Igor Levit: Jüdischer Pianist hat Grundvertrauen in Deutschland verloren - DER SPIEGEL
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Jüdischer Pianist Igor Levit sagt, er habe das Grundvertrauen in Deutschland verloren

Als Jude in Deutschland vermisst der Musiker Igor Levit Empathie der deutschen Bevölkerung nach dem 7. Oktober. Deutliche Worte findet der Pianist in einem Interview mit der »Zeit« zu Greta Thunberg und Luisa Neubauer.
Musiker Levit (beim Festival der Nationen in Bad Wörishofen): »Ihr seid in Gefahr!«
Musiker Levit (beim Festival der Nationen in Bad Wörishofen): »Ihr seid in Gefahr!«

Musiker Levit (beim Festival der Nationen in Bad Wörishofen): »Ihr seid in Gefahr!«

Foto: Bernd Feil / MiS / IMAGO

Der Pianist Igor Levit, der 1995 als Achtjähriger mit seiner Familie als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland gekommen ist, fühlt sich nach dem Massaker der Hamas in Israel am 7. Oktober »so allein wie noch nie«. Das sagte er in einem Interview  mit »Zeit«-Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo. Demnach erkennt er zwar die Gesten und Bilder der politischen Parteien in Deutschland an, vermisst aber »Gesten aus der Bevölkerung«. Empathie sei »dann wahrhaftig, wenn sie nicht erzwungen wirkt«.

Die seiner Beobachtung nach fehlende Empathie habe bei ihm dazu geführt, »dass ich mein Grundvertrauen in das, was Gesellschaft in Deutschland ist, verloren habe«, so Levit. Er habe mit dem Gedanken gespielt, Deutschland zu verlassen, sei aber noch nicht so weit.

Inzwischen komme bei ihm ein »Wutmoment« hinzu: »Ich würde am liebsten alle anschreien: Merkt ihr eigentlich nicht, dass es gegen euch geht? ›Tod den Juden!‹ heißt ›Tod der Demokratie!‹« Wer an Demokratie glaube, für den gelte an einem Punkt, an dem jemand wie er rennen müsse: »Dann müsst auch ihr rennen!« Dass sich diese Dringlichkeit nicht auf die Straße übersetze, findet Levit »erschütternd«.

Nach Levits Ansicht ist der Angriff der Hamas auf Israel auch eine Gefahr für das demokratische Deutschland: »Es ist eure Art zu leben, die angegriffen wird«. Das »Nie wieder!«, das »Wehret den Anfängen!«, das »Die Würde des Menschen ist unantastbar« – dies sei »die moralische Grundlage, die Existenzgrundlage dieser Bundesrepublik«, so der Musiker. »Und das wird gerade angegriffen«.

Anlässlich des Gedenkens an die Pogromnacht vor 85 Jahren hatte Igor Levit mit Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) über das Leben als Jude in Deutschland gesprochen. In dem am 9. November über die Kanäle des Bundeswirtschaftsministeriums veröffentlichten Gespräch hatte Levit bereits bekannt, ihm sei »ein sehr substanzieller Teil seines Sicherheitsgefühls verloren gegangen«. Kein Ereignis in der Welt habe ihn »so sehr zum Juden gemacht« wie das vom 7. Oktober.

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In dem »Zeit«-Interview wiederholt Levit diesen Satz. »Ich weiß noch überhaupt nicht, was er heißt«, fügt er an: »Ich spüre nur, dass es so ist.« Er habe jüdische Freunde, die bedeutend älter seien als er und ihm sagten: »willkommen in der Realität.«

Levit kritisierte den Kulturbetrieb: »Mit einigen habe ich im Hintergrund gesprochen und gefragt: Wo seid ihr? Ihr wart doch bei allen diesen anderen Themen da, beim Ausbruch des Ukrainekriegs zum Beispiel! Und da bekam ich nur die Antwort: Israel ist halt kompliziert. Ich bin aber nicht Israel!« Enttäuscht zeigte sich Levit in der »Zeit« über die seiner Meinung nach vorhandene Indifferenz vieler politisch linker Stimmen angesichts des jüdischen Leids. »Das Verhalten vieler, die sich sonst immer gegen dehumanisation hinstellen und jetzt durch Schweigen dehumanisation der Juden betreiben – dieses erkaltete Verhalten schockiert mich«, sagte er.

Levit bei einem Benefizkonzert für die Ukraine: »Oh, warte mal, Antisemitismus ist offensichtlich für einige von euch doch nicht so schlimm, Freunde«

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Foto: Carsten Koall / dpa

Levit ging dabei deutlich auf Distanz zu dem Milieu, dem er sich bislang selbst zugehörig fühlte. »Ich habe immer darauf vertraut, dass meine politischen Verbündeten, die von universeller Menschlichkeit sprechen, die immer ihre Stimme gegen Rassismus oder Frauenfeindlichkeit erhoben haben, auch für Juden einstehen«, sagte der Künstler. »Jetzt, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Judenhassexplosion erlebe, merke ich, oh, warte mal, Antisemitismus ist offensichtlich für einige von euch doch nicht so schlimm, Freunde.«

Zu den Aussagen der Klimaaktivistin Greta Thunberg über den Nahostkonflikt sagte Levit: »Ich war fassungslos. Ich war auch ob der Dummheit fassungslos – wie hohl, wie bescheuert.« Er hob aber die Klarheit hervor, mit der sich die deutsche Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer von jeder Form des Antisemitismus distanziert habe.

feb/dpa/AFP

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