Platz 4 beim ESC Der Michael nervte nicht
Michael Schulte singt "You Let Me Walk Alone" für Deutschland im Finale des ESC
Foto: Jörg Carstensen/ dpaDieser vierte Platz für Deutschland beim ESC 2018 fühlt sich ein wenig an wie der dritte Platz für Deutschland bei der WM 2006 - wie ein Sieg zumindest der Herzen. Die Überraschung, unerwartet so weit gekommen zu sein, wirkt segensreicher als der geglückte Griff nach einer erwarteten Krone. Wie ist der Erfolg von Michael Schulte zu erklären?
Zunächst damit, dass im Vorfeld stets die falschen Fragen ventiliert werden. Wie fit sind Stimmbänder und Sprunggelenke? Welche Taktik, welches Kalkül verbirgt sich hinter dieser oder jener Präsentation? Was macht die Tagesform? Solche Analogien werden eher aus Hilflosigkeit bemüht. Ein Gesangswettbewerb ist, auch wenn er etwa mit olympischem Einlauf der "Athleten" diesen Eindruck erwecken will, keine sportliche Veranstaltung. Sondern eine Art Auktion, auf der Zuneigungspunkte gesammelt werden, ein internationaler und entsprechend emotionaler Sympathiewettbewerb.
In einem solchen hat ein Koloss mit 80 Millionen (um an dieser Stelle ausdrücklich nicht Max Giesinger zu zitieren) Einwohnern, der das übrige Europa ökonomisch und damit auch lebensweltlich an die Wand drückt, beim Publikum prinzipiell schlechtere Karten als, sagen wir, ein randständiger Zwergstaat mit putziger Folklore. Es ist, um im Bild zu bleiben, als träte der FC Bayern im Synchronschwimmen an. Wäre ihm zu wünschen, das auch noch zu gewinnen?
Deutschland muss beim ESC bescheiden auftreten
Deshalb waren die beflissenen deutschen Mitschwimmversuche im Mainstream in den letzten Jahren so erfolglos. Deshalb ist die Überraschung über das gute Abschneiden von Schulte so groß und das Aufatmen beim Boulevard ("Europa hat uns wieder lieb!") berechtigt. Mag sein, dass ukrainische Vampire brennende Klaviere bearbeiten oder dänische Wikinger sich gegenseitig die Bärte kraulen dürfen - die deutsche Entsprechung, auf die Spitze getrieben, wäre eine Performance von Rammstein (oder Helene Fischer) und in diesem Wettbewerb chancenlos.
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Offenbar wird nicht der triumphale Einmarsch gern gesehen, an dessen ironischer Brechung sich Stefan Raab und Guildo Horn einst versuchten. Nein, ein europäisches Publikum ist Deutschland nur dann gewogen, wenn es bescheiden auftritt und etwas ahnen lässt, das aus der Ferne als Ehrlichkeit erkennbar ist.
Das galt 2010 für Lena mit ihrer ausgestellten Niedlichkeit, das galt 1999 für Sürpriz (Platz 3) mit ihrem betonten Multikulturalismus - und es galt erst recht 1982 für Nicole, mit der Deutschland, zart und verhuscht, sich schlicht "Ein bißchen Frieden" wünschte.
Schlichte Performance ganz ohne Akrobatik
Es gilt auch für Michael Schulte, dessen schlichte Performance ganz ohne Akrobatik, allzu große Gesten, professionelle Stylisten, ohne Choreografie oder einen für Suchmaschinen optimierten Künstlernamen auskam. Der Michael halt, wie er ein berührendes (und berühren wollendes) Lied über seinen Papa singt. Was man ihm, gerade weil er tief anfliegt statt hoch zu stapeln, irgendwie glauben will. Voilà, douze points!
Dem deutschen Selbstbild entspricht dieses Auftreten nur bedingt, was ebenfalls sympathisch und beinahe dissident wirkt. Zu keinem Zeitpunkt war Michael Schulte - Fanfare! - "unser Star für Lissabon", Ausrufezeichen. Stars werden eben nicht mehr notwendigerweise gemacht. Sie machen sich selbst - im basisdemokratischen Forum von Youtube, dem öffentlichen Probe- und Lebensraum einer neuen Generation von Künstlern.
Weshalb seine Erfolgsgeschichte nebenbei auch vom Bedeutungsverlust der üblichen medialen Mechanismen erzählt. Schulte reiste gewissermaßen privat nach Portugal. Schon der Vorentscheid ging diesmal komplett am Interesse der breiten Öffentlichkeit vorbei. Im Internet mag er Millionen von Klicks sammeln. Im Radio aber bekam "You Let Me Walk Alone" bisher kaum Airplay, obwohl es handwerklich und inhaltlich auf dem gleichen Niveau spielt wie die marktkonformen Innerlichkeitsballaden, vor denen doch sonst so gar kein Entkommen ist.
Michael Schulte hat nicht genervt. Und wenn Deutschland nicht nervt, tja, dann ist offensichtlich schon viel gewonnen.
Die Ergebnisse des ESC 2018 im Überblick
| 1. ISRAEL - Netta ("Toy"): 529 Punkte | |
| 2. ZYPERN - Eleni Foureira ("Fuego"): 436 Punkte | |
| 3. ÖSTERREICH - Cesár Sampson ("Nobody but you"): 342 Punkte | |
| 4. DEUTSCHLAND - Michael Schulte ("You let me walk alone"): 340 Punkte | |
| 5. ITALIEN - Ermal Meta Fabrizio Moro ("Non mi avete fatto niente"): 308 Punkte | |
| 6. TSCHECHISCHE REPUBLIK - Mikolas Josef ("Lie to me"): 281 Punkte | |
| 7. SCHWEDEN - Benjamin Ingrosso ("Dance you off"): 274 Punkte | |
| 8. ESTLAND - Elina Nechayeva ("La forza"): 245 Punkte | |
| 9. DÄNEMARK - Rasmussen ("Higher ground"): 226 Punkte | |
| 10. MOLDAU - DoReDoS ("My lucky day"): 209 Punkte | |
| 11. ALBANIEN - Eugent Bushpepa ("Mall"): 184 Punkte | |
| 12. LITAUEN - Ieva Zasimauskaite ("When we're old"): 181 Punkte | |
| 13. FRANKREICH - Madame Monsieur ("Mercy"): 173 Punkte | |
| 14. BULGARIEN - Equinox ("Bones"): 166 Punkte | |
| 15. NORWEGEN - Alexander Rybak ("That's how you write a song"): 144 Punkte | |
| 16. IRLAND - Ryan O'Shaughnessy ("Together"): 136 Punkte | |
| 17. UKRAINE - Mélovin ("Under the ladder"): 130 Punkte | |
| 18. NIEDERLANDE - Waylon ("Outlaw in 'em"): 121 Punkte | |
| 19. SERBIEN - Sanja Ilic Balkanika ("Nova deca"): 113 Punkte | |
| 20. AUSTRALIEN - Jessica Mauboy ("We got love"): 99 Punkte | |
| 21. UNGARN - AWS ("Viszlát nyár"): 93 Punkte | |
| 22. SLOWENIEN - Lea Sirk ("Hvala, ne"): 64 Punkte | |
| 23. SPANIEN - Alfred Amaia ("Tu canción"): 61 Punkte | |
| 24. GROßBRITANNIEN - SuRie ("Storm"): 48 Punkte | |
| 25. FINNLAND - Saara Aalto ("Monsters"): 46 Punkte | |
| 26. PORTUGAL - Cláudia Pascoal ("O jardim"): 39 Punkte |