Allroundmusiker Widmann: Mut zum Absurden
Allroundmusiker Widmann Mut zum Absurden
Mit der Trompete im Konzertsaal assoziiert man gern Vivaldi und Bach, den seligen Maurice André, ein bisschen Weihnachten oder blechglänzende Festlichkeit. Dass sich das inzwischen ein wenig geändert hat, ist frischen Talenten wie den Damen Tine Ting Helseth oder Alison Balsom anzurechen - oder eben dem russischen Virtuosen Sergei Nakariakov, der seit Jahren die stilistische Bandbreite als Markenzeichen kultiviert. Im letzten Jahr war er mit dem deutschen Jazz-Star Till Brönner auf Tournee, der keinen besseren Sparringspartner für Höchstleistungs-Duette hätte finden können.
Falls es einer Technik-Prüfung für Nakariakov bedurft hätte: Mit seinem "Ad absurdum - Konzertstück für Trompete und kleines Orchester" lieferte der deutsche Komponist Jörg Widmann einen wahren Zauberkasten für Blechbläser. Die flinken Staccato-Attacken, die vom Trompeter perfekte Atemtechnik und saubersten Ansatz verlangen, fliegen und wirbeln förmlich durch immer wieder zackig akzentuierendes Orchester. Rimski-Korsakows altbekannter "Hummelflug" erscheint dagegen als gemütlicher Ausflug. Natürlich schwebte Widmann bei diesem 2002 komponierten Kabinettstückchen etwas mehr als nur Trompetenzirkus vor. Federnde, kraftvolle Streicher, Klangvarianten und Ensemble-Präzision halten gut mit, wenn Nakariakov loslegt.
Flinke Staccato-Attacken
Das Irish Chamber Orchestra profiliert sich hier als optimaler Klangkörper für diese Tour de Force. Die Geschichte des Virtuosen-Ensembles aus irischen und internationalen Musikern reicht zurück bis ins Gründungsjahr 1963, als János Fürst in Dublin das Orchester formte. Heute leiten die Konzertmeisterin Katherine Hunka und Gábor Takács-Nagy (Principal Artistic Partner) das Ensemble, das sich vor allem neuen Wegen der Musikvermittlung widmet. Kooperationen mit Oper und Theater gehören ebenso dazu wie Aufführungen Neuer Musik und musikpädagogische Arbeit mit Kindern. Hierzu holten sie sich den deutschen Solisten und Komponisten Jörg Widmann als Ersten Gastdirigenten und weitere Kreativquelle. Eine gute Wahl, denn Widmann verfügt über enorme Erfahrung mit Kammermusik und kleinen Ensembles. Seine Innovationen als Komponist können überdies das Repertoire des Irish Chamber Orchestra bereichern.
Widmanns sorgfältiger Umgang mit Details prägt auch die Interpretation der beiden Mendelssohn-Sinfonien, die das "Ad absurdum" umrahmen. Mendelssohns Melodienfülle blüht unter dem Dirigat Widmanns zu einem rauschenden Klangfest auf, das durch die penible Finesse des Irish Chamber Orchestra stets kompakt und detailgenau abläuft. Widmann wählt für beide Symphonien gewagt rasche Tempi, er startet ein Rennen ohne Sicherheitsgurte, mit Beweglichkeit und schwereloser Eleganz, was aber den romantisch-stürmenden Geist von Mendelssohns Musik genau trifft.
Selbst die oft interpretierte "Italienische" op. 90 klingt wie neu gehört, und die selbstbewusste Direktheit des irischen Kammerorchesters bekommt dem Konzertsaal-Hit bestens. Offenbar funktioniert die künstlerische Kommunikation zwischen Widmann und seinem Ensemble bestens, was für die Zukunft noch Spannendes erwarten lässt.
Publikumswirksame Avantgarde
Man kann nur hoffen, dass Jörg Widmann weiterhin viel Zeit für eigene Werke finden wird, denn sein Oeuvre wuchs in den letzten Jahren beständig, trotz vielfältiger Arbeit als Dirigent. Neben Gastspielen in Berlin (Rundfunk-Sinfonieorchester), Zürich (Tonhalle), Stuttgart, Baden-Baden und andernorts. Bekannte Pult-Kollegen wie Andris Nelsons, Christian Thielemann oder Paavo Järvi sind bekennende Widmann-Fans, wie auch der verstorbene Pierre Boulez. Jörg Widmann, 1973 in München geboren, studierte Komposition unter anderem bei Wolfgang Rihm, mit dem zusammen er als erfolgreichster, sprich publikumswirksamster, zeitgenössischer Tonsetzer aus Deutschland gilt. In seiner Musik verbindet er avantgardistischen Erfindungsreichtum mit tonalen Reminiszenzen: Eine Mixtur, die auch bei einem breiten Konzertpublikum ankommt. Da folgen ihm eher konservative Musikhörer auch, wenn er hoch ambitionierte Werke wie das atemberaubende und technisch extreme Werke wie das Cellokonzert "Dunkle Seiten" (2000) präsentiert, das selbst der Widmungsträger Jan Vogler sich erst einmal erarbeiten musste. Gerade bei Widmann gilt: Wenn die Innovation stimmt, folgt das Publikum auch in neue Gefilde.
Sergei Nakariakov (Künstler), Irish Chamber Orchestra (Künstler), Jörg Widmann (Komponist, Dirigent), Felix Mendelssohn (Komponist):
"Mendelssohn, Symphonien 1&4 - Widmann, 'Ad Absurdum'"
CD; Orfeo; 21,99 Euro
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