Etablierte Stars wie Udo Lindenberg räumen beim "Echo" ab - DER SPIEGEL
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Echo-Verleihung Ein Kuss, Skandal, Skandal!

Wer noch halbwegs auf den Beinen ist, der war dabei: Bei der "Echo"-Verleihung räumten Altstars ab, jeder Mainstream-Musikstil klang kurz mal an, und auch der Verstorbenen wurde gedacht. Immerhin die Moderatorinnen gaben sich redlich Mühe, die blutleere Veranstaltung ein wenig aufzupeppen.
Echo-Verleihung: Ein Kuss, Skandal, Skandal!
Echo-Verleihung: Ein Kuss, Skandal, Skandal!

Echo-Verleihung: Ein Kuss, Skandal, Skandal!

Foto: FABRIZIO BENSCH/ REUTERS
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von Marilyn Manson mag man halten, was man will - als Sänger von Rammstein ist er eine Niete. Und Rammstein wirken ohne Till Lindemann ungefähr so bedrohlich wie ein kopfloses Huhn. Den musikalischen Höhepunkt bei der "Echo"-Verleihung lieferten dann doch eher Bap und Wolfgang Niedecken, der für sein Lebenswerk geehrt wurde und mit Clueso, Campino und Thomas D auf der Bühne stand. Sein Auftritt konnte dabei durchaus als Metapher auf die Zeit gehört werden, als die Plattenindustrie noch so etwas wie Geld verdient hat: "Verdammt lang her".

Blöde Skandale gab es auch, wobei das wahrscheinlich im Auge des Betrachters liegt. Ist es ein Skandal, wenn der "Skandalrapper" Sido ganz unanständig mit der phallischen Trophäe spielt? Oder wenn die beiden professionell aufgekratzten Moderatorinnen Ina Müller und Barbara Schöneberger sich sekundenlang auf den Mund küssen? Jedenfalls gaben sich die beiden mit ihren Zoten alle Mühe, die blutarme Veranstaltung ein wenig aufzupeppen. Wie nebenbei brachte denn auch Schöneberger auf den Punkt, woran die "Echo"-Verleihung als Hochamt der Tonträgerindustrie krankt: "Das Ganze basiert natürlich auf Verkaufszahlen". Natürlich, worauf sonst? Unterhaltung für Leute, die auf die Frage nach ihrer Lieblingsmusik mit dem Namen ihres favorisierten Formatradiosenders antworten.

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Echo-Verleihung: Küsschen!

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Deshalb fühlte man sich über weite Strecken wie auf einer langen Fahrt über die nächtliche Autobahn, wenn die Musik trotz wechselnder Sender gleich bleibt. Da ist dann immer "für jeden was" dabei, von Industrial über Techno und HipHop und R'n'B und Punk bis zur volkstümlichen Musik, die sich vom befindlichkeitsseligen Deutschpop kaum mehr unterscheidet. Aus allen verkäuflichen Genres das Bestverkaufte. Seltsame Dinge fallen auf, wenn alles wahllos hintereinander weggespielt wird. Silbermond klingen ja interessanter als die Toten Hosen! Frida Gold sieht mit Glatze toll aus! Casper krächzt sogar dann heiser, wenn er normal spricht! Udo Lindenberg nuschelt gar nicht so schlimm, wenn er wirklich etwas sagen will ("Hinterm Lebenswerk geht's weiter, und wie das weitergeht, yeah!"). Und Lana del Reys Hit lasziver Schlafzimmerhit "Video Games" klingt ohne die Hochglanzproduktion der Single nur noch müde. Bei alledem wirkte das unanimierte Publikum im Saal so sediert, dass man sich bisweilen sogar Applaus und Stampfer vom Band gewünscht hätte. Immer wieder herrschte gähnender Leerlauf, während Leute irgendwo hingingen oder herkamen oder umständlich Umschläge aufnestelten. Eigenartig auch die drei Ebenen, auf denen die Show moderiert wurde. Neben dem klamaukigen Duo aus Schöneberger und Müller gab's noch einen Sprecher aus dem Off, der das Hin- und Hergehen live kommentierte, sowie ungelenke PR-Erklärtexte aus der Konserve, in denen dann beispielsweise über die "wilde Welt des charismatisch-provokanten Frontmanns Campino" schwadroniert wurde. Mit Blick auf den anwesenden Mainstream dann doch zuverlässig subversiv war nur der Witz von Jan Delay: "Und jetzt kommen die Nominierten im Bereich 'Best Regional Dubstep'"

Passend zur Retromanie wurden auch die Verstorbenen ausreichend gewürdigt. Wie Whitney Houston, über deren "I Will Always Love You"-Videoclip wir uns noch einmal freuen durften. Lange nicht gehört. Houston geht also ein in die "Echo Hall Of Fame", die man sich wohl als eine Art glückliches Pop-Walhalla vorstellen muss und in die "selbstverständlich auch Amy Winehouse" eingeht, wenn auch ohne eigenes Video. Dafür singen vier Damen plus Ina Müller "Valerie" und machen dadurch den Verlust noch einmal richtig spürbar.

Ansonsten waren bei diesem Panoptikum des Pop alle im Bild, die noch halbwegs auf den Beinen sind. Wer nicht auf der Bühne "performte", der wurde im Publikum gezeigt. Wer nicht im Publikum hocken und gucken konnte, der wurde per Video eingespielt. Und wer nicht eingespielt wurde, der wurde wenigstens erwähnt. Was im Laufe dieses allzu langen Abends kurioserweise die Künstler immer sympathischer und interessanter machte, die gar nicht erst aufgekreuzt waren. Rosenstolz zum Beispiel. Vor allem aber Till Lindemann.


Die Gewinner im Überblick:

Album des Jahres: Adele ("21")

Künstler national Rock/Pop: Udo Lindenberg

Künstler international Rock/Pop: Bruno Mars

Künstlerin national Rock/Pop: Ina Müller

Künstlerin international Rock/Pop: Adele

Gruppe national Rock/Pop: Rosenstolz

Gruppe international Rock/Pop: Coldplay

Deutschsprachiger Schlager: Helene Fischer

Volkstümliche Musik: Andreas Gabalier

HipHop/Urban: Casper

Gruppe Rock/Alternative national: Rammstein

Gruppe Rock/Alternative international: Red Hot Chili Peppers

Crossover: Michael Bublé

Newcomer national: Tim Bendzko

Newcomer international: Caro Emerald

Hit des Jahres: Gotye ft. Kimbra ("Somebody That I Used To Know")

Bestes Video national: 23

Radio-Echo: Jupiter Jones

Produzent national: Andreas Herbig, Henrik Menzel, Peter Seifert für Udo
Lindenberg und Andreas Bourani

Kritikerpreis: Modeselektor

Lebenswerk: Wolfgang Niedecken

Ehren-Echo soziales Engagement: Unheilig

Hall Of Fame: Whitney Houston, Amy Winehouse