Zusammen mit einer Jury aus der Literaturwissenschaftlerin Eva Horn, der Kritikerin Miryam Schellbach, dem Autor Michael Maar und dem Philosophen Peter Sloterdijk hat die Literaturredaktion des SPIEGEL 100 Romane aus 39 Ländern ausgesucht. Deutschsprachige Bücher sind nicht dabei, die haben einen eigenen Kanon.
Hier kommen Sie zur Übersicht international.
Der kleine Band aus 16 Erzählungen mit dem laschen Titel »Fiktionen«, der 1944 in Buenos Aires erschien, hat nicht nur die lateinamerikanische, sondern die Literatur insgesamt revolutioniert. Borges räumte mit Lokalkolorit ebenso auf wie mit Liebesplots, Familiengeschichten und feinfühliger Introspektion. Nicht weil er nicht auch so was schreiben konnte, sondern weil er eine ganz andere Idee von Literatur hatte. »Ein mühseliger und strapazierender Unsinn ist es, dicke Bücher zu verfassen«, schreibt er im knappen Vorwort, »auf fünfhundert Seiten einen Gedanken auszuwalzen, dessen (…) Darlegung wenige Minuten beansprucht. Ein besseres Verfahren ist es, so zu tun, als gäbe es diese Bücher bereits, und ein Résumé, einen Kommentar vorzulegen.« Und so erfindet Borges Bücher, die nie geschrieben wurden, Autoren, die über ihrer Niederschrift zugrunde gehen, oder das absurde Unternehmen starten, ein bereits existierendes Buch noch mal zu schreiben (in der Erzählung »Pierre Menard, Autor des Quijote«).
Manchmal entwirft Borges auch einfach imaginäre Objekte, die – wie Literatur – bestimmte Formen der Weltdarstellung präsentieren: einen Punkt, von dem aus man alles sieht, was je existiert hat (»Das Aleph«, im gleichnamigen Erzählband); eine Enzyklopädie, die auf eine imaginäre Welt verweist (»Tlön, Uqbar, Orbis Tertius«); eine Bibliothek, die eine unendliche Anzahl an Büchern fasst (»Die Bibliothek von Babel«). Wie nur wenige Autoren spart sich Borges jedes überflüssige Detail in seinen ebenso konzentrierten wie rätselhaften Texten, denn ihm geht es nicht um süffige Lektüren, sondern um Literatur als Denkmodell. »Lesen«, so sagt er einmal in einem Interview, »ist Denken mit fremdem Gehirn.« Schreiben dagegen bedeutet, eine Wirklichkeit zu erfinden, die nicht einfach imaginär ist, sondern wie die fiktive Welt der Enzyklopädie in »Tlön, Uqbar, Orbis Tertius« langsam, aber sicher in die Realität einwandert. Wenn Literatur Denken ist, dann sind Philosophie und Religion, fand Borges, einfach nur besondere Formen fantastischer Literatur.
Und so macht er Literatur zur Philosophie – allerdings ohne den Jargon und die Abstraktion philosophischer Schinken. Was ist Unendlichkeit? Was ist das Verhältnis zwischen dem Imaginären und der Realität? Borges durchdenkt das in Form von Erzählungen, die auf den ersten Blick eine nachvollziehbare, wenngleich etwas seltsame Geschichte erzählen. Aber unter dem Plot tut sich eine andere Version des Geschehens auf, das alles noch einmal in neuem Licht erscheinen lässt. Die Welt, so zeigt sich, ist ein Labyrinth von alternativen Möglichkeiten, ein »Garten der Pfade, die sich verzweigen«, wie eine weitere Erzählung heißt. Aber während wir in der Wirklichkeit stets nur eine Möglichkeit wählen können, entwirft Borges Welten, in denen alle Alternativen gleichzeitig stattfinden.
Ein mögliches Gefäß dafür ist die Zeit: Sie »verzweigt sich ständig zahllosen Zukünften entgegen«, sagt ein Protagonist in dieser Erzählung. Ein anderes ist die Fiktion – und darum ist der Titel, den Borges seinem Band gab, vielleicht doch nicht läppisch, sondern programmatisch: »Fiktionen« sind für ihn nicht irgendwelche Erfindungen, sondern die unterschiedlichen Möglichkeiten, die wir ergreifen können – oder auch die verschiedenen Versionen, die sich von ein und demselben Geschehen erzählen lassen. So wie eine Möglichkeit in der Zeit, einmal ergriffen, alle anderen auslöscht, so straft im Erzählen eine Version die anderen Lügen. Aber Borges erzählt sie nicht nur alle gleichermaßen, sondern zeigt auch, welche heimlichen Interessen oder Verbrechen hinter jeder Variante stecken.
Die versammelten Texte in »Fiktionen« sind also nicht nur virtuose Detektivaufgaben für die Leserin, sondern auch eine Einübung ins Misstrauen gegenüber dem Gegebenen.