Zusammen mit einer Jury aus der Literaturwissenschaftlerin Eva Horn, der Kritikerin Miryam Schellbach, dem Autor Michael Maar und dem Philosophen Peter Sloterdijk hat die Literaturredaktion des SPIEGEL 100 Romane aus 39 Ländern ausgesucht. Deutschsprachige Bücher sind nicht dabei, die haben einen eigenen Kanon.
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Ein junger amerikanischer Mann aus wohlhabenden Verhältnissen wendet sich von seiner Familie ab und zieht nach Europa. Die Familie macht sich Sorgen, er könne auf Abwege geraten sein, und schickt einen anderen Amerikaner auf eine Mission: Er möge dem Sohn nachreisen, ihm gut zureden und zur Rückkehr überreden.
Diesen Handlungskern des Kriminalromans, der Patricia Highsmith berühmt machen sollte, hatte sie sich geborgt. Es ist der Plot des sublimen Spätwerks »Die Gesandten« von Henry James. Dort wird ein Mr. Strether nach Paris entsandt, um einen verlorenen Sohn aus dem europäischen Sündenbabel zurück in die heimatliche Firma zu geleiten. Bei Highsmith heißt der Entsandte nicht Lambert Strether, sondern Tom Ripley. An ihn tritt der beunruhigte Vater, ein Mr. Greenleaf, mit der Bitte heran, den Sohn Dickie aus Europa zurückzulotsen, wo er als Maler dilettiert. Er soll sich, wie bei Henry James, daheim im Familienunternehmen einarbeiten. Tom Ripley nimmt den großzügig finanzierten Auftrag an und reist nach Europa, hier nicht nach Paris, sondern ins südliche Italien. Er findet den abtrünnigen Sohn – und dann nehmen die Dinge ihren allerdings ganz un-James’schen Verlauf.
Highsmith, die in New York Literatur studiert hatte, lässt sich bei dieser Hommage ganz offen in die Karten blicken. Nachdem er Tom Ripley von der Europareise überzeugt hat, fragt ihn der Financier beim Abschied kichernd, ob er einen bestimmten Roman von Henry James gelesen habe. »Bedaure, Sir, den kenne ich nicht«, sagt der ungebildete Tom, der keine Zeile von James gelesen hat. Der Titel fällt drei Kapitel später: Tom Ripley erkundigt sich in der Bordbibliothek des Passagierdampfers nach »Die Gesandten«, das Buch steht aber in der Bibliothek der zweiten Klasse, auf die er als Passagier der ersten leider keinen Zugriff habe – ein schönes Detail, hinter dem man keine Malice der Autorin vermuten muss.
Ihr talentierter Mr. Ripley ist, anders als der stets unschlüssige Lambert Strether, ein sehr zielgerichteter Akteur und ein Genie der Anpassung. Patricia Highsmith hatte nicht nur Literatur studiert, sondern auch Kurse in Zoologie belegt. Mit kühlem Zoologengriff setzt sie das Chamäleon in das Terrarium ihres Romans und beobachtet, wie es seine Talente nutzt. Schaut, wie schnell es die Farbe wechseln kann! Mit dem kleinen Unterschied, dass Chamäleons nicht bekannt sind für kriminelle Energie.
Ihr Tom Ripley ist von der ersten Seite an böse. Wenn er einmal ausnahmsweise die Wahrheit sagt, fügt er es eigens hinzu. Er macht im Roman keinerlei Entwicklung durch, jedenfalls keine moralische, obwohl er von gelegentlichen Panikattacken post delictum nicht verschont bleibt.
Warum er so geworden ist, interessiert die Autorin nur am Rande. Pflichtgemäß deutet sie einen biografischen Hintergrund an. Ripleys Eltern sind beide im Bostoner Hafen ertrunken, er wächst bei einer geizigen Tante auf, die ihn demütigt und ihm Schecks in Höhe von 12,95 Dollar schickt. Aber genügt das? Genügen sein Neid und seine Neigung zu Luxus und Easy Living für zwei kaltblütige Morde? Auch das ist der Autorin letztlich egal. Sie betrachtet ihren amoralischen Helden mit kaum verhohlener Sympathie. Und ihr gelingt das Kunststück, dass der Leser mitfiebert, wenn Ripley immer wieder knapp vor der Enttarnung steht. Man kann nicht umhin, dem Helden, und sei er noch so skrupellos, das Entwischen zu wünschen. Highsmith stellt damit das Gesetz der poetischen Gerechtigkeit auf den Kopf. Nach diesem Gesetz sollen die Bösen bestraft und die Guten am Ende belohnt werden. Hier ist es genau umgekehrt: Tom Ripley, das clevere Chamäleon, windet sich mit knapper Not aus allen Kalamitäten und schafft es in vier Folgeromane.
Doch was verbindet die Autorin mit ihrem Mr. Ripley? Was reizt sie so an ihm, dass sie ihm noch vier weitere Romane gönnt? Ihre Obsession und ihr Lebensthema, das sich auch beim Schöpfer von »Die Gesandten« finden ließe: der Zwang zum Doppelleben und zur Verstellung. Anders als Henry James hat Patricia Highsmith ihre Homosexualität zum Teil promisk und immer intensiv ausgelebt; wie James konnte sie nicht darüber sprechen. Den einzigen Roman, der das Thema der lesbischen Liebe offen behandelt, »The Price of Salt«, veröffentlichte sie 1952 unter Pseudonym; erst 1990 gab sie ihn unter eigenem Namen heraus.
Darüber sprechen konnte sie nicht, schreiben sehr wohl; unter jenen camouflierenden Schleiern der Fiktion. Es dauert denn auch genau eine Seite, bis sie in »Der talentierte Mr. Ripley« das Thema berührt. Ripley fühlt sich von einem älteren Mann in eine Kneipe verfolgt und überlegt, ob es sich um einen »warmen Bruder« handle; was Tom in seiner Lage noch lieber wäre als ein verdeckter Ermittler, denn er fürchtet eine lange Haftstrafe wegen Trickbetrugs. Aber es ist weder ein Detektiv noch ein Freier, sondern Mr. Greenleaf, und bald darauf tritt Tom Ripley seine Reise an.
Am Fuße des Vesuvs in dem fiktiven Örtchen Mongibello stöbert er Dickie Greenleaf auf, der hier mit seiner Freundin Marge lebt, die an einem Roman schreibt. Er windet sich an ihn heran, er will sich bei ihm beliebt machen, das ist Teil seiner Mission, aber einen kleinen Überschuss spürt man schon hier – die Nähe zu dem attraktiven jungen Mann wünscht er sich mehr als alles auf der Welt. Schon früh renommiert er vor Dickie, mit dem er zufällig die Statur teilt, er könne Helikopter fliegen, in jede Rolle schlüpfen und Unterschriften fälschen. Dickie Greenleaf ahnt nicht, dass er selbst es ist, in dessen Rolle Tom zu schlüpfen gedenkt. Und dass die gefälschte Unterschrift das gefälschte Testament zieren wird, in dem Tom sich nach Dickies Hinscheiden zu dessen Alleinerben erklärt.
Von Subtext zu sprechen, was das Verhältnis der beiden Männer angeht, wäre eine Untertreibung. Tom Ripley buhlt um Dickies Freundschaft und Liebe, er imitiert ihn, er schlüpft in seine Kleider, er trägt seine Ringe, er will mit ihm zusammenleben; er will sich den Begehrten, bevor er ihn entleibt, einverleiben. Die Mordszene auf dem Meer, mit dem Ruder in Hüfthöhe, ist deutlich phallisch unterlegt. Drei Folgebände und etliche Morde später, in »The Boy Who Followed Ripley«, tritt Tom offen als Transvestit in einer Berliner Schwulenbar auf. Und was ihn an den ihm folgenden Jungen fesselt, ein Mörder auch er, ist keinesfalls unschuldiger Natur.
Was in ihrem dreimal verfilmten Roman oft überlesen wird: Highsmiths »Ripley« ist nicht nur ein die Regeln des Genres ignorierender Krimi, sondern auch ein verdeckter Künstlerroman. Bevor er New York verlässt, macht Ripley einen Abschiedsbesuch bei seiner besten Freundin namens Cleo. Sie malt mit der Lupe und Einhaarpinseln briefmarkengroße Miniaturen auf Elfenbeintäfelchen. Tom betrachtet drei Dschungellandschaften aus ihrer jüngsten Produktion. Das Fell der Äffchen auf den Bildern ist tatsächlich verblüffend akkurat.
Tom Ripley ist initiiert. In Europa erblüht sein Interesse für Kunst. Er beginnt selbst zu malen, Bilder im Stile des hingeschiedenen Dickies, und sogar bessere. Er besucht Museen, er folgt den Spuren van Goghs, er schmückt seinen Palazzo mit alten Drucken. Und er kauft Bilder.
In der Kunst findet Mr. Ripley, was ihm im Leben verwehrt bleiben muss. Sein künftiges Leben, so erkennt er am Ende des Romans, gebiete ihm die innere Einsamkeit – auch wenn er in den Folgeromanen konventionell verheiratet sein wird. Patricia Highsmith erzählt nicht nur die Geschichte eines talentierten Mörders, sondern auch die eines verhinderten Künstlers. Nicht zufällig wird er im nächsten Band »Ripley Under Ground« der Kopf eines Kunstfälscherrings.
Seine alternde, schwer trunksüchtige und zunehmend menschenscheue Schöpferin Highsmith zog sich 1981 ins Tessin zurück. Dort lebte sie bis zu ihrem Krebstod im Jahr 1995 (vier Jahre zuvor entging ihr knapp der Nobelpreis, den sie verdient hätte). Sie war umgeben von ihren drei Katzen als einziger Entourage. Gelegentliche Pilgerbesuche ihrer Verehrer Wim Wenders und Peter Handke änderten nichts an Highsmiths Einsamkeit.
Die Literatur war die einzige Möglichkeit ihrer Flucht ins Freie. Im Leben galt wie für Tom Ripley: Zeige nie dein wahres Gesicht. Und fälsche deine Unterschrift.
Ripley: Der talentierte Mr. Ripley
Patricia HighsmithPreisabfragezeitpunkt
17.10.2026 07.36 Uhr
Keine Gewähr
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde »Der talentierte Mr. Ripley« als Debüt von Patricia Highsmith bezeichnet. Das stimmt nicht, ihr erster veröffentlichter Roman ist »Zwei Fremde im Zug«. Wir haben den Fehler korrigiert.