Annie Lennox "Nostalgia": Neues Album exklusiv vorab hören - DER SPIEGEL
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Annie Lennox: Sie hat den Dschaas

Foto: Universal Music

Annie Lennox mit "Nostalgia" Eine Frau im allerbesten Alter

Madonna, bitte ein Beispiel nehmen! Mit "Nostalgia" kommt die bald 60-jährige Annie Lennox auch musikalisch im Herbst ihres Lebens an und verhilft Klassikern des Great American Songbook zu neuer Blüte. Hören Sie das glänzende Album hier vorab.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was ist mit einer Stilikone passiert, die ihre Karriere mit Punk begann, als androgynes Wesen mit stets raspelkurzen blondierten Haaren beim progressiven New Wave mitmischte und mit den Eurythmics eines der erfolgreichsten Popduos der letzten Jahrzehnte formierte, wenn sie plötzlich "Summertime" oder "God Bless the Child" singt? Und ein neues Album auch noch "Nostalgia" nennt?

Sie ist älter geworden. Und sentimental.

Daraus macht Annie Lennox keinen Hehl. Im Dezember wird die Schottin 60 Jahre alt. Und während Kolleginnen wie Madonna krampf(ader)haft versuchen, wie 30 auszusehen und ihre Musik so lange auf jung trimmen, bis es peinlich wird, besinnt sich Lennox auf Songs, die schon auf Grammofonen knisterten. "Ich bin im Herbst meines Lebens, deshalb wollte ich einmal ältere Lieder aufnehmen. Lieder, die mich mein ganzes Leben begleiteten." Fünf Solo-Alben hat der Star der Achtziger- und Neunzigerjahre nach dem Ende der Eurythmics aufgenommen, bei allen blieb sie sich und ihrem Stil mehr oder weniger treu.

Neuer Glanz für alte Lieder

Mit "Nostalgia" ist das anders. Lennox ging ein Wagnis ein - in doppelter Hinsicht. Zum einen versuchte sie sich erstmals an Jazz - oder "Dschaass", wie sie in feinem schottischem Akzent sagt. Zum anderen wählte sie ausgerechnet Lieder aus, die schon hundertfach eingespielt wurden und in vielen Versionen als lästige Fahrstuhlmusik ihr Dasein fristeten. "Ich habe mich bewusst für diese Lieder entschieden, ich wollte versuchen, ihnen wieder etwas von ihrer Würde und ihrem Glanz zurückzugeben", sagt Lennox.

Es scheint sehr angesagt, heutzutage Standards aus dem Great American Songbook aufzunehmen und der Zeit zwischen 1930 und 1960 eine Reverenz zu erweisen - entweder aus Marktkalkül, oder weil's um Kreativität und Karriere nicht mehr zum Besten steht. Jungstars wie Adele oder Michael Bublé sind auf eh dem Retro-Trip, Robbie Williams nahm ein Swing-Album auf, und jüngst holte sich selbst Lady Gaga den letzten Grandseigneur nach Sinatras Tod an ihre Seite: Tony Bennett.

Aber niemanden nimmt man die ernsthafte Beschäftigung mit den Songs mehr ab als Lennox. Man glaubt ihr, dass es keine Masche ist, weil es in Mode ist, sondern wirkliches Bedürfnis. Lieder von grandioser Schönheit und tiefer Traurigkeit und Melancholie hat sie für ihr Wagnis ausgesucht. Lennox misst sich an "I Put a Spell on You", das von niemandem inniger interpretiert wurde als von Nina Simone. Selbst vor Billie Holidays "Strange Fruit" macht sie nicht halt, wohlwissend, dass sie damit "geheiligten Boden" betritt. Ist der Protestsong doch der Inbegriff musikalischer Aufarbeitung von Schmerz und Gewalt im rassistischen Amerika.

Doch dank ihrer eindringlichen, emphatischen und unverkennbaren Stimme und der schmalen Orchestrierung (Lennox spielt bei den meisten Songs selbst das Klavier) gelingt der Schottin das Experiment. Nun kann man mantrahaft beklagen, dass dem Musikbusiness die Innovationskraft fehlt und viele Künstler sich auf Vergangenes beziehen. Man kann aber auch einfach einmal akzeptieren, dass Songs wie Duke Ellingtons "Mood Indigo" oder "The Nearness of You" inzwischen Klassiker sind, die immer wieder neu interpretiert werden. So wie Schuberts Winterreise auch seit 1827 immer wieder neu interpretiert wird. Why not?

"Nostalgia" erscheint am 24. Oktober bei Universal Records - aber Sie können hier schon vorab hineinhören: SPIEGEL ONLINE präsentiert das Pre-Listening des neuen Albums von Annie Lennox.

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