In »Sohn ohne Vater« hat Feridun Zaimoglu eine Sprache für die Trauer entwickelt, die so existenziell ist, dass sie einen umreißt. Der Erzähler reist ans Grab seines Vaters – und so auch in die Vergangenheit.
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Was macht einen Text zu einem guten Roman? Als Merkmale werden oft genannt: ein origineller Plot, präzise Sprache, Rhythmus, Kohärenz, ein einigermaßen tiefer Konflikt und Figuren, die nicht gut oder schlecht, sondern im besten Sinne interessant sind. Ein guter Roman ist ehrlich, hat ein SPIEGEL-Kollege mal gesagt. Ein guter Roman bewegt Kopf oder Herz, würde ich hinzufügen.
All das erfüllt Feridun Zaimoglus »Sohn ohne Vater«. Die Figuren sind lebendig, der Erzählrhythmus ist fein justiert, der Konflikt könnte tiefer kaum gehen, schließlich geht es hier um die Trauer. »Sohn ohne Vater« bewegt Kopf und Herz gleichermaßen.
Autor Zaimoglu
Foto: Melanie Grande; Alexandra Polina / DER SPIEGELDas zeigt sich schon im fantastischen Titel: »Sohn ohne Vater«, geht das überhaupt? Kann man Sohn sein, wenn man keinen Vater (mehr) hat? Das fragt sich auch der Ich-Erzähler der Geschichte. Gleich im zweiten Satz erfahren wir, worum es darin gehen wird: Sein Vater ist gerade gestorben.
»Ich rufe meine Schwester an, sie hat es schon von meiner Mutter erfahren. Wir weinen, als wollten wir unsere Gesichter erbrechen. Wir haben keinen Vater mehr in diesem Leben. Wir wollen ihn wiederhaben.« Schon in dieser kurzen Passage zeigt sich, was Zaimoglu hier geglückt ist: eine Sprache für Traurigkeit zu entwickeln, die so existenziell ist, dass sie die ganze Welt klein macht.
Die Platzierungen
Der Erzähler, ein in Kiel lebender deutsch-türkischer Schriftsteller mit abgebrochenem Medizinstudium (wie Zaimoglu), macht sich schließlich auf die Reise ans Grab seines Vaters in die Türkei. Weil er unter Flugangst leidet, fährt ein Freund ihn mit einem Wohnmobil die über 5000 Kilometer in den Süden. Es wird auch eine Reise in die Vergangenheit. Denn die Trauer weckt Erinnerungen an seinen Vater, der Anfang der Sechzigerjahre als sogenannter Gastarbeiter nach Deutschland kam. »Mein Vater stirbt. Und ich erinnere mich«, heißt es fast mantraartig. »Der Tag riecht streng. Der Tag ist halb zerfressen, halb lebendig.«
Zaimoglu hat den Inhalt, auch das macht gute Prosa aus, auf die Form übertragen: Erinnerungen sind nicht planbar, sie befallen einen wie ein Tier, das sich nicht abwehren lässt. Und dann macht die Trauer noch konfus. Genau das lesen wir hier, Unruhe als Erzählprinzip. »Ich habe Augenrauschen«, sagt der Erzähler, »Lichtflocken verwirbeln mir die Sicht. Was hat Vater mir als Kind gesagt? Wenn du aus dem Haus gehst, zieh die Schuhbänder fest und streich die Hose an den Knien glatt.« Trauer macht auch Erwachsene wieder zu Kindern.
Zaimoglu, mit vielen Preisen ausgezeichnet, berühmt geworden mit postmigrantischer Literatur wie »Kanak Sprak«, »Leyla«, »Liebesbrand«, hat dem SPIEGEL mal gesagt, er komme aus einer orientalischen Erzähltradition. Geschichtenerzählen sei existenzielles Handwerk. Gleichzeitig spüre er auch die »besondere deutsche Romantik« in sich, »eine sanfte Barbarei«. Besser kann man die Poetik dieses Romans nicht beschreiben: mit sanfter Barbarei erzählen, um den Tod zu überleben.
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