Opern-DVD "Lear": Bis an die Grenzen
Opern-DVD "Lear" King of Wahnsinn
Dieser Premierenabend am 15. Januar 2012 war der größte Triumph für Simone Young während ihrer zehnjährigen Amtszeit als Chefin der Hamburgischen Staatsoper. Nahezu ungeteilter Jubel für ihren "Lear" brandete nach der zweieinhalbstündigen Tour de Force auf, die Solisten, Musikern und auch dem Publikum alles abverlangte, was zeitgenössisches Musiktheater so fordert.
Feine kammermusikalische Verästelungen, brutalste Tutti-Breitseiten, wilde Dynamiksprünge fürs Orchester: Da gab es fast keine Minute ohne Hochspannung und mystische Konzentration. Dazu extrem ausdrucksstarke Gesangsparts des durchweg blendend besetzten Ensembles, gekrönt von einem König-Lear-Darsteller, dessen Bühnenpräsenz und Stimmgewalt noch die kleinste Gefühls- und Charakternuance des fallenden Herrschers ausfeilte.
Bo Skovhus glänzt als Top-Manager
Diesen "Lear" prägte der dänische Ausnahme-Bariton Bo Skovhus mit seiner ganzen wuchtigen Persönlichkeit und einer virilen Körperlichkeit, die vollkommen mit seiner kraftvollen, dennoch nuancierten Stimme korrespondierte. Kein hinfälliger, greisenhafter Herrscher auf der Abschussliste seiner Feinde agierte hier, sondern ein ins Straucheln geratener Top-Manager, der an den Verhältnissen und an Intrigen scheitert.
Die Regisseurin Karoline Gruber, die diese hochintensive Inszenierung erdachte, scheuchte den verletzlichen Muskelmann Skovhus durch alle Absturzräume der Shakespearschen Tragödienhölle, für die Aribert Reimann eine kongeniale Musik komponiert hat.
Ursprünglich war dieser "Lear" ein Auftragswerk für eben die Staatsoper in Hamburg, die dann 1974 das sperrige Werk doch nicht wollte. Die Uraufführung 1978 in München (mit Dietrich Fischer-Dieskau in der Titelpartie) wurde zum Triumph, mehr als 20 weitere Inszenierungen in Europa und den USA folgten. Simone Young holte diese Inszenierung zurück nach Hamburg, eine der besten Entscheidungen während ihrer Hamburger Zeit.
Grelle Effekte und schlüssige Regie
Kann man diese übersteigerte, die sinnlichen Grenzen auslotende Oper auf einer DVD überhaupt genießen? Man kann, wenn man es wirklich will. Die Musik Reimanns, die keine atonalen Erschütterungen, aber auch keine grellen Effekte auslässt, muss konzentriert gehört werden.
Die "Lear"-Handlung, schon bei Shakespeare ein komplexes Spiel aus menschlichen Abgründen, politischen Verwerfungen und individuellem Wahn, wendet Regisseurin Gruber schlüssig in eine Engführung von gesellschaftlichen und politischen Prozessen, die eine Zeitlosigkeit durch verschiedenartige Bühnenbilder und Symbole schafft. Das bringt allen Gesangssolisten dramatischen Schau-Spielraum, den diese dankbar annehmen und ausschöpfen. Hierzu arbeitet die Bildregie sehr effizient, wenn dabei auch der Druck des Bühnen-Live-Erlebnisses zugunsten der Detailarbeit eingedampft wird. Das Opernhaus-Erlebnis kann nicht ersetzt werden - aber Strukturen und Einzelheiten gewinnen.
Angeblich hat Bo Skovhus während der ersten Proben seine Partitur wütend durch den Saal geworfen, denn "diese Musik ist so schwierig, das kann niemand singen!" Eine Wut, die in Expressivität mündete - und zu einer Interpretation der Partie führte, die ihresgleichen so leicht nicht finden dürfte.
Technische Brillanz und äußerste Disziplin
Beinahe noch größere Wunder schälten sich ein ums andere Mal aus dem Orchestergraben heraus. Selbst Hörer, die mit Reimanns teils wütend greller Atonalität wenig anfangen können, müssen doch die technische Brillanz und äußerste Disziplin des Orchesters bewundern. Simone Young holte alles aus ihrem Ensemble heraus, und die Musikerinnen und Musiker folgten ihr bedingungslos.
Für die DVD wurde eine Aufführung der Wiederaufnahme von 2014 verwendet, die beinahe noch dichter als die Premiere klingt. Detailaufnahmen von Simon Young während ihres Dirigates geben einen kleinen Eindruck von der Riesenhaftigkeit der Partitur und von der reinen Menge an Tönen, die hier so scheinbar leicht bewegt wurden. Auch als Nur-Zuschauer muss man sich extrem konzentrieren, aber das ist essenzieller Teil dieser "Lear"-Erfahrung. Keine problemlose Unterhaltung, aber das bietet ja bekanntlich auch Shakespeares Tragödie nicht.
Aribert Reimann komponierte die Zerstörung des Herrschers, den Weltenbrand in der Nussschale und verlieh dem Wahnsinn musikalische Gestalt und Methode. Young und Gruber erweckten die Erschütterung zum Leben: Wie schön, dass dies hier dokumentiert ist.
Aribert Reimann:
Lear
Simone Young, Karoline Gruber, Philharmoniker Hamburg, Chor der Staatsoper Hamburg
Unitel Classica/Arthaus;
17,99 Euro