Album der Woche mit Metallica Das sehr, sehr lange Elend
Rockband Metallica
Foto:TimSaccenti / Universal Music
Album der Woche:
Metallica – »72 Seasons«
Man braucht nur etwas über eine Stunde Leidensfähigkeit und Geduld, um sich zum Schlüsselvers des neuen Albums der US-amerikanischen Rockband Metallica durchzuarbeiten: »Misereeeeey/ She needs me/ Oh, but I need her more«, kräht Sänger und Gitarrist James Hetfield in das gefühlt endlose Auf-und-ab-Wabern des elf Minuten langen Schlussstücks »Inamorata« hinein. Mehrfach. Misery, Elend also, ist die fragwürdigerweise weiblich konnotierte Geliebte, um die es hier und immer wieder in der über 40-jährigen Laufbahn dieser Band geht, eine Femme fatale, die zum Unglück verführt, die aber so faszinierend und inzwischen fast symbiotisch lebenserhaltend wirkt, dass man, genauer gesagt: Hetfield, von ihr nicht lassen kann.
Suff und Drogen, Depression und Düsternis; sich thrashend, also mit sinnbildlich dreschenden Gitarren, Trommeln, Bass und beschwörendem Gebell gegen diesen Sog zu stemmen, darauf haben Metallica seit 1981 eine erstaunliche Karriere aufgebaut. Das Quartett aus Kalifornien ist die wahrscheinlich größte und dauerhaft erfolgreichste Heavy-Metal-Band der Welt. Sie bräuchten schon lange keine neuen Platten mehr zu veröffentlichen, um ihre Stadiontourneen auszuverkaufen. Leider tun sie es doch immer wieder.
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Auf »72 Seasons«, dem elften Album, wird noch mal, in teilweise enervierender Monotonie, das sehr, sehr lange Elend heraufbeschworen und dann mit donnernden Riffs bombardiert. Wahrscheinlich soll das, wie in diesem Höllenlärm-Genre üblich, einen kathartischen Effekt haben. Nach fast 80 Minuten Spielzeit, in denen Hetfield noch einmal ein Best-of der maliziösesten Selbstkasteiung zelebriert, fühlt man sich tatsächlich erlöst, aber wahrscheinlich ganz anders, als es sich die Musiker vorgestellt haben. Der inspirierende Wert dieser endlosen Tracht Prügel bleibt gering.
Man versteht, warum Drummer Lars Ulrich, Gitarrist Kirk Hammett und Bassist Robert Trujillo sich das erneut antun, sie haben schlicht keine anderen Möglichkeiten, sich auszutoben: Wer bei Metallica spielt, darf keine Nebenprojekte betreiben, wurde irgendwann, wahrscheinlich vom ewigen Quälgeist Hetfield, verfügt: Keine andere Braut als die Band also – auch wenn zwischen neuen Album, so wie jetzt, sieben Jahre vergehen. Davor waren es acht. Das letzte irgendwie interessante Album, »St. Anger«, ist von 2003, die beiden Platten, die sich in den Neunzigerjahren zumindest um eine Öffnung des Sounds zum damals populären Grunge bemühten, »Load« und »Reload«, werden von den Metal-Ultras gehasst und sind als Wegweiser daher tabu: nicht die reine Lehre. Die Mainstream-Fans hingegen, die Metallica mit ihrem »schwarzen« Album von 1991 und melodischen Hits wie »Enter Sandman« oder »Nothing Else Matters« kennengelernt haben, warten seitdem auf neue Pop-Impulse. Vergeblich.
Denn Metallica praktizieren auch auf »72 Seasons« zum wiederholten Mal in diesem Jahrtausend eine Rückwärtsbewegung zu ihren ersten vier stilprägenden Thrashmetal-Alben, darunter »Kill `Em All« und »Master of Puppets«. Der Albumtitel verweist auf die formativen 72 Jahreszeiten, die der Mensch bis zu seinem 18. Lebensjahr durchläuft. Das Problem ist nur: Alle vier Bandmitglieder sind inzwischen um die 60 Jahre alt und haben ihre Dämonen weitgehend im Griff. Die Therapiestunden, die sie für sich und die Band absolviert haben, sind im Film »Some Kind of Monster« bereits 2004 hinreichend dokumentiert worden und haben den Mythos Metallica zusätzlich befördert, weil die Menschen hinter der Soundwand sichtbar wurden.
Ihre Geschichten sind längst spannender als die Musik: Alkoholiker Hetfield war 15 Jahre lang trocken, bevor er 2019 einen Rückfall erlebte und einen Entzug machte, Gefahr (vorerst) gebannt. »If Darkness had a son/ Here I am«, besingt er die eigene Suchtanfälligkeit in einem der besseren Stücke des neuen Albums. Der Seelenstrip des Sängers berührt durchaus auch in »Screaming Suicide« oder »Sleepwalk My Life Away«, aber die repetitiv dröhnende Musik bietet zu wenig Elastizität, um die Nuancen der Texte herauszustellen. Vieles, wie der Mittelalter-Hexenjagd-Murks »You Must Burn!« oder das reine Muskelspiel-Gewitter »Lux Æterna«, erstarrt in geübter Formelhaftigkeit – verfügt aber nicht mehr über die rohe, ungestüme Energie der Frühwerke. Wie könnte es auch? Metallica, das ist jetzt halt schon sehr lange mehr Mühle als Mähdrescher.
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So bleibt »72 Seasons« ein Brett, das sich ohne viel disruptiven Effekt in die Setlist-Architektur der kommenden Livekonzerte einfügen lässt. Es sind jetzt wieder Gitarrenriffs erlaubt, und auch der Bass darf sich hörbar entfalten, die eine oder andere Gesangsfigur ist originell – das sind so die Neuigkeiten für Nerds. Nach vorne geht hier musikalisch nichts mehr; es geht nur noch, mit spürbarer Anstrengung, zurück und landet bei einer Art Heavy-Metal-Bluesrock. Im Grunde ist dieses bei Weitem nicht schlechte oder misslungene Album wie jede neue Platte von AC/DC, einer anderen Band aus diesem kleinen Kreis global gültiger Rockbands, die die Bürde jugendlicher Großtaten mit sich herumschleppen: Das alte Leid wird halt noch mal durchgeleiert wie ein Echo, das immer schwächer wird. Der Rest ist cleveres Marketing. Oh, Misery! (6.0)
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Kurz abgehört:
Brutalismus 3000 – »Ultrakunst«
Was man in Berlin so macht? Natürlich eine neonbeleuchtete Kegelbahn irgendwo in einem Neuköllner Kneipenkeller entlangrennen und dabei so tun, als wär’s der Highway nach Las Vegas. So wie Victoria Vassiliki Daldas und Theo Zeitner alias V.D und T.Z. alias Brutalismus 3000 im Video zu ihrem bisher besten Track »Die Liebe kommt nicht aus Berlin«. Opas spielen Darts in dieser Kneipenszene, migrantische Flexer machen Stress, dazu zetert Daldas' verzerrt-verfremdete Stimme auf einen schnellen, stumpfen Retro-Techno, sodass es sich anhört wie eine diese scheinbar zusammenhanglos missmutigen, im Hinterhof nachhallenden Suffi- oder Druffi-Tiraden jener Nachtgestalten, die spätabends gerne zugeballert unterm Fenster langstromern: »Alles, was ich seh', ist Schmerz/ Durch die Nase ins Herz/ Willst du das wirklich alles ziehen?«.
Mit ein paar EPs und Auftritten sind solche grenzdepressiven Hymnen bei vielen pandemiegeschädigten und partyhungrigen Kids in den letzten Monaten offenbar bereits Kult geworden. »Ultrakunst« ist das Debütalbum, vollgestopft mit schön monoton nach vorne nickenden Umz-umz-umz-umz-Beats, die Ältere unwohlig schaudernd an die Neunziger und die Loveparade denken lassen. »Nu Gabber Post Techno Punk from Berlin with Love« nennt das Duo seinen Happy-Hardcore-Elektropunk-Stil. »Diese Stadt ist viel zu alt/ Ich will mehr Gewalt«, keift Daldas, das Anti-Blümchen, im letzten Stück zur triumphierenden Melodie der Raver-Fanfaren. Brutal, aber geil. (7.8)
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Wednesday – »Rat Saw God«
Brutal geht es auch in den Songtexten von Karly Hartzman zu, Sängerin der bereits viel bejubelten Indierock-Band Wednesday aus North Carolina. Gleich im ersten Stück ihres fünften Albums, dem ersten beim PR- und distributionsstärkeren Label Dead Oceans (u.a. Kevin Morby, Mitski), singt Hartzman über Zwangsvollstreckungen im ländlichen Raum der USA, wo der Kapitalismus nur noch »Hot Rotten Grass« vom amerikanischen Traum übrig lässt. »Bull Believer« ist ein gewaltiger, achtminütiger Fiebertraum, der vom »Mortal Kombat«-Daddeln auf der Konsole in ein Büffelschlachtfest übergeht und in einer Orgie aus Kreischen und Gitarrenlärm eskaliert. In der Musik der ironisch nach den britischen Sundays benannten Band kollidiert gniedelnder Southern Rock mit Pedal-Steel-Guitar (»Chosen To Deserve«) mit Neunzigerjahre-Grunge, süßer C86-Indiepop mit wütender Riot-Grrrl-Attitüde.
Chefgitarrist und hauptverantwortlich für diesen dystopischen Americana-Sound ist Jake »MJ« Lenderman, der 2022 sein auch sehr südstaatliches Album »Boat Songs« veröffentlicht hat. Zusammen mit Hartzman und dem Rest von Wednesday bildet er jedoch eine erzähl- und lautstarke Rockformation, die auf »Rat Saw God« ihre bisher größte Wirkmacht entfaltet. »Ran the chainsaw/ Till it ran out of gas«, singt Hartzman, die lakonische Göttin des Gemetzels, gegen Ende in »What’s So Funny« einem der zumindest musikalisch sanfteren Momente des Albums. Ist aber sicher nur die trügerische Ruhe vor dem nächsten Lärm-Tornado. (8.0)
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Yaeji – »With A Hammer«
Manchmal möchte man einfach nur einen großen Hammer nehmen und zurückdengeln, wenn einen die Zumutungen des Alltags mal wieder unsanft pochend aus dem Traum von Frieden und Freiheit reißen: Die junge US-koreanische Elektronik-Musikerin Yaeji macht auf dem metallisch verkanteten Titelstück ihres Debütalbums genau das: »Our worn little hearts/ Need time to heal and rest/ But he says/ It’s already time to wake up from my dream«, singt sie müde und lakonisch, dazu klonkt ein Beat, der an frühen Achtzigerjahre-Industrial erinnert: Construction time again.
Yaeji wurde in der New Yorker Szene mit verspielten Dance-Tracks bekannt, sie singt auf Englisch und Koreanisch, manchmal wechselt sie die Sprache in nur einem Vers, vielfach wurde sie schon mit dem schwedischen Elektro-Dance-Popstar Robyn verglichen. Ihr Debüt ist nun jedoch weniger tanzorientiert, enthält dafür komplexere Kompositionen: traurig-sphärische, fantasievoll illustrierte Meditationen über Rassismus gegen Asiaten (»Fever«), die betäubende Schwere von Zeit und Historie (»Passed Me By«) und Zorn über die Verhältnisse, den sie offenbar nur im Zaum halten kann, wenn sie sich in die Fantasywelt ihrer Trip-Hop-artigen Traummusik flüchtet. Aber hinter jeder lieblich gesungenen Strophe, jedem eskapistischen Synthie- oder Flötenmotiv kann sich die nächste disruptive Breakbeat-Attacke aus dem Alltag verstecken. Den Hammer, den Yaeji auf dem Cover über der Schulter trägt wie eine K-Pop-Version von Thor, gibt es wirklich. Sie hat angeblich zwei davon in ihrer Wohnung, selbst angefertigt. Für alle Fälle. (7.9)
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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)