht nur künstliches, sondern künstlerisches Spiel.
Wie ernst dieses Spiel ist, das ist die entscheidende Frage, auch für die Hauptfigur Jed Martin. Jed ist Künstler, und der Titel des Romans »Karte und Gebiet« verweist auf eine Schaffensperiode dieses Künstlers. Jed fotografiert Landkarten der Marke Michelin und stellt diese in Galerien aus. Es ist sein Durchbruch, er lernt eine schöne Frau kennen, verkauft viele Bilder. Er beginnt eine neue Schaffensphase, in der er Menschen bei ihrer Arbeit zeigt. Zunächst diejenigen, die man klassisch als Arbeiter bezeichnen würde, Pferdemetzger zum Beispiel oder einen Schankwirt. Später allerdings malt er auch Bilder mit Titeln wie: »Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf«.
Jeds Leben und somit der Roman nehmen eine entscheidende Wendung, als er für einen anstehenden Katalog den Schriftsteller Michel Houellebecq beauftragt, ein Vorwort zu schreiben. Er besucht Houellebecq, der viel Wurst isst, viel Wein trinkt und eine bemitleidenswerte Erscheinung abgibt. Später allerdings wird Houellebecq ermordet, bestialisch enthauptet, ebenso sein Hund; der Menschen- und der Hundekörper wurden zerteilt. Die Abertausenden Blutspritzer auf dem Teppichboden, die die geschockten Polizisten vorfinden, erinnern an ein Gemälde von Jackson Pollock.
Was ist das nun alles? In erster Linie ein Künstlerroman, der eine nur auf den ersten Blick satirische, tatsächlich aber absolut glaubwürdige Künstlerbiografie entwirft, mitsamt einem Œuvre, schon das eine große Leistung. In zweiter Linie ist dies ein Roman über die Frage, wie nahe man der Wirklichkeit kommen kann mit unseren erkenntnistheoretischen Mitteln, wie sehr man sie verfälscht durch den bloßen Blick.
Ist Michel Houellebecq der Reaktionär, man darf vielleicht sogar sagen, das reaktionäre Arschloch, für das ihn viele halten? Dass er sich am Ende seines besten Romans selbst als Figur umbringen lässt, kann man nur als sehr späten postmodernen Witz abtun, wenn man »Karte und Gebiet« unterkühlt liest. Es ist ein trauriges Buch. Ein schmerzhaftes Buch. Eines, das von Verlust handelt. Wie auch immer man zu Houellebecq stehen mag, ob man ihn als Rassisten oder Witzfigur rechts liegen lassen möchte – dieser Roman über Jed Martin, den Künstler, der der Welt, wie er sie nie kannte, beim Verschwinden zusieht und versucht, sie festzuhalten, ist ganz groß. Warum lesen wir das? Weil wir uns fragen, warum Landkarten so kompliziert gefaltet sind.
Preisabfragezeitpunkt
17.10.2026 08.42 Uhr
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