Joy Crookes: Londoner Seelchen
Pop-Newcomerin Joy Crookes Vergleicht sie nicht mit Amy Winehouse
Das Schöne an Konzerten in Berlin ist ja: Es können immer alle schon alles mitsingen, auch wenn der oder die Künstlerin hierzulande noch gar nicht bekannt ist; es leben einfach so viele Ex-Pats, in diesem Fall Briten, in der Stadt, dass jeder Auftritt zum Heimspiel wird.
So war es auch am Dienstagabend in Kreuzberg, als Joy Crookes nach einem muskulös gespielten Intro ihrer Band (Gitarre, Bass, mächtiges Schlagzeug) die Bühne des kleinen "Musik & Frieden"-Klubs betrat, verschmitzt in den ausverkauften Raum lächelte und in den Jazzfunk-Shuffle ihres Songs "Mother May I Sleep With Danger" hineinglitt.
Den Support der britischen Gemeinde hätte sie für diesen Auftritt gar nicht gebraucht. Schon im September, bei ihrem Festival-Auftritt auf der Hamburger Reeperbahn, hatte die 20-Jährige gezeigt, dass sie auch ein völlig unbedarftes, im Zweifel ignorantes Publikum binnen Sekunden um den Finger wickeln kann. Die Selbstverständlichkeit, mit der Crookes sich auf der Bühne bewegt, die entwaffnende Nonchalance, mit der sie eine Art Instant-Intimität erzeugen kann - und natürlich ihre leicht gurrende, heisere Singstimme, all das sind Elemente, die der Newcomerin bereits Vergleiche mit Amy Winehouse und Lauryn Hill eingebracht haben.
In Großbritannien wird Crookes seit Monaten als eine der größten Pop-Entdeckungen und -Hoffnungsträgerinnen der kommenden Jahre gefeiert. Und wenn man sie auf der Bühne agieren sieht, im burschikosen schwarzen Latzhosen-Top, die langen dunkelbraunen Locken mädchenhaft hinter dem Kopf zusammengesteckt, ein selbstgewisses, aber nicht abgehoben wirkendes Beyoncé-Grinsen im Gesicht, dann weiß man, warum.
Joy Crookes: Londoner Seelchen
Dabei wirkt der Sound ihrer Musik alles andere als zeitgemäß. Zu ihren Vorbildern zählt Crookes den jamaikanischen Reggae-Sänger Gregory Isaacs ebenso wie den irischen Soul-Knatterer Van Morrison. Als Kind, erzählt sie im Interview, habe sie sich stundenlang Videos von alten Livauftritten afroamerikanischer Soul- und Jazz-Diven angesehen: Nina Simone, Billie Holiday, Sarah Vaughan, Eartha Kitt: "Ihr sozialer Status zu jener Zeit war so niedrig, aber wenn sie auf der Bühne standen, sah es aus, als hätten sie ihre Freiheit gefunden. Sie konnten dort tun und lassen, was sie wollten, und sie spielten ihre Songs bei jedem Auftritt anders. Musikalisch waren diese Frauen frei, wenn auch nicht in den Augen der restlichen Welt."
Soul und Jazz, handgemachte Musik, eine Stimme, die alt vor ihrer Zeit klingt, natürlich denkt man da zuerst an die verstorbene Retroqueen-Queen Amy Winehouse. Crookes findet das schmeichelhaft, aber gleichzeitig denkt sie auch: "Fuck!" Denn musikalisch wurde sie zwar von den Jazz-Pionierinnen beeinflusst, ihre ganze künstlerische Haltung ist aber dann doch sehr modernes Update, sowohl des Freiheitsgeistes als auch des Rock'n'Roll-Spirits.
Ihre Mutter kam einst aus Bangladesch nach England, ihr Vater, der von zuhause auszog, als Crookes noch ein kleines Kind war, stammt aus Irland. Als Person of Color weiß sie um die Kategorisierungen im Pop, die leicht zur Falle werden können. In Interviews betont sie daher vehement, dass ihre Musik als Alternative bezeichnet werden soll, nicht als Soul oder R&B. "Ja, klar, ich habe alle diese Einflüsse", sagt sie, "aber es muss doch möglich sein, mich als nicht weiße Person in etwas einzuordnen, was nichts mit meiner Hautfarbe zu tun hat."
Ihren ersten Song, "New Manhattan", nahm sie auf, als sie 15 war. "Es war eine sehr streicherlastige, klassische Ballade, aber alle sagten, das ist R&B. Mich hat das damals sehr verwirrt, ich wusste noch nicht, wer ich war. Wenn Lana Del Rey denselben Song herausgebracht hätte, wäre es einfach Pop gewesen." Wie der US-Idiosynkrat Frank Ocean will sie am liebsten ihr eigenes Genre erschaffen.
Ihrer bikulturellen Identität ist sich Crookes heute bewusst. "Ich bin auf meine irische Herkunft ebenso stolz wie auf die Kultur Bangladeschs, beides ist Teil von mir, es ist eben nicht linear", sagt sie und lacht: Wenn es mit der Karriere nichts wird, dann könne sie immer noch am St. Patrick's Day mit irischen Folktänzen auftreten - in traditionellen indischen Gewändern.
Bis auf Weiteres will sie mit ihrer Musik vor allem junge Frauen ermutigen, sich nicht von rassistischen Beleidigungen oder aggressivem Verhalten entwürdigen zu lassen. "Ich will auf keinen Fall in eine Opferhaltung verfallen. Ich werde oft sehr wütend, auch in meinen Songs, aber herum zu jammern hilft niemandem weiter." Ihre Lieder wirken manchmal, zumal in ihren Studioversionen, etwas zu gediegen, in ihren Texten dagegen verhandelt Crookes mit teils deftiger Sprache den Schmerz und Ärger ihres Großstadtalltags.
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"London Mine" ist so eine kleine Hymne, die im launigen Lily-Allen-Stil viel über die oft unsichtbaren Migrantenschicksale in ihrer Heimatstadt erzählt, aber nicht als Klage, sondern als Feier von Anmut und Würde. "Power", ihr vielleicht stärkstes Lied bisher, ist eine feministische Kampfansage: "You're a man on a mission, but you seem to forget, you came here through a woman - show some fucking respect."
Die Zeile singt sie, inzwischen mit einer Stratocaster-Gitarre bewaffnet, auch in Berlin, und versetzt das vorwiegend weibliche Publikum damit in frenetischen Jubel. Wenige Sekunden zuvor, im selben Song, hatte Crookes noch ganz leise und zart weinen müssen, als es im Text um ihre Mutter ging. Die habe ihre Kultur, als sie damals nach England kam, unterdrücken müssen, weil das soziale Klima im Land Migranten nicht unbedingt willkommen geheißen habe.
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Erst durch Nachfragen und Bohren habe sie mehr über ihre südasiatische Heimat erfahren. Dieses kulturelle Erbe zelebriert sie in ihrem Video zur Ballade "Since I Left You" mit einer künstlerischen Anmut und Ausdruckskraft, die an Solange Knowles erinnert, ihr aktuell größtes Vorbild. "Wir als Musiker haben das Glück eine Stimme zu haben", sagt sie, "wenn wir sie nicht benutzen, um Stellung zu beziehen, was hat das dann alles für einen Sinn?".
Das Konzert in Berlin endet nach dem "Power"-Höhepunkt mit zwei ausgelassenen Funk-Grooves als Zugabe. Joy Crookes ist müde nach dem einstündigen Auftritt, aber man hat das Gefühl, sie könnte trotzdem noch ewig weiterspielen - und immer wieder schelmisch ins Publikum fragen: "Seid ihr noch bei mir?". Die Antwort ist: Ja klar.