Musik-Festival in Monterey: Clint Eastwood erklärt den Jazz - DER SPIEGEL
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Monterey Jazz Festival: "Der Großvater alles Festivals"

Foto: Janko Tietz

Musik-Festival in Monterey Clint Eastwood erklärt den Jazz

Das Monterey Jazz Festival gehört zu den etabliertesten Musikertreffen der Welt. Doch die 54. Auflage zeigte, dass es den Veranstaltern bestens gelingt, sowohl junge Besucher als auch junge Musiker anzuziehen. Das begeisterte nicht nur Hollywood-Legende Clint Eastwood.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist ja nachvollziehbar, dass ein Musik-Festival schon im Vorfeld seiner Eröffnung versucht, möglichst viel Furor zu machen. Warum aber das Monterey Jazz Festival wenige Tage vor Start am vergangenen Freitag auf seiner Facebook-Seite ein Foto veröffentlichte, das jenen Bühnenabschnitt zeigte, auf dem Jimi Hendrix erstmals seine Gitarre demolierte und abfackelte, erschließt sich nicht so richtig. Einerseits wird man die Generation Facebook kaum mit Hendrix locken. Andererseits wütete er gar nicht beim Jazz-Festival, sondern beim gleichnamigen Pop-Festival, das 1967 am selben Ort stattfand, nach Hendrix' Eskapaden aber nie wieder.

Dabei atmet Monterey Geschichte, auch ohne sich auf Hendrix zu beziehen. 1958 vom damaligen DJ Jimmy Lyons und dem späteren Gründer des Musikmagazins "Rolling Stone", Ralph J. Gleason, aus der Taufe gehoben, ist es inzwischen eines der ältesten Jazz-Festivals der Welt und eines der prestigeträchtigsten und renommiertesten allemal. Nur eines der größten Festivals ist es bewusst nicht - und genau das scheint das Geheimnis zu sein.

Das Fairground-Gelände am Rande des legendären Pacific-Coast-Highway Nr. 1 liegt zwischen alten, Schatten spendenden Bäumen, die alte Rodeo-Arena ist seit ihrem Bau in den frühen sechziger Jahren unverändert geblieben, die Patina der Spielstätte verleiht der Musik einen unvergleichlichen Charme. Hier wird nichts aufgemotzt, hier greifen die Festival-Macher noch zu Pinsel und Farbe, um jedes Jahr aufs Neue die Bühnendekoration und das Festival-Motiv aufzumalen. Hier stören keine Sponsoren-Logos von all den tollen Firmen, die diese Musik "präsentieren". Das Essen ist einfach, kommt aus Korea, Ghana oder Jamaica und wird aus gewöhnlichen Imbiss-Buden gereicht. In den weitläufigen Wiesen des Areals liegen die Leute mit Strohhüten in der Sonne auf Decken, machen Picknick und lauschen der Musik auf der Garten-Bühne. Zwischen Publikum und Festival ist es zu einer fast familiären Beziehung gekommen. Mitunter reservieren manche Besucher seit 20 Jahren immer denselben Sitz in der Arena.

Von der Uni auf die Bühne

Auch am vergangenen Wochenende strömten wieder 40.000 Menschen zur 54. Auflage des Monterey-Jazz-Festivals, darunter auffallend viele junge. Vielleicht ist es das größte Verdienst des Festival-Leiters Tim Jackson, dass er die Transformation in die Neuzeit geschafft hat. Man könnte anmerken, dass ihm auch gar nichts anderes übrig bleibt: Die meisten alten Jazzer sind tot. Aber Leuten wie Jackson ist es zu verdanken, dass damit nicht auch der Jazz stirbt.

Jedes Jahr gastieren hier neben den großen Namen auch die Nachwuchsorchester der amerikanischen Musik-Highschools. Der heute 42-jährige Star-Saxofonist Joshua Redman zum Beispiel spielte einst auch als Berkeley-Student hier, dieses Jahr arbeitet er als Artist-in-Residence mit den Nachwuchsmusikern zusammen, die überall auf dem Geländer ihre Instrumenten-Koffer mit sich herumschleppen und auf Jam-Sessions mit den Etablierten hoffen. In Monterey war ein eindeutiges Indiz dafür, dass es mit dem Genre Jazz weitergeht, dass die meisten Musiker während der gesamten drei Tage fast ausnahmslos Neukompositionen präsentierten. Manchmal akademisch komplex, manchmal kraftvoll virtuos, immer aber voller überbordender Spiellaune.

Zwar geizte auch am letzten Wochenende das Programm nicht mit big names. Die Soul-Sängerin India.Arie war dabei, Herbie Hancock oder Sonny Rollins. Aber es hat nicht viel verpasst, wer sie gemieden hat. Hancock klimperte mal wieder etwas uninspiriert auf seiner Batterie von Tasteninstrumenten herum, um sich ein Arsenal von Computermonitoren aufgebaut, unentschlossen, ob er sich akustisch am Flügel oder elektronisch an seine Headhunters-Zeiten anknüpfend ans Publikum wenden soll. Der "Saxophon-Colossus" Rollins kündigte schon im Vorfeld an, viel Bekanntes zu spielen, was man dem 81-Jährigen aber gern nachsieht.

Highlights des Festivals war zweifellos die Jungen, die amerikanische Saxofonistin Tia Fuller oder die japanische Ausnahmepianistin Hiromi Uehara. Vor fünf Jahren war Hiromi, wie sie sich selbst kurz nennt, schon einmal hier, damals spielte sie auf der kleinsten Nebenbühne des Festivals. Diesmal füllte sie die 6500 Menschen fassende Arena und riss die Menge zu Standing Ovations hin. Im Trio mit dem Bassisten Anthony Jackson und dem britischen Schlagzeuger Simon Phillips zelebrierte sie Musik, die sich in einem Wort zusammenfassen lässt: Energie. Ihr Spiel ist so kraftvoll, dass es sie nicht auf dem Klavierschemel hält und sie streckenweise im Stehen spielt. Hiromi hat das Piano komplett unter Kontrolle. Sie legt eine Empathie für ihr Instrument und den Jazz an den Tag, wie man sie nur selten hört.

Was der Jazz im Kino kann

Doch Monterey bot nicht nur Musik in der Praxis, sondern auch in der Theorie. So stellte Susan Brecker ihren Film "More to Live for" vor. Brecker ist die Witwe des Tenorsaxophonisten Michael Brecker, der im Januar 2007 an dem Myelodysplastischen Syndrom, einer seltenen Erkrankung des Knochenmarks verstarb, weil er keinen geeigneten Spender fand. Durch ihren Film und ihre Stiftung hat Brecker auf die Krankheit aufmerksam gemacht, Spender gefunden und weltweit bislang mehr als 150 Leben gerettet.

Schließlich kam es noch zu einer Begegnung, die anderswo kaum denkbar wäre, in Monterey aber selbstverständlich zu sein scheint. Der vierfache Oscar-Gewinner Clint Eastwood setzte sich auf ein Podium und philosophierte über die Rolle des Jazz im Kino. Eastwood wohnt gleich nebenan in der Kleinstadt Carmel und gehört seit 1992 zum Board des Festivals. Die Baseball-Kappe lässig über das Knie gehängt, sagte der Hollywood-Veteran: "Keine andere Musik kann Stimmungen im Film besser transportieren als Jazz." Er selbst hat das in eigenen Filmen immer wieder getan. In "Mystic River" unterlegte er ganze Szenen mit einem an Bill Evans erinnernden Solo-Piano. In "In The Line Of Fire" wirft er als abgehalfterter CIA-Agent Handschellen und Pistole auf das Miles-Davis-Album "Kind Of Blue", während aus der Stereoanlage Davis' "Blue In Green" trompetet. Er lobte George Clooneys Film "Good Night, And Good Luck", in dem die Sängerin Dianne Reeves eine zentrale Rolle spielt. "Sie singt so zurückgenommen, old school im besten Sinne", so Eastwood. "Gerade versuche ich das Beyoncé beizubringen, aber es gelingt mir nicht." Mit der R'n'B-Sängerin arbeitet er gerade an einem Remake des Filmklassikers "A Star is Born".

Und wie findet er das Monterey Jazz Festival? "Es ist ist der Großvater aller Jazz-Festivals", sagte Eastwood zu SPIEGEL ONLINE. "Ich war schon 1958 beim ersten als junger Mann dabei." Nur während seiner Zeit bei der Army hätte er einige Jahre verpasst. Seitdem gehe er wieder regelmäßig nach Monterey und mische sich unter die Massen. "Heute ist Jimmy Lyons' Traum wahr geworden. Monterey ist eine Perle der Jazz-Musik", sagte Eastwood. "Ich habe hier Sternstunden erlebt. Aber jetzt muss ich leider weiter, meine Frau zum Essen einladen". Verschwand und stellte sich in die Schlange am Imbiss-Stand "India Gourmet".