Sally Rooney: »Normale Menschen« und das Coming-of-Age der Zehnerjahre - DER SPIEGEL
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• aus DER SPIEGEL 13/2025
Der internationale SPIEGEL-Literaturkanon

Zusammen mit einer Jury aus der Literaturwissenschaftlerin Eva Horn, der Kritikerin Miryam Schellbach, dem Autor Michael Maar und dem Philosophen Peter Sloterdijk hat die Literaturredaktion des SPIEGEL 100 Romane aus 39 Ländern ausgesucht. Deutschsprachige Bücher sind nicht dabei, die haben einen eigenen Kanon.

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Über Krimis heißt es ja, sie seien das ideale Vehikel, um über Gesellschaft zu schreiben. Mord kennt kein Milieu. Meistens werden dann schwedische Schriftsteller wie Henning Mankell oder das noch ältere Autorenduo Sjöwall Wahlöö angeführt, die Sozialstudien in Krimis verpackten. Über Liebesromane wird so ein Urteil selten gefällt. Vielleicht weil Kriminalliteratur durch den Tod – ohne geht’s schließlich kaum – erhabener wirkt. Und Liebesromane noch immer häufig in die als kitschig und seicht abgetane Domäne der sogenannten Frauenliteratur sortiert werden. Nicht nur Jane-Austen-Leser wissen, wie falsch das ist. Man braucht keine Leiche, um in verschiedene Gesellschaftsschichten zu zoomen. Wie gut das auch in der Gegenwart durch das Brennglas »Liebe« gelingt, bewies die Irin Sally Rooney 2018 mit dem Roman »Normale Menschen«.

Darin kommt man dem introvertierten Connell aus prekären ökonomischen Verhältnissen und der abgeklärten Marianne aus prekären emotionalen Verhältnissen so nah, dass man sich für die Lektüre Taschentücher bereitlegen sollte. Nicht weil Rooney des Lesers Herz mit Sentimentalitäten weichklopft, sondern, im Gegenteil, weil sie so klar über die Unmöglichkeit von Connells und Mariannes Liebe schreibt.

Der Roman beginnt, wie alle großen Geschichten, mit einem Satz, der schlichter kaum sein könnte: »Als Connell klingelt, macht Marianne die Tür auf.« Connell und Marianne gehen zusammen zur Schule, 2011, irgendwo in der irischen Einöde, aber ansonsten trennen sie Welten. Connells alleinerziehende Mutter putzt für Mariannes Familie. Wenn er sie aus Mariannes Villa abholt, unterhält er sich mit der Teenagerin, aber vor seinen Klassenkameraden ignoriert er sie. Marianne wird in der Schule kollektiv verachtet. Weil sie ist, was man hier nicht versteht: wohlhabend, klug, sonderbar. Connell, begabter Fußballer und Einser-Schüler, ist trotz seiner Schüchternheit populär. Als sich die beiden ineinander verlieben, verheimlichen sie ihre Beziehung.

»Er trug das Geheimnis wie etwas Großes und Heißes mit sich herum, wie ein überfülltes Tablett mit Heißgetränken, die er überall mit hinnehmen musste und nicht verschütten durfte.« Genauso fühlt sich Liebe an, wenn man zum ersten Mal mit ihr zu tun hat. Nicht wie zarte Schmetterlinge im Bauch, nicht wie eine Wolke, auf der man fröhlich schwebt. Rooney erzählt sie so, wie sie ist. Groß, heiß, überfordernd. Ungeübt kann man so ein Tablett kaum balancieren. Und Marianne und Connell sind ungeübt – in der Liebe und im Leben.


Rooney erzählt, wie sich die On-off-Beziehung über mehrere Jahre hinzieht. Marianne und Connell werden sich immer wieder begegnen, an der Universität in Dublin in umgekehrten Rollen. Marianne gehört endlich dazu, Connell, der immer die gleichen Adidas-Turnschuhe trägt (sogar zum Sport!) und an einer Tankstelle jobben muss, kommt nicht richtig an. Niemand entflieht seinem Milieu, das beschreibt Rooney unmissverständlich, und niemand entkommt dem sozialen Druck, der an ihm haftet.

Es folgen depressive Episoden, Existenzängste, toxische Freunde, triste Erasmus-Semester, enttäuschende Partys, schmerzhafter Sex und eine Fernbeziehung über Skype – alles, was Coming of Age in den Zehnerjahren so zermürbend machte. Rooney erzählt das so gegenwärtig und, sorry für das schlimme Wort, authentisch, dass sich zig Millennials mit abgebrochenem Studium und Quarter-Life-Crisis in dem Roman wiederfanden. Es ist ihnen zu verdanken, dass Rooney (Jahrgang 1991 und damit selbst Millennial) zum internationalen Literaturphänomen und das Buch zum Bestseller wurde, der sich weltweit millionenfach verkaufte. Endlich, so konnte man es von ihren Leserinnen hören, schrieb mal jemand »nicht cringe« über sie und ihre Liebesbeziehungen.

Auch die adaptierte Miniserie, die in Deutschland wie ihr englisches Original »Normal People« heißt, wurde völlig zu Recht ein Hit. Paul Mescal spielt Connell darin mit so viel selbstzerstörerischer Schwermut, dass er einen neuen Figurentyp begründete: den »hot sad guy«, den heißen, traurigen Typen.

Rooney zeichnet diese Welt mit so scharfen Konturen, dass sich jeder sofort orientieren kann, auch wenn man nicht »hot« und »sad« ist. Dialoge markiert sie nicht mit Anführungszeichen, sodass die Figuren direkt und unmittelbar sprechen – man fühlt sich schnell wie der unsichtbare Dritte, gebannt zwischen Marianne und Connell und ihrem qualvollen Liebesversuch.

Manchmal leidet man mit ihnen derart mit, dass man sie anschreien will: Seht ihr nicht, was ihr ineinander gefunden habt?! Was für eine Kostbarkeit, was für ein kleines bisschen Glück?! Es ist das bittersüße Gefühl, das große Literatur in einem auslösen kann: dass man über Verlust trauert, der das eigene Leben nicht direkt trifft. Man muss kein Millennial in der Selbstkrise sein, um die poetische Kraft dieses Romans zu erfühlen.

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Normale Menschen

Sally Rooney
Verlag: btb
Seitenzahl: 320
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