Neuer Roman von Thomas Glavinic Mörder-Pensum
Autor Glavinic: Nichts ist so langweilig wie Überraschungen mit Ansage
Foto: Arne Dedert/ picture-alliance/ dpaIn Polen hat Lisa drei Adlige aufgehängt, in Ungarn eine Frau mit ihren Haaren erwürgt, in Frankreich einen Rentner in einem Topf mit seinen eigenen Eingeweiden erstickt, in Dänemark zwei Lesben die Brüste mit einer Kettensäge entfernt, in Deutschland einem Journalisten die Eier abgeschnitten, in Bulgarien einen kasachischen Fußballer gekocht. "Ich möchte nicht für zimperlich gehalten werden", sagt der Mann, der sich Tom nennt, "aber ich frage mich schon, wieso kocht man Kasachen?"
Tom ist die Hauptfigur in dem neuesten Roman von Thomas Glavinic, der am heutigen Montag erscheint, und er ist ebenfalls ein Opfer von Lisa. Eines, das noch lebt. Noch. Denn Lisa hat bei ihm eingebrochen, darauf deuten DNA-Spuren in seiner Wohnung hin. Gut möglich, dass sie ihn als nächstes killt.
Mit seinem achtjährigen Sohn Alex flüchtet Tom in die Berge, verschanzt sich in einem Landhaus und prügelt sich, sobald der im Bett liegt, mit Whiskey und Kokain die Birne voll. Sein einziger Kontakt zur Außenwelt: ein Computer mit Mikro. Jeden Abend macht er seine eigene Live-Radioshow, für wen auch immer, um sich abzulenken, um nicht durchzudrehen, "damit ich wenigstens das Gefühl habe, noch im Kontakt mit den Menschen zu stehen". Ihm ist, als ob ihm nichts passieren könnte, solange er dort sitzt und redet, redet, redet.
Dampfplaudern über Fußball und die FPÖ
Tom redet über das Phantom Lisa, von der man fast nichts weiß, nicht wo sie herkommt, nicht wie aussieht, nicht wie alt sie ist, nur welche DNA sie hat. Noch mehr aber redet er über das, was ihm im Vollrausch durch die Rübe rauscht: Fußball und Fernbeziehungen, die FPÖ und italienische Filme der Sechziger, Performancekünstler und Weinkenner, Internetforen-Vollschreiber und Menschen, die statt Paris Pariii sagen, mit langem i, und statt Mailand Milano.
Tom ist ein Stubenhocker, wenn auch wider Willen, er ist ein Paranoiker, und er ist ein Meister des Meckerns. Und so redet er wie manch Internetblogger schreibt: intim, geltungssüchtig, besserwisserisch, ab und an aber auch blitzgescheit.
Der Österreicher Glavinic, 38, hat einen Roman geschrieben über unsere paranoide Gesellschaft, über den Wahnsinn der Virtualität und den Kontrollverlust in Einsamkeit, indirekt auch über die schöne neue Freundschafts-Welt sozialer Online-Netzwerke. Konzipiert hat er ihn als 200-Seiten-Monolog seiner Hauptfigur. Absolut bühnentauglich.
Sicher werden ihm einige Rezensenten Stilschwächen vorwerfen, wie schon bei seinen vorherigen Büchern, aber das ist Quatsch: Glavinic schreibt uneitel, er versucht nicht, als schriftstellernde Edelfeder zu glänzen, sondern nähert sich einem Durchschnittstypen an, einem Vertreter des sogenannten gesunden Menschenverstands. Toms Rede mag daher hölzern klingen, sie mag klischeehaft sein, oft auch harmlos, aber Tom ist eben kein Intellektueller. Er ist ein paranoider kokssüchtiger Alkoholiker.
Bizarre Bücher mit einem Einfall
Schon eher kritisieren kann man die Schlusswendung des Romans, die arg abgedreht ist, albern und trashig. Vor allem aber muss man sich fragen, ob das, was man die Methode Glavinic nennen kann, allmählich zur Masche wird: Er schreibt bizarre Bücher, die von einem originellen Einfall leben und von sonst nicht viel, formale Spielereien, literarische Versuchsanordnungen. In "Der Kameramörder" erzählt ein Schwerverbrecher, wie er zwei Kinder zum Selbstmord gezwungen und dabei gefilmt hat; in "Das bin doch ich" wartet ein Autor namens "Thomas Glavinic" darauf, dass sein Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert wird, was dem realen Glavinic mit dem Roman prompt gelang; in "Die Arbeit der Nacht" wacht ein Mann eines Morgens auf und ist der letzte Mensch auf Erden; in "Das Leben der Wünsche" erfüllen sich einem Mann alle Wünsche, ohne dass er sie ausspricht, auch die unbewussten. Ein Wunschkonzert, das zum Horrortrip wird.
Das Problem: Nichts ist so langweilig wie Überraschungen mit Ansage. In den vergangenen zwölf Jahren hat Glavinic acht Romane veröffentlicht, ein Mörder-Pensum. Gut möglich, dass sein neuester Roman deshalb nicht unbedingt einen Mordsspaß macht. Anders als seine Vorgänger.
"Der neue Glavinic": Das war in den vergangenen Jahren ein Synonym für eine sichere Nummer. "Lisa" hingegen ist nicht mehr als ein routiniertes Nümmerchen. Schade.
Lesungen: 14.2. Rabenhof Theater Wien, 17.2. Literaturhaus Graz, 22.2. Literaturhaus Hamburg, 3.3. Posthof Linz, 6.3. Stadtkirche Darmstadt, 9.3. Staatsschauspiel Dresden.