Bernd Begemann Singspiel unter Strom
Bernd Begemann hat mehr als ein Dutzend Langspielplatten veröffentlicht, wurde von der "Süddeutschen Zeitung" zum "großen Pop-Entertainer" ernannt, aber auch von der "Brigitte" empfohlen; seine Songs wurden von Blümchen und den Prinzen gesungen und von Heinz Hoenig gebrummt. Sein Wohnzimmer war im Fernsehen und er selbst Hauptfigur eines Dokumentarfilms. Bernd Begemann ist dem ostwestfälischen Bad Salzuflen entkommen, lebt mit Frau und dem einjährigen Töchterchen in Hamburg und wird am 1. November 44 Jahre alt. Da wird es Zeit, größenwahnsinnig zu werden und ein "Pop-Singspiel in vier Aufzügen" aufzunehmen.
Dieses Singspiel trägt den hoffnungsvollen Titel "Ich werde sie finden" und soll, so meint der Komponist, "eine Geschichte wie von Philipp Roth oder John Updike" erzählen, die wiederum "meine Geschichte und die meiner Zeitgenossen" ist, weil sich "die deutsche Gegenwartsliteratur doch vor den wirklichen Themen drückt".
Das Werk, mit seinen auf vier Kapitel aufgeteilten 16 Liedern, die sehr genau Menschen und ihre menschlichen Nöte beobachten, ist zweifellos das, was man früher abschätzig und noch viel früher bewundernd ein Konzeptalbum nannte. Da freut sich der Künstler: "Konzeptalbum ist ein hässliches Wort, was?" Auf der neuen Platte singt er noch mehr hässliche Wörter wie "Mitteleuropa", "Waschbeton" oder "Sportunfall".
Ein Reim auf Deutschland
Aber für hässliche Wörter hatte Begemann schon immer etwas übrig. Hässliche Wörter muss manchmal singen, wer in seinen Liedern von diesem Land sprechen will. Dabei aber sieht er immer noch genau hin, sieht den "Parkplatz vor der Großraumdisco", hört "Deephouse in Diepholz".
Als "Chronist des Alltags" will er sich trotzdem nicht bezeichnet sehen, denn "das klingt so langweilig, das will man nicht sein", aber nichtsdestotrotz erzählt er beim Malzbier von diesem, seinem Land, "das zerbröselt, wenn man die Hand ausstreckt". Erzählt von der "Rastlosigkeit", von "diesem Glanz, dieser düsteren Konsolidierung", die er spürte auf seinen Reisen durch Deutschland und die seine Musik diesmal ausstrahlen sollte.
Deshalb hat er, der sich einst selbst ganz bewusst "elektrischer Liedermacher" taufte, um auf die eigentlich verpönte Tradition aus klampfenden Bartträgern zurückzugreifen, auf "Ich werde sie finden" erstmals ausgiebig mit Elektronik improvisiert. Der umtriebige Thies Mynther, Mitglied bei Stella, Superpunk, Bierbeben und Phantom/Ghost, wurde engagiert, um einige flotte Beats zu programmieren. Der Liedermacher ist endgültig unter Strom gesetzt.
Auf dem Cover prangt trotzdem die Fotografie einer Turnerin, farblich verfremdet wie es in den westdeutschen Siebzigern modern war. Auf der Rückseite das schlichte Bild eines grauen, zweistöckigen Wohnhauses mit Garagen im Keller und ausgebautem Dachgeschoss, wie es in bundesdeutschen Vorstädten häufig zu finden ist. Im Booklet posiert der Sänger in Literatenpose als "vielversprechender junger Lied-Komponist, der seine eigenen Werke auch selbst singt".
Alle drei Abbildungen zusammen bebildern recht gut das Schaffen von Begemann: Denn das changiert ohne Unterlass zwischen funkelnder Selbstironie und verzweifeltem Provinzfrust, überzeugter Kleinbürgerlichkeit und nicht ganz ernst gemeinter Großmannssucht, einem feinen Gespür für Stil und dem gleichzeitigen Willen, für einen Lacher keinen Fettnapf unberührt stehen zu lassen.
Reifen statt raffen
All diese Qualitäten gelangen auf der Bühne zu höchster Blüte, denn dort kommt Begemann ganz zu sich selbst. Begemann ist Rampensau aus Überzeugung, er genießt das grelle Licht, lamentiert, diskutiert, schüttelt und quält seine Gitarre, improvisiert, verhaspelt sich und spielt mit dem Publikum. Begemann zieht sich aus. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn bei seinen Auftritten fällt unter der Hitze der Bühnenscheinwerfer schnell das Jackett und gibt den Blick frei auf gewaltige Schweißflecken im Achselbereich des eng gewordenen lachsrosa Herrenhemdes.
Familienleben und Alter haben dem Sänger zugesetzt: Seine Gitarre, die Verstärker und sein etwas dicker gewordenes Selbst karrt er nun im ausladenden Kombi eines renommierten Herstellers ohne Coolnessfaktor von Auftritt zu Auftritt. Mehr als hundert Mal tritt Begemann auf pro Jahr, schleppt seine Verstärker selbst und fragt den Veranstaltungstechniker: "Wo ist denn bitteschön die Steckdose?" Seine wirtschaftliche Grundlage schätzt er selbst als "mittelständisch ohne große Reserven" ein, "aber meine Aufgabe ist es Literatur zu schaffen, nicht meine Kundschaft zu maximieren".
Mit Wehmut denkt er zurück an den "goldenen Audi 90", den er vor der "Familienkutsche" besaß, aber "eines Tages wollten sie mich nicht mehr mit ihm vom Hof der Werkstatt lassen". Ähnlich trauert er in seinen Songs: Kaum jemand hat hierzulande so wundervoll melancholisch, aber auch so vergnügt das Leben und seine Wirrnisse seziert.
Im Song "Gestern Nachmittag im Supermarkt" zum Beispiel streitet sich der Protagonist des Singspiels mit der neuen Liebschaft "wegen des Abendessens". Ein anderes Mal wird gefragt, wie er denn so ist, "Unser Sex nach zwei Jahren". Kurz und gut: "Wir sind alle gefangen in der Ikea-Falle".
Begemann ist eben doch, auch wenn er es kokett nicht sein will, ein Chronist des Alltags, wie es sonst keinen gibt in dieser Republik.
Bernd Begemann: "Ich werde sie finden" (Begafon/ Indigo)