Simone Buchholz, Maggie O’Farrell: Neue Bücher im Sommer - DER SPIEGEL
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Simone Buchholz, Maggie O’Farrell Neue Bücher

Die besten Neuerscheinungen des Sommers
• aus SPIEGEL Bestseller 2/2026
Schriftstellerin Buchholz
Schriftstellerin Buchholz

Schriftstellerin Buchholz

Foto: Gerald von Foris / Rowohlt

Wie wird ein Junge zum Mann?

Wie geht das: einen Sohn großziehen in diesen Zeiten? Wie geht das: vom Jungen zum Mann werden, eine gesunde Männlichkeit entwickeln? Die Hamburger Schriftstellerin Simone Buchholz erzählt Geschichten vom Leben mit ihrem Sohn Rocco wie andere Geschichten vom Krieg. Da gibt es die Kämpfe, bei denen sich Rocco und seine Freunde schon im Sandkasten fast zerfleischen. »Manche Eltern versuchten einzuschreiten, aber das stellte sich als zu gefährlich heraus.« Da gibt es Verletzung um Verletzung, als müssten die Jungs ständig Grenzen austesten und alles fühlen, vor allem den Schmerz. »Es war dann gut, wenn es wehtat.« Da gibt es viele Probleme mit Lehrerinnen und auch mal welche mit der Polizei. Einmal kommt es zu einer Platzwunde, die wahrscheinlich jemand nähen müsste, »aber es ging auch so und, na ja, leben heißt Narben sammeln.«

Der toughe, unbändig wilde Junge: Das ist natürlich dicht am Klischee. Ebenso wie die Rolle, die Buchholz sich zwischendurch als Jungsmutter zuschreibt : »Du bist Feuer, dann bin ich halt deine freiwillige Feuerwehr.« Und tatsächlich steckt das Buch voller Sätze, für die Buchholz in der Jungsmütter-Bubble auf Instagram viele Herzen zufliegen werden. Als wäre es ein Anlass für Stolz, das eigene Kind wie ein Wesen vom anderen Stern zu betrachten. Und doch ist das Buch ein gelungenes Buch. Eins, das den Blick weit öffnet. Das liegt an Buchholz’ humorvollem Ton. Wo Humor ist, ist auch Liebe. Das liegt an der angenehm ironischen Distanz, mit der sie nicht nur auf die Kapriolen schaut, die ihr Sohn schlägt, sondern auch auf sich selbst. Und das liegt vor allem an der dann doch überraschenden Moral der Geschichte. Denn zur »Rettung« des Sohns, wie Buchholz das nennt, wird ein Kampfsporttrainer mit Kampfsportweisheiten, die anderen feministischen Frauen womöglich arg archaisch vorkommen würden. Die Trainingsgruppe vergleicht er mit einem Rudel. »Die Jüngeren müssen lernen, sich einzuordnen.« Buchholz fremdelt nicht damit, sondern erkennt im Kampfsport den Schlüssel zu einer sicheren Männlichkeit. Und eine sichere Männlichkeit, so deutet sich in ihrem Buch an, ist auch eine verträgliche Männlichkeit. Tobias Becker


Land des Leidens, Land des Bluts

Die Autorin Maggie O’Farrell dürfte im vergangenen Jahr auch in Deutschland schlagartig bekannt geworden sein, da ihr Roman »Judith und Hamnet« nicht nur verfilmt wurde, sondern auch noch mit den Stars Paul Mescal und Jessie Buckley. Letztere gewann für ihre Rolle den Oscar als beste Darstellerin. Egal mit wem man sprach, jeder, der den Film gesehen hatte, betonte eines: Noch nie habe man so viel geweint und andere Leute im Kino so viel weinen sehen. Das hatte sicher auch mit der Schauspielkunst Buckleys zu tun. Aber die wuchtige Emotionalität, das ganz große Gefühlschaos ist im Schreiben von O’Farrell angelegt. Auch in ihrem neuen Roman, der den schön schlichten Titel »Land« trägt. Irland, 19. Jahrhundert. Die Hungerkatastrophe hat ganze Landstriche entvölkert. Ein einfacher Mann, unterdrückt von den englischen Besatzern, soll das Land neu kartografieren. Welche Dörfer gibt es noch, welche Höfe werden noch bestellt?

Es entspinnt sich eine Familiengeschichte, bald schon geht es nicht mehr so sehr um den Mann, sondern um seine vier Kinder, die es in die Welt hinauszieht. Und um seinen Hund. Hauptdarsteller ist aber eigentlich das titelgebende »Land«: O’Farrell schafft es auf unheimliche Weise, Bäume Felder, Haine, Hügel zum Träger dieser Geschichte zu machen. Mehrere Zehntausende Jahre geht sie zurück, wir verfolgen ein Mädchen, sehen zu, wie sie von Druiden brutal geopfert wird, ihr Blut sickert in den Grund. Eine Art Ursünde, die dieser Landstrich fortan in sich trägt. Das könnte leicht ins Esoterische abrutschen, in eine unglaubwürdige Geisterbeschwörung. Nichts dergleichen bei O’Farrell. Das muss man erst einmal schaffen: eine Geschichte über so einen Zeitraum zu strecken, die Figuren auf verschiedene Kontinente zu verfolgen, in die Perspektive von Tieren und Pflanzen zu wechseln – und nichts läuft aus dem Ruder. »Land« ist ein großes Buch über ein kleines Land. Xaver von Cranach

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