Zusammen mit einer Jury aus der Literaturwissenschaftlerin Eva Horn, der Kritikerin Miryam Schellbach, dem Autor Michael Maar und dem Philosophen Peter Sloterdijk hat die Literaturredaktion des SPIEGEL 100 Romane aus 39 Ländern ausgesucht. Deutschsprachige Bücher sind nicht dabei, die haben einen eigenen Kanon.
Hier kommen Sie zur Übersicht international.
Seit mittelalterlichen Tagen träumt Europa von den Mirakeln des Ostens. Was es freilich nie begreifen konnte, war die Tatsache, dass der Orient für sich mehr eine Welt des Wartens als des Tuns war. Wer unter den launischen Wolken des Sultanats überleben wollte, musste die Flucht in die Unterwürfigkeit antreten. Mit der subversiven Erzählung über einen aus Abessinien geraubten, früh kastrierten schwarzen Palastsklaven stellt der türkische Autor und Komponist Zülfü Livaneli die Dinge richtig.
Istanbul zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Eine bleierne Ereignislosigkeit liegt über der Stadt, dann und wann durch eine öffentliche Strangulierung unterbrochen. Dasein im Modus osmanischer Launenherrschaft bedeutet: Sein zum Strick – für das Volk nicht anders als für die Großen, auch für den höchsten Herrn. Die einfachen Leute müssen sich mit der Erwürgung durch das grobe Seil begnügen, die Höheren haben Anrecht auf einen eingefetteten Lederriemen, um für immer atemlos zu werden, dem Fürsten ist der Seidenschal vorbehalten. Während melancholische Haremsdamen vergebens auf ihre Erwählung für eine Nacht warten, verbringt der entthronte Padishah seine Zeit in einer zugemauerten Suite des Topkapi Palasts im Warten auf den Tod. Seine einzige Zuflucht sind die Bauchwülste der dicksten Frau seines Reichs. Der Eingemauerte wird wider Erwarten als ein tapferer Mann sterben.
Aus einer glitzernden Sure der Unterwerfung wird im letzten Moment ein hohes Lied auf den Mut dessen, der seine Furcht auf sich nimmt. Ein deportierter, islamisierter, entmannter, mit jeder Erniedrigung vertrauter Afrikaner deutet an, stellvertretend für seine Glaubensbrüder in der Türkei und anderswo, Unterwerfung könne doch nicht das letzte Wort sein.
Diese Geschichte, die zunächst nur eine Groteske aus der Wunderkammer des Orientalismus zu sein scheint, beruht gleichwohl auf einer historischen Begebenheit, die sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts zugetragen haben soll. Das Mirakulöse an ihr liegt darin, dass Livaneli nur wenig dazu erfinden musste. Das Eunuchenwesen an den osmanischen Palästen ist eine kulturhistorisch bezeugte Tatsache, und dass Kastration nicht gleichbedeutend ist mit erotischer Neutralität, erfährt man auf glaubwürdige Weise aus dem Munde des Erzählers.
Wenn dieser beteuert, er habe eine von den unbeschäftigten Haremsfrauen zu seiner Geliebten gemacht, wird man ihm glauben müssen. Zudem lege er seine Hand dafür ins Feuer, dass eine von einem Eunuchen geliebte Frau keinen Unkastrierten mehr an sich heranließe. Dies klingt beunruhigend plausibel, obgleich er sein praktisches Geheimnis nicht offen darlegt. Ebenso gut bezeugt ist die Tatsache, dass es einen Padishah gab, der lange Jahre seines Lebens in Furcht und Zittern zubrachte, in ständiger Erwartung der stummen Henker, die eines Tages die Tür seiner Klausurzelle aufbrechen würden, um ihm das Schicksal zu bereiten, das zu den Fatalitäten des Daseins in der osmanischen Fürstenfamilie gehörte – von den eigenen Verwandten erwürgt zu werden, um Zweideutigkeiten hinsichtlich der Ansprüche auf den Thron auszuschalten. Darum waren Thronbesteigungen regelmäßig von Brudermorden begleitet.
Im gegebenen Fall war es die Fürstenmutter selbst, die den in seinem Harem überaktiv gewordenen Sohn internieren ließ, um ihn an der Zeugung unwillkommener Rivalen seines siebenjährigen Sprösslings zu hindern. Indem sie den Knaben als glänzenden Padishah inthronisieren ließ, machte sie so diskret wie unmissverständlich deutlich, dass sich noch im extremsten Patriarchat ein matriarchaler Kern verbirgt. Sie liefert einen leisen Hinweis, subversiver als jeder satanische Vers: auf die Herrschaft der Frau als Mutter durch den Sohn.