Zusammen mit einer Jury aus der Literaturwissenschaftlerin Eva Horn, der Kritikerin Miryam Schellbach, dem Autor Michael Maar und dem Philosophen Peter Sloterdijk hat die Literaturredaktion des SPIEGEL 100 Romane aus 39 Ländern ausgesucht. Deutschsprachige Bücher sind nicht dabei, die haben einen eigenen Kanon.
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Das schockierende Hauptmotiv klingt gleich auf den ersten Seiten an. Es ist einer historischen Zeitungsmeldung entnommen, die der afroamerikansichen Schriftstellerin Toni Morrison in die Hände fiel und zu ihrem Roman animierte. Diesen einen ungewöhnlichen Familienroman zu nennen, träfe es etwa so gut wie die Bezeichnung des Kilimandscharo als einer hübsche Erhebung.
Wie konnte es geschehen? Eine junge Mutter trennt ihrem geliebten Baby in einer Scheune mit der Säge die Kehle durch.
Nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs wurde 1865 die Sklaverei offiziell abgeschafft. Aber die geflohenen oder befreiten Schwarzen hatten keine Rechte und waren jahrzehntelang nicht vor Gewalt und Verfolgung sicher. Die Romanheldin Sethe sieht in einer Staubwolke die Sklavenjäger anreiten, die ihr die Kinder rauben werden. Sie weiß, was das für ihr Mädchen bedeuten würde. Ihre Verzweiflungstat ist ein Akt des Schutzes: Ihr Kind soll frei sein und nicht die Hölle durchleiden müssen, der sie entkam.
Dies der historisch halbwegs belegte Fall. Morrison erweitert ihn um ein entscheidendes metaphysisches Element. Das ermordete Kind spukt weiter als Geist. Sethe lebt nach ihrer Flucht mit ihrer anderen inzwischen erwachsenen Tochter in den Nordstaaten. Ein früherer Freund, ebenfalls der Versklavung entflohen, zieht bei ihr ein, sie werden ein Paar und wollen ein neues Leben beginnen; gäbe es nicht die Gespenster aus der blutigen Vergangenheit. Denn sie sind nicht zu dritt im Haus, sondern zu viert.
Das Dearly Beloved Baby rumort bei ihnen aus dem Jenseits – täglich und massiv. Der Geist stehe für die immer weiter schwärenden Traumata aus der Zeit der Sklaverei, für das Gespenst der Vergangenheit, die nicht vergehen kann – so steht es in den Lehrbüchern. Symbol, die hermeneutische Allzweckwaffe.
Aber Symbole emittieren kein rotes Licht, bringen nicht das Haus zum Erzittern und reißen Hündchen keine Augen heraus. In der afroamerikanischen Kultur und diesem Roman ist der ghost ein von niemandem angezweifelte Wirklichkeit. Der Hund weiß genau, warum er die Hütte auch im Winter nie mehr betritt. Von Symbolen weiß er nichts. Der Geist ist so real wie das Tischbein, mit dem Sethes Geliebter glaubt, ihn vertrieben zu haben.
Und es wird immer unheimlicher. Eine junge Frau sitzt plötzlich am Wasser, sie weiß nicht, wo sie herkommt, nichts passt zusammen bei ihrer Geschichte, sie verkehrt telepathisch mit Sethe, und auch sie nennt sich Beloved: Ist sie eine weitere Inkarnation des Baby-Geists? Durch die verzögerte Preisgabe der Information gelingt es Morrison, die Spannung zu steigern, die in einem Gespensterhaus ohnehin vibriert.
In manchem erinnert ihr Roman an William Faulkner. Sie behandelt die gleichen Themen der Rassenkämpfe in den Südstaaten, historisch um ein halbes Jahrhundert versetzt, und ist im Zeiten-Glissando ähnlich raffiniert. Immer wieder wälzt sich bei beiden die Vergangenheit wie eine Anakonda aus dem Untergehölz ans Bewusstseinslicht.
Es war darum keine Entscheidung der politischen Korrektheit, dass Morrison 1993 als erste afroamerikanische Autorin den Nobelpreis bekam. Es war eine Entscheidung für filigran überwältigende Kunst. In der anglo-amerikanischen Literaturszene gilt Morrison noch vor John Updike oder Philip Roth als das eigentliche Genie. Es sind nicht der Stoff und ihr Plot, es ist ihre Diktion: Ja, so sprachen die Sklaven damals untereinander, auch wenn es den Sensitive Readern heute den Angstschweiß auf die Stirne treibt. Jeder Dialogsatz ist echt, jedes Naturbild markant. Jede Gefühlsregung aus den dunklen Tinten gemischt, die das Leben, nicht die Literatur bereitstellt. Sucht und schickt Stil-Spürhunde aus, ihr findet kein falsches Wort.
Ist sie dabei leicht zu lesen? In jedes Kapitel pflanzt sie Sätze, die den Leser vor ein Rätsel stellen. In manchen Passagen sprießen solche Sätze wie Heckenrosen. Das macht die Lektüre dornig und verhindert allzu hastige Textdurchquerung. Wer spricht oder denkt gerade? Wo befinden wir uns, und in welcher Zeit? Ein easy read ist Morrison so wenig wie William Faulkner, aber beide belohnen die Leser reich. Morrison allerdings zerreißt uns das Herz.
Preisabfragezeitpunkt
17.10.2026 07.35 Uhr
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