Diese Stimmen werden mit Künstlicher Intelligenz in einem Experiment verwandelt.
Einmal die Woche laden die Musiker Holly Herndon und ihr Partner Mat Dryhurst Laienchöre in die Berliner Kunst-Werke zu einer Performance ein, heute den Chor der Humboldt-Universität. Die Sängerinnen und Sänger haben den Musikern erlaubt, mit ihren aufgenommenen Stimmen einen wachsenden KI-Datensatz zu bilden und damit nach Belieben Neues zu erschaffen.
Wie das Ergebnis so eines Experiments klingt, das werden die beiden später vorführen. Bei ihrer Arbeit geht es den Musikern auch darum, Vorbehalte gegen KI-Kunst abzubauen.
Holly Herndon, KI-Musikerin:
»Es ist eine schöne Möglichkeit, den Menschen zu zeigen, dass die KI-Trainingsdaten tatsächlich von irgendwoher stammen: nämlich von uns. Oft wird angenommen, dass KI etwas Fremdes ist. Obwohl sie eine Logik verwendet, die uns fremd erscheint, stammt sie aus unserer Kultur. Sie ist ein Teil von uns.«
Bereits vor zehn Jahren avancierten Herndon und Dryhurst zu internationalen KI-Pionieren. Sie fordern ein Umdenken in der Musikbranche. Viele Profimusiker fürchten, durch Künstliche Intelligenz ersetzt zu werden. Denn anders als Herndon und Dryhurst verwenden OpenAI, Google oder Microsoft für das Training ihrer KI-Modelle Unmengen an urheberrechtlich geschützter Musik.
Mat Dryhurst, KI-Musiker:
»Und dann gibt es unsere Version von Musik: Menschen kommen zusammen, um sich in Echtzeit sinnstiftend über Musik auszutauschen. Unsere Vorstellung von KI ist, dass sie uns in ihrer besten Form dazu bringt, mehr Zeit im Freien zu verbringen, miteinander.«
KI verändert den Musikmarkt schon jetzt. Laut dem Streaming-Anbieter Deezer sind mittlerweile 28 Prozent der dort hochgeladenen Stücke reine KI-Produkte – etwa 30.000 Songs pro Tag. Spotify hat in den vergangenen zwölf Monaten nach eigenen Angaben 75 Millionen reine KI-Songs gelöscht. Und eine Studie zeigt: Im Jahr 2028 soll KI-Musik gut 20 Prozent der Einnahmen von Streamingdiensten ausmachen. Gleichzeitig soll für Musikschaffende in den nächsten fünf Jahren ein Gesamtverlust von zehn Milliarden Euro entstehen.
Mit ihrem Chorexperiment wollen Herndon und Dryhurst für die Musikbranche ein Zeichen setzen: Es geht auch anders.
Mat Dryhurst, KI-Musiker:
»Irgendwo muss doch dieses Kabel sein.«
Einen Tag nach den Chor-Aufnahmen führen sie im Studio vor, wie ihre Version von KI-Musik klingt. Dafür nutzen sie Gesang aus früheren Experimenten – und ein KI-Modell, das sie mit Herndons Stimme trainiert und entwickelt haben: Holly+. Dryhurst singt damit im Duett.
Mat Dryhurst, KI-Musiker:
»Happy Birthday dear Link, happy Birthday to you.«
Holly Herndon, KI-Musikerin:
»Als wir den Prototyp zum ersten Mal im Studio ausprobiert haben, hat Mat mit seinem britischen Akzent gesprochen – mit meiner Stimme. Das war unheimlich und seltsam, und ich musste kurz den Raum verlassen. Aber wir haben so lange daran gearbeitet, dass es jetzt richtig Spaß macht.«
Und so klingt es schließlich, wenn der Computer vom KI-Modell bearbeitete Aufnahmen eines Chors ausspuckt, zum Beispiel gemischt mit Aufnahmen aus einer Zeit, in der Herndon noch Techno statt KI-Musik gemacht hat. Oder so, wenn die KI den Chor mehr zur Geltung kommen lässt.
Am Ende des Berliner KI-Versuchs werden geschätzt mehr als 1000 Chormitglieder ihre Stimmen als Trainingsdaten gespendet haben. Herndon und Dryhurst möchten, dass die ganze Musikszene von ihrer Arbeit profitiert. Deshalb stellen sie ihre mit den Aufnahmen der Berliner Chöre gespeisten KI-Modelle später im Internet frei zur Verfügung.
Holly Herndon, KI-Musikerin:
»Wir setzen uns für die Public Domain ein, damit Forscher und Künstler ebenfalls frei mit diesem neuen Medium experimentieren können. Ohne sich an private Eigentümer oder private Interessengruppen wenden zu müssen.«
KI-Modelle für alle, die niemandem gehören: Kann es damit auf Dauer gelingen, eine Alternative zur Bedrohung durch die Big Tech-Firmen zu erschaffen?
Mat Dryhurst, KI-Musiker:
»Wir sind nicht naiv, es ist eine große Herausforderung. Aber im Bereich der Kunst haben wir die Freiheit zu schauen, wie weit wir damit kommen können. In Zukunft wird das zu einer politischen Frage werden.«
Holly Herndon, KI-Musikerin:
»Ich glaube auch nicht, dass wir mit unseren Kunstprojekten unbedingt die KI-Frage lösen werden. Aber die Rolle der Kunst besteht darin, etwas zu verstehen und eine Vision davon zu entwickeln, wie etwas anders sein könnte. Unsere Vision lautet also: Hey, was wäre, wenn es eine öffentliche KI gäbe? Ganz einfach.«