Rezension von Shaun Asher: »Diaries of Note. Tage, die die Welt bewegten« Eine Schatztruhe voller Geschichten
Tagebuchschreiberin Lindgren: Dokumentation historisch bedeutsamer Daten
Foto: NordicPhotos / akg-imagesLeuchtend rot und blau, ungefähr DIN-A4-Format, circa 3,5 Zentimeter hoch, 1577 Gramm schwer – die »Diaries of Note. Tage, die die Welt bewegten« präsentieren sich schon rein äußerlich eindrucksvoll, inklusive Bildern, Faksimile, Leinenrücken und Lesebändchen. Die Verpackung hält, was sie verspricht: Die Sammlung von 366 Tagebucheinträgen aus mehreren Jahrhunderten, die der Herausgeber Shaun Usher zusammengetragen hat, übersetzt von 71 Mitarbeitenden, begeistert.
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Der erste Eintrag vom 1. Januar 1968, John Hopkins berichtet kurz von einer wilden Silvesterparty bei den Gettys in Marokko, eröffnet den Reigen. Patricia Highsmiths Neujahrswünsche am 31. Dezember 1947 schließen den Band. Es ist kein Buch, das von Seite 1 bis 540 durchgelesen werden soll, um dann einzustauben. Es ist ein Buch, das aufgeschlagen, durchgeblättert, weggelegt und wieder und wieder zur Hand genommen werden will, eine Schatztruhe voller Geschichten, manche davon illustriert, die wieder und wieder geöffnet werden will. Allein die Vielfalt der Beiträge fesselt – Autoren von A wie Hans Christian Andersen bis Autorinnen mit W wie Virginia Woolf garantieren Abwechslung in jeder Hinsicht.
Herausgeber Usher: Ungefilterter Blick auf persönliche Erfahrungen
Foto: Tom BarkerDie kundigen Kommentare des Herausgebers geben Hinweise auf Person und Kontext; die Auswahl ist keineswegs beliebig, sondern wohldurchdacht. Historisch bedeutsame Daten werden abgebildet. Zum Beispiel Astrid Lindgren am 1. September 1939: »Oh! Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben.« Naturbeobachtungen sind dabei, so von Albert Einstein am 10. Dezember 1931, als er bereits den erstarkenden Antisemitismus in Deutschland zu spüren bekam. Während seiner ersten Atlantiküberquerung schrieb er: »Der Anblick des Meeres ist unbeschreiblich großartig, besonders wenn Sonne darauf fällt. Man ist wie aufgelöst in die Natur. Man fürchtet die Belanglosigkeit des Einzelgeschöpfes noch mehr als sonst und ist froh dabei.«
Und natürlich gibt es rein introspektive Texte, so von Eleanor Coppola am 23. August 1976. Sie war mit ihren Kindern und ihrem Ehemann auf den Philippinen beim Dreh von »Apocalypse Now«, den sie fotografisch begleitete: »Während der Fahrt ging ich im Kopf zum ungefähr fünfhundertsten Mal den Konflikt zwischen meiner Rolle als Frau/Mutter und der als Künstlerin durch. Beide Seiten vertreten ihre völlig nachvollziehbaren Positionen, keine gibt nach.«
Tagebuchschreiber Einstein mit Begleitung an Bord der SS »Belgenland« 1931: »Man ist wie aufgelöst in die Natur«
Foto: Fotograf: unbekannt / Max-Planck-GesellschaftUsher liefert im Vorwort eine mögliche Erklärung, warum seine Sammlung so fasziniert: »Während Geschichtsbücher und offizielle Aufzeichnungen meist nach Objektivität und systematischer Erhabenheit streben, bieten Tagebücher einen ungefilterten Blick auf persönliche Erfahrungen und zeigen nicht nur, was geschah, sondern auch, wie es sich anfühlte, es zu erleben.« Und seien wir ehrlich: Das Genre Tagebuch verspricht eine Intimität, nach der wir uns in Zeiten von inszenierter Nähe via Instagram besonders sehnen. Usher kennt sich da aus – seine Blogs über Briefe und Tagebücher sind schon eine Weile erfolgreich.