Massive Attack - Videopremiere der EP Eutopia - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Videopremiere mit Massive Attack Wie tanzt man Steueroase und Grundeinkommen?

Komplexe Zeiten erfordern neue Protestsongs: Die Band Massive Attack macht mit ihrer neuen EP #Eutopia einen konstruktiven Versuch - und landet in der Info- und Reizüberflutung. Mit exklusiver Videopremiere.
Politisch aktive Popband Massive Attack: Bewusst konstruktiv
Politisch aktive Popband Massive Attack: Bewusst konstruktiv

Politisch aktive Popband Massive Attack: Bewusst konstruktiv

Foto:

Universal Music

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Pop und politischer Aktionismus vertragen sich oft nicht gut: Dem eskapistischen Hedonismus steht das Agitatorische diametral entgegen. Politische Popsongs kommen daher allzu oft als triefnasige Moralkeulen daher ("Karl der Käfer wurde nicht gefragt"), spielen die Kitschkarte ("Do They Know It's Christmas") oder sind zähnefletschende Propaganda wie bei Public Enemy oder Rage Against the Machine.

Dabei ist die emotionale Wirkmacht von Popmusik eigentlich ideal, um politische Botschaften zu tragen - mit allen unbehaglichen Implikationen einer solchen Beschallung, die immer auch ein manipulatives Moment enthält.

Beeindruckende Versuchsanordnung

Auch Massive Attack scheitern mit ihrer ambitionierten neuen EP ultimativ an einer sinnhaften Verschränkung von tanzbarer Musik und gesellschaftspolitischer Message - aber die Versuchsanordnung allein ist beeindruckend und suggestiv. Die seit Langem musikalisch eher inaktive Trip-Hop- und Elektropopband aus Bristol hat vergangene Woche unter dem Hashtag #Eutopia eine EP mit drei dezidiert politischen Songs veröffentlicht. Als musikalische Gäste wurden die schottische Politrockband Young Fathers, die nicht minder politisierte US-Soulband Algiers sowie der Alternativ-Hip-Hopper und Poet Saul Williams rekrutiert.

Damit nicht genug: Über jeden der druckvollen Elektro-Tracks läuft eine Spoken-Word-Spur, auf der maßgebliche Intellektuelle etwas über drängende Probleme der Gegenwart erzählen: Die aus Costa Rica stammende Diplomatin Christiana Figueres, federführende Autorin des Pariser Klimaabkommens, mahnt Regierungen wie Individuen, die Coronakrise zum Umbau der Gesellschaft und Wirtschaft zu nutzen. Der Londoner Wirtschaftsprofessor Guy Standing darf noch einmal die Vorzüge des von ihm miterfundenen bedingungslosen Grundeinkommens aufzählen, Berkeley-Professor und Google-Stipendiat Gabriel Zucman spricht über die obszönen Steueroasen der Reichen und propagiert seine Idee einer "Wealth Tax".

Damit einem keine Botschaft entgeht, werden die gesprochenen Sätze auch noch im Video als animierte Textzeilen reproduziert. Inkonsequent am Rande: Der deutsche KI-Künstler Mario Klingemann, der die weitgehend obskuren Visuals zu den drei Tracks erstellt hat, ist ein resident artist des "Arts and Culture"-Programms von Google, einem der wohl größten Nutznießer von Steuerparadiesen der Weltwirtschaft.

Die Tracks mit deutschen Texttafeln sehen Sie hier als exklusive Videopremiere:

Der Corona-Lockdown habe die besten und schlimmsten Aspekte der Menschheit freigelegt, schreiben Massive Attack in einer Pressemitteilung, zurzeit besteht die Band aus den Gründern Robert "3D" Del Naja und Grant "Daddy G." Marshall. "Die Phase der Unsicherheit und Angst zwang uns dazu, über den offensichtlichen Bedarf zu meditieren, die schädigenden Systeme zu ändern, nach denen wir leben. In der Arbeit mit den drei Experten haben wir einen akustischen und visuellen Dialog über diese globalen, strukturellen Themen erschaffen."

Die Wahl des Titels #Eutopia ist natürlich eine Reverenz an Thomas Mores optimistische Gesellschaftsvision "Utopia" von 1516. Doch Del Naja, der die drei Stücke zusammen mit dem Autor und Filmemacher Mark Donne konzipierte, verwehrt sich, einfach bloß eine bessere Welt herbeifantasieren zu wollen. "Der Geist dieser EP, ihre Elemente und Ideen, haben nichts mit der naiven Begrifflichkeit einer idealen, perfekten Welt zu tun", schreibt er, "dafür aber alles mit der ganz praktischen Notwendigkeit, etwas Besseres zu erbauen."

So universell bemüht (und arg verkopft) klingen dann auch die drei unbetitelten Tracks, die jeweils nur mit einem Hashtag verschlagwortet wurden: #universalbasicincome, #taxhavens, #climateemergency. Allein der Anspruch, solche abstrakten Gebilde in einen Popzusammenhang zu zwingen, ist radikal, aber auch willkürlich. Warum gerade diese drei Aspekte? Naheliegend wäre ja zum Beispiel auch ein Stück über Identitätspolitik oder die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung von Minderheiten gewesen. Sowohl Massive Attack als auch die Young Fathers und Algiers zählen übrigens zu den Unterstützern der wegen antisemitischer Tendenzen umstrittenen Organisation BDS , die sich für den Freiheitskampf der Palästinenser in Israel einsetzt. Die Debatte darüber hätte aber wahrscheinlich alle konstruktiven Ansätze von #Eutopia überlagert.

Auch ohne diese kontroverse Ebene ist die Überforderung groß, all die sicht- und hörbaren Informationen von #Eutopia zu verarbeiten - und letztlich ein Widerspruch zur sloganhaften Griffigkeit, die Pop ausmacht. Letztlich ist dieser Reizsturm ein Abbild der unübersichtlichen Komplexität unserer Zeit, deren Verarbeitung Künstler vor neue Herausforderungen stellt. Ein "Tanz die Steueroase" in den Charts wird aus Massive Attacks Projekt kaum. Dafür winkt den Briten Anerkennung in der Kunst- und Intellektuellenblase - und vielleicht ein Platz im Museum für ihr bewusst konstruktives, also lobenswerterweise nicht lamentierendes Update des Protestsongs mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts.

Vielleicht präsentiert man es dort gleich neben der politischen Pop-Art des anonymen Graffitikünstlers Banksy, von dem seit Jahren immer wieder behauptet wird, er sei in Wahrheit Robert Del Naja oder ein Kollektiv unter seiner Führung. So subtil wie dessen Kunst ist diese massive Attacke auf Sinne und Gewissen allerdings nicht.