Per Olov Enquist: »Der Besuch des Leibarztes« - betörende Geschichte vom dänischen Hof - DER SPIEGEL
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• aus DER SPIEGEL 13/2025
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Zusammen mit einer Jury aus der Literaturwissenschaftlerin Eva Horn, der Kritikerin Miryam Schellbach, dem Autor Michael Maar und dem Philosophen Peter Sloterdijk hat die Literaturredaktion des SPIEGEL 100 Romane aus 39 Ländern ausgesucht. Deutschsprachige Bücher sind nicht dabei, die haben einen eigenen Kanon.

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Viele Schriftsteller können gute Geschichten erzählen. Nicht so viele Schriftsteller entwickeln einen betörenden Sound, der keine gute Geschichte braucht, keine Spannung, kein Drama, allein der Sound macht das Buch zum Ereignis. Ein solcher Schriftsteller war der Schwede Per Olov Enquist, der von 1934 bis 2020 gelebt hat.

Gute Geschichten hat er auch erzählt, zum Beispiel in seinem wohl populärsten Werk »Der Besuch des Leibarztes«. Es spielt um das Jahr 1770 am dänischen Hof und hat ein Personal, das es wirklich gab: König Christian VII., seine englische Frau Caroline Mathilde und den Arzt Johann Friedrich Struensee aus Altona, das damals zu Dänemark gehörte.

Christian wurde König, als er fast noch ein Kind war, und galt als geisteskrank. Sein Hund interessierte ihn mehr als die Amtsgeschäfte und seine Frau. Auf einer Reise lernte er Struensee kennen, den das Fieber der Aufklärung gepackt hatte. Christian nahm ihn mit an seinen Hof nach Kopenhagen.

Weil der Sound so wichtig ist bei Enquist, folgt hier ein längeres Zitat. So führt er die Königin ein:

Die für Christian auserwählte Königin hieß Caroline Mathilde. Sie war am 22. Juli 1751 in Leicester House in London geboren und hatte keine Eigenschaften.

Das war die Meinung über sie. Sie sollte jedoch in dem, was geschah, eine Schlüsselrolle spielen, was niemand hatte ahnen können und alle mit großer Bestürzung erfüllte, weil es allgemein als Tatsache galt, dass sie keine Eigenschaften hatte.

Man einigte sich hinterher darauf, dass es ein Unglück gewesen war, dass sie Eigenschaften hatte. Hätte man von Anfang an die richtige Einschätzung vorgenommen, nämlich dass sie Eigenschaften hatte, hätte die Katastrophe abgewendet werden können.

Doch niemand konnte das ahnen.

Man liebt das, oder man liebt es nicht. Ich liebe es so sehr, dass ich von Enquist jede Zeile, die es auf Deutsch gibt, gelesen habe.

Die Königin und der Leibarzt verlieben sich ineinander und beginnen das Verbotenste vom Verbotenen: eine Affäre, obwohl ihr Körper, wie sie weiß »die Leidenschaft und den Tod vereinte«. Struensees Tod. Damit endet die Geschichte, woraus Enquist von Anfang an kein Geheimnis macht. Wer den Sound hat, braucht die Spannung nicht.

Enquist kann alles, besonders Dialoge. So nähert sich das Liebespaar beim Reiten an:

»Die erste Regel«, hatte er gesagt, »ist Vorsicht.«

»Und die zweite?«

»Mut.«

»Die zweite gefällt mir besser«, hatte sie da gesagt.

Auch die Sexszenen sind wunderschön. Leider gibt es nur wenige.

Struensee gewinnt immer mehr Macht über den kindischen König, der zu seinem Vergnügen immer wieder die Statuen im Park umwirft, während der Leibarzt Dänemark mit 632 Dekreten reformiert, das Land sozialer und gerechter macht. Was den Hofschranzen naturgemäß nicht gefällt. Da jeder ahnt, dass das zweite Kind der Königin vom Leibarzt stammt, fällt es ihnen nicht schwer, eine Intrige gegen Struensee zu spinnen.

Am Ende wird er grausam hingerichtet. Caroline Mathilde wird auf ein Schloss in Celle verbannt, stirbt jung. Die Aufklärung bleibt.

Es gibt unendlich viele schöne Sätze von Enquist, aber auch ein paar schlimme über sich selbst, zum Beispiel diesen aus seiner Autobiografie »Ein anderes Leben«: »Er wird als gehorsamer Insasse bezeichnet.«

Der Mann, der mich oft glücklich gemacht hat, war es über lange Phasen seines Lebens nicht, wurde Alkoholiker, landete in einer Anstalt. Zu meiner Erleichterung endet die Autobiografie mit diesem Satz: »Und er wusste, dass er gerettet war.«

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Der Besuch des Leibarztes

Per Olov Enquist
Verlag: Fischer
Seitenzahl: 371
Für 17,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

17.10.2026 08.32 Uhr

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