Hiromi in der Elbphilharmonie: Wo sie spielt, ist die Welt ein guter Ort - DER SPIEGEL
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Hiromi in der Elbphilharmonie: Sophisticated Lady

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Muga Miyahara/Concord Records

Pianistin Hiromi Wo sie spielt, ist die Welt ein guter Ort

Ihr neues Album ist wie eine Bergwanderung: Am Gipfel anzukommen, ist pures Glück. Die Pianistin Hiromi ist derzeit die aufregendste Jazzmusikerin der Welt. Jetzt spielte sie in der Elphi - und begeisterte auch Zufallsbesucher.
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Auf der Eintrittskarte stand schlicht: Hiromi, Klavier. Besser hätte da gestanden: Hiromi, Blitz. Oder: Hiromi, Donner. Oder: Hiromi, Beben.

Aber von vorn. Die Elbphilharmonie in Hamburg hat das Schicksal, dass viele ihrer Gäste nicht zwingend wegen der Künstler kommen, sondern weil noch immer der Bau anlockt. Die einen haben eine Incentive-Reise gewonnen, bei anderen ist das Ticket im Kontingent ihres Hotels enthalten. Und so warteten auch beim Konzert von Hiromi an den Eingangstüren Hostessen, die Schilder hielten, auf denen "BMW Excellence Club" stand (Mitglied darf werden, wer sich einen 7er gekauft hat). Und im Saal saßen auch Leute, die vor dem Konzert noch rasch auf Wikipedia nachschauten, wem sie denn da gleich lauschen werden.

Die Elbphilharmonie hat deshalb auch das Schicksal, dass viele Leute dann während des Konzerts gehen - insbesondere bei Jazzkonzerten. Foto gemacht, WhatsApp geschickt, genug gehört. Unvorbereitet trifft mitunter das Publikum, was da im Großen Saal dargeboten wird.

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Hiromi in der Elbphilharmonie: Sophisticated Lady

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Muga Miyahara/Concord Records

Bei Hiromi Uehara, die sich selbst kurz Hiromi nennt, blieben alle. Bis zum Schluss. Schon gleich zu Anfang schallte es aus dem Auditorium "We love you". Als sie nach einer rund 20-minütigen Improvisation über George Gershwins "Rhapsody in blue" erschöpft den Höhepunkt des Konzerts erreicht hat, riss es die Leute von den Sitzen, Standing Ovations noch vor dem eigentlichen Ende des Konzerts. Es war auch der Höhepunkt fürs Publikum.

Im Video: Hiromi spielt solo das Titelstück ihres neuen Albums "Spectrum"

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40 Jahre alt ist die Japanerin jetzt, seit 20 Jahren tritt sie auf, und es ist ein Rätsel, warum sie noch immer als Geheimtipp gilt. Eine "dämonische Energie" wurde ihr zugesprochen, als "Jimi Hendrix des Klaviers" wurde sie bezeichnet, als "Akrobatin an den Tasten". Und es stimmt ja: Als sie vor ein paar Jahren schon einmal in Hamburg auftrat - damals mit ihrem Trio in der Fabrik - raunte jemand beim Rausgehen: "Das war kein Konzert, das war eine Machtdemonstration".

Es gibt derzeit niemanden unter den Jazzpianisten, der sein Instrument besser beherrscht als Hiromi. Konzerte von ihr sind eine Leistungsschau, wozu die Kombination Mensch und Instrument zusammen imstande sind. Vertrackte Kaskaden, verträumte Miniaturen, vehemente Läufe - die Musikerin, die im Dezember als eine der wenigen Frauen das Cover des amerikanischen Jazzmagazins "Downbeat" zieren wird, entlockt dem Piano Töne wie Dompteure Tieren Zirkus-Kunststückchen.

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Hörgenuss mit Nachhall

Kaum jemand ist so vielseitig wie sie. Egal ob im Trio, solo, im Duo mit Partnern wie dem Pianisten Chick Corea, dem Harfenisten Edmar Castaneda oder als Sidekick des Tokyo Ska Paradise Orchestra  - Hiromis Virtuosität und Spielfreude veredeln jeden Song. Seit ihrem sechsten Lebensjahr wurde Hiromi von ihrer Lehrerin Noriko Hikida unterrichtet. "Ich liebte sie, zwölf Jahre habe ich bei ihr studiert, sie war einzigartig", so Hiromi in einem Interview. "Gerade für Kinder ist es schwer, die ganzen musikalischen Begriffe zu verstehen, die Ausdrucksweisen, die Zeichen, die italienischen Worte".

Wenn das Notenblatt sie nicht ansprach, malte ihre Lehrerin mit bunten Farben darin rum, rot für expressiv, blau für melancholisch, kleine Gesichter für Passagen, die wie Gesang klingen sollten. Von Hikida bekam Hiromi auch ihre ersten Jazzplatten. Erroll Garners "Concert by the sea" und Oscar Petersons "We get request". Seither liebt sie das Stride-Piano, das Akkord-Spiel, das die beiden US-Künstler so kultivierten. 1999 zog es sie selbst in die USA, am Berklee College of Music in Boston begann sie zu studieren, nachdem sie zuvor schon mit 14 im tschechischen Nationalorchester spielte und für Konzerne wie Nissan Jingles komponierte.

Im Video: Hiromi mit Chick Corea und ihrer Komposition "Old Castle, by the River, in the Middle of a Forest"

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In Hamburg stellte Hiromi ihr neues Soloalbum vor, "Spectrum" ist ihr vierzehntes - eine Platte, die sich wieder um Farben dreht, wie damals bei ihrer Lehrerin. Ein Album, auf das man sich einlassen muss wie auf eine Bergwanderung. Am Gipfel angekommen ist es pures Glück. Hiromi bietet keine Bits und Pieces aus Playlists des Spotify-Ordners beim Gang durch die Einkaufspassage, vielmehr Hörgenuss mit Nachhall.

Im Auftaktstück "Kaleidoscope" jagt sie die Noten wie Nullen und Einsen durch eine Datenautobahn, ihre zarten Finger stürzen wie Fallbeile auf die Tastatur. In "Yellow Wurlitzer Blues" steht sie vor dem Klavier und betätigt die Hämmer des Pianos mit der Hand, um einen kraftvolleren und erdigeren Sound hinzubekommen. Die Ballade "Whiteout" hat sie im Winter im Schnee komponiert, sie tupft sie dahin wie ein Gemälde. Ergreifend, nie kitschig. Eingängig, nie einfältig. Wenn "Spectrum" eine Reise durch die Farben ist, dann muss man sagen: Hiromis Welt ist bunt, ihre Musik macht sie schöner.

2003 trat sie mal in Münchens Jazzclub "Unterfahrt" auf, ein Kritiker monierte damals, wenn es darum ginge, "nicht zu protzen und zu plaudern, sondern zu erzählen und zu gestalten, dann fehlen ihr die Geschichten". Es sei "ein vordergründiges, effektvolles Konzert" mit viel Rhetorik gewesen, "aber wenig Originalität".

16 Jahre später und 16 Jahre älter sind ihr diese Geschichten widerfahren, und sie übersetzt sie hinreißend in Musik. "Blackbird" spielt sie weniger verkopft als Brad Mehldau, der sich ebenso an dem Beatles-Song versuchte, "Sepia Effect" ist eine so emotionale Ballade, die nur Menschen mit einem Gemüt aus Beton unberührt lässt.

Die Fukushima-Reaktorkatastrophe 2011 in ihrem Heimatland beschäftigte sie sehr, immer wieder verarbeitete sie das Unglück bei ihren Auftritten. Hiromi wirkte dann sehr sensibel, so wie auch bei einem Konzert 2009, wo sie ihre Eigenkomposition "Place to be" spielte und ihr selbst die Tränen liefen, weil sie beim Spiel um einen ihr nahestehenden Menschen trauerte. "Sie muss ein Engel auf Erden sein", war ein Kommentar unter dem YouTube-Mitschnitt, "diese Dynamik, absolut ein anderer Planet", ein zweiter, "ihre Musik berührt Geist, Körper und Seele" ein dritter.

Auch nach dem Hamburger Konzert liefen die Leute wie beseelt in die Nacht. Wieder so eine Machtdemonstration, eine Macht, die man gern immer und immer wieder wählt.

Im Video: Hiromi solo spielt ihre Komposition "Place to be"

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Anmerkung: In einer früheren Fassung war der Name des Gitarristen und Sängers Jimi Hendrix falsch geschrieben. Das ist quasi unentschuldbar, daher machen wir gar nicht erst den Versuch einer Entschuldigung. Korrigiert haben wir den Fehler freilich schon.

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