Dieser Roman ist so gegenwärtig wie kaum ein anderer in diesem Jahr – es wird viel konsumiert, Udonnudeln in Osaka, Drogen in Wolfsburg, Sportkleidung auf Teneriffa. Aber in Leif Randts »Let’s talk about feelings« geht es auch um Feelings. Und zwar um die ganz großen.
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Allgegenwärtig ist der Tod, obwohl er mit kaum einer Silbe erwähnt wird. Stattdessen wird in »Let’s talk about feelings« geshoppt und gereist, nach Rügen, Japan, Teneriffa und Indien, getanzt und geknutscht. Es werden jede Menge Drogen in präzisen Dosen eingeworfen, Podcasts aufgezeichnet, DMs geschrieben und immer wieder wird allerlei Zeug geshoppt. Schweineteure Designer-Sportkleidung, die besten Udonnudeln Osakas, Glühwein auf dem schönsten Weihnachtsmarkt Berlins, Cola (ausdrücklich mit Zucker!), John Collins, Negroni, doppelte Espressi, Ginger-Ale, Ginger-Beer, Ingwerlimonade, kanarisches Fiesta-Schweinefleisch auf Kartoffelschnitzen. Das Leben, diesen Eindruck könnte gewinnen, wer den Roman schnell liest, besteht am Ende nur aus einer Reihe von banalen Konsumentscheidungen.
Autor Randt
Foto:Milos Djuric / DER SPIEGEL; Alexandra Polina / DER SPIEGEL
Aber erstens ist Konsum nicht zwangsläufig banal, nur weil es um Nudeln oder irgendein Getränk mit Ingwer geht. Wir leben schließlich im späten Spätkapitalismus und du bist, was du isst. Und kaufst, um ein besserer Mensch zu werden. Zweitens geht es in Leif Randts »Let’s talk about feelings« schon um Feelings. Und zwar um die ganz großen. Einsamkeit etwa und Trauer.
Marian Flanders, 41 Jahre alt, betreibt die coolste Boutique Westberlins. Leif Randt beschreibt die Mode, die Marian in seinem Store verkauft, todernst und genau, man sieht die Stange mit überteuerten Pseudo-Vintage-Shirts genau vor sich. Und man weiß auch, wie glücklich man sich selbst nach dem Kauf eines solchen Oberteils fühlen würde. Auch deshalb: No shame für Marian und seine oberflächliche Welt. Es ist unsere.
Schon in seinem letzten Roman, »Allegro Pastell«, hat Randt die Gegenwart so gut eingefangen, dass es ihm den wunderbaren Titel gegenwärtigster Gegenwartsautor eingebracht hat. In »Let’s talk about feelings« hat er sie noch einen kleinen Tick in die Zukunft gedreht.
Marian hat, so beginnt der Roman, gerade seine Mutter verloren. Sie zog ihn quasi alleinerziehend groß; sein Vater, ein berühmter Nachrichtensprecher, gründete nach der gescheiterten Beziehung zu Marians Mutter eine weitere Familie. Ein wirklicher Vater war er für Marian nie. Daher bringt der Tod seiner Mutter Marians Welt ins Schlingern, obwohl er es selbst nicht so benennt. Sowieso wird in diesem Roman nichts drastisch, niemand schlägt je über die Stränge, erst recht nicht Marian, der auch bei größter Beteiligung am Geschehen unbeteiligt wirkt.
Randt erzählt in einer ihm ureigenen Mischung aus kühler Distanz und Präzision – gleichzeitig bleibt immer etwas im Nebel, vor allem Trauer wird meistens ganz ausgespart. Vielleicht weil sie Marian fremd ist, er weiß ja selbst nicht genau, was er fühlt und wer er ist. Und weil das Verhältnis zu seiner Mutter ambivalent war. »Die unwirsche, kühle Mutter und ihr potenziell hypersensibler Sohn. Dass man sich auch im Streit sehr wohl mögen kann, ist etwas, das ich erst lernen musste«, sagt Marian an einer der wenigen Stellen, an denen er ihre Beziehung ansatzweise zu fassen kriegt. Denn so genau er seine Vorstellungen von Mode und Design formulieren kann, so wenig kann er das betasten und erzählen, was sich in ihm bewegt. Und dass sich da etwas bewegt, ahnen die Lesenden.
Die Platzierungen
In der Literatur verläuft das Übertreten einer Grenze oft parallel zur inneren Grenzübertretung: Der Held muss eine neue Welt bereisen, damit auch Platz in ihm selbst entsteht. Im echten Leben und bei Leif Randt läuft es anders, auch das macht diesen Roman so lesenswert. Klar, die Trauer macht Marian rastlos, deshalb die vielen Reisen. Am Ende seines Trauerjahres hat sich für Marian zwar viel getan. Er ist seiner Halbschwester nähergekommen, er hat einen neuen Job, und er hat sich verliebt. Aber Ekstase darf man nicht erwarten. Marian ist noch immer Marian. Und »die Ingwerlimonade, die streng genommen gar kein Ginger-Ale war, schmeckte exzellent«.
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